Alumni Story: Carolin Kremer Ebenau & Thorsten van der Velten

Carolin Kremer-Ebenau und Thorsten van der Velten verbindet nicht nur ihr Engagement für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, sondern auch, dass beide ihre berufliche Laufbahn an der Universität Münster begannen und sich in der Fachschaft Wiwi engagierten. Während Carolin Kremer-Ebenau Volkswirtschaftslehre studierte, legte Thorsten van der Velten mit einem Studium der Betriebswirtschaftslehre den Grundstein für seine Karriere. Bereits während dieser Zeit sammelten beide wertvolle Praxiserfahrungen, die ihre späteren beruflichen Wege prägten.

Nach dem Studium führte sie ihr Werdegang zunächst in unterschiedliche Richtungen: Carolin Kremer-Ebenau arbeitete sechs Jahre bei PwC und anschließend über zwei Jahrzehnte bei EY, wo sie das Business Development mit aufbaute, globale Marktstrategien begleitete sowie Leadership-Programme entwickelte. Thorsten van der Velten baute sich parallel eine beeindruckende Laufbahn im Handel und E-Commerce auf – unter anderem bei der Otto Group, Tchibo und Beate Uhse Homeshopping, später als CEO und Unternehmensberater.

Vor kurzem haben sich ihre Wege wieder gekreuzt: Seit Dezember 2024 (Thorsten van der Velten) bzw. Februar 2025 (Carolin Kremer-Ebenau) sind beide als Geschäftsführer gemeinnütziger Vereine in Hamburg bzw. Jena tätig, die Psychosoziale Zentren (PSZ) für geflüchtete Menschen mit Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Folter und sexualisierter Gewalt betreiben. Beide wechselten nach erfolgreichen Jahren in großen Unternehmen in den gemeinnützigen Bereich – getragen von ihrer Überzeugung, mit Erfahrung, Expertise und Engagement einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können.

Im Interview mit Carolin Kremer-Ebenau und Thorsten van der Velten erfahren wir mehr über ihre aktuelle Arbeit bei refugio thüringen e.V. und SEGEMI e.V., darüber, wie sie den Wechsel von internationalen Konzernen in den Non-Profit-Bereich erlebt haben, welche Erfahrungen aus ihrer Zeit in der Privatwirtschaft sie heute prägen – und welche Erinnerungen sie mit ihrem gemeinsamen Studienort Münster verbinden.

Frau Kremer-Ebenau, Sie leiten seit Anfang 2024 den Verein refugio thüringen e.V., Herr van der Velten, Sie haben im Dezember 2024 die Geschäftsführung von SEGEMI e.V. übernommen. Welche Schwerpunkte setzen Sie jeweils in Ihrer Arbeit – und was motiviert Sie besonders an der Tätigkeit in einer gemeinnützigen Organisation?

Thorsten van der Velten: Die Schwerpunkte meiner Arbeit liegen vor allem in der Leitung unserer Geschäftsstelle sowie in der Sicherstellung unserer Finanzierung. Zum ersteren gehören sämtliche Aspekte der Administration und Organisation, die Führung von Kolleg:innen sowie die Vertretung der Vereinsinteressen nach außen. Der zweitgenannte Schwerpunkt umfasst vor allem die Akquise finanzieller Mittel bei staatlichen Institutionen auf europäischer, Bundes- und Landesebene, bei Fördermittelgebern wie der UNO-Flüchtlingshilfe, Amnesty International, diversen Stiftungen und den Fernsehlotterien sowie durch Spenden von Unternehmen und Einzelpersonen.

Allein mit meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung sowie meinen langjährigen Erfahrungen in mittleren und großen Unternehmen kann ich so einen Beitrag zu einer gesellschaftlich relevanten und zugleich sinnstiftenden Aufgabe leisten; dies motiviert mich ungemein.

Carolin Kremer-Ebenau: Die Stellenausschreibung bei refugio war ähnlich wie das, was Thorsten gerade aufgezählt hat. Der Verein war verwaltungsseitig sehr gut aufgestellt, in den letzten Jahren jedoch, vor allem durch drei sehr große EU-Projekte, stark gewachsen. Ich sollte mich, so die Vorgabe des Vereinsvorstands, zunächst besonders auf noch offene Baustellen im durchaus schmerzhaften Prozess der Organisationsentwicklung fokussieren. Wenige Tage nach dem Ende meiner Probezeit wurde dieser Plan allerdings jäh von der Realität einkassiert: Wegen einer völlig unerwarteten Umstellung bei der Verteilung der EU-Fördermittel in Deutschland brach zunächst weit mehr als die Hälfte unseres Budgets weg. Das bedeutete dann Krisenmodus und Organisationsentwicklung in entgegengesetzter Richtung. So hatte ich mir meinen Einstieg natürlich nicht vorgestellt. Andererseits ist Krisenmanagement wiederum auch eine reizvolle Gestaltungsaufgabe. Und dazu beizutragen, geflüchteten Menschen in extrem schwierigen Lebensumständen zu ermöglichen, ihren Alltag wieder bewältigen und sich idealerweise in Deutschland gut integrieren zu können, ist ein großer Ansporn für mich.

Sie beide haben viele Jahre in der Privatwirtschaft und in großen Unternehmen gearbeitet, bevor Sie in den Non-Profit-Bereich gewechselt sind. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit prägen Sie heute besonders? Und gibt es etwas, das Sie bewusst ganz anders machen möchten?

Carolin Kremer-Ebenau: Bei Unternehmensberatungen ist man nicht nur an der Kundenfront, sondern auch als interner Dienstleister hochtourig unterwegs. Eine gute Auffassungsgabe auch für komplexe Zusammenhänge sowie die Fähigkeit und Erfahrung, das „große Ganze“ im Auge behalten und umsetzbare Strategien entwickeln zu können, helfen mir gerade ungemein. Geprägt hat mich ganz sicher auch die langjährige Arbeit in multidisziplinären und multikulturellen Teams sowie – schon lange vor Corona – im Homeoffice. Ich bin allerdings nicht gewechselt, um etwas bewusst ganz anders zu machen, sondern um mich durch neue Herausforderungen fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.

Thorsten van der Velten: Meine Erfahrungen im Studium und in der Privatwirtschaft haben mir gezeigt, dass – neben diversen äußeren Faktoren – insbesondere Fachwissen, Methodenkenntnisse und zwischenmenschliche Kommunikation für den Erfolg von Organisationen entscheidend sind. Das notwendige Fachwissen ist von Aufgabe zu Aufgabe, von Organisation zu Organisation unterschiedlich, muss und kann aber auch erworben werden. Methodenkenntnisse wie Team- und Selbstorganisation, Entscheidungsfindung und „Change Management“ sind universeller und gleichermaßen in jedweder Organisation anwendbar. Am meisten hat mich aber das Motto „All business is people’s business“ geprägt: Der Erfolg einer jeden Organisation hängt im Wesentlichen von ihren Menschen ab. Menschen in Non-Profit-Bereich haben oft andere Motivationen und Bedürfnisse als Akteur:innen in der Privatwirtschaft. Die zwischenmenschliche Kommunikation im Non Profit-Bereich sollte bewusst anders gehandhabt werden.

Der Schritt von internationalen Konzernen und Beratungen hin zu sozialen Organisationen ist ein großer. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Wechsel zu vollziehen – und welche neuen Herausforderungen erleben Sie jetzt im gemeinnützigen Bereich?

Thorsten van der Velten: Mein wesentlicher Beweggrund war, dass ich nach vielen Jahren in privatwirtschaftlichen Unternehmen zum „Herbst meiner Karriere“ noch einmal etwas Sinnstiftendes machen wollte; der Gesellschaft etwas zurückgeben, gerade in diesen äußerst turbulenten und herausfordernden Zeiten. Ein weiterer Grund war aber sicherlich auch eine deutlich bessere „Work-/Life-Balance“, die mir mehr Zeit für meine Kinder und meine Hobbies erlaubt.

Die größten Herausforderungen im gemeinnützigen Bereich waren für mich die ungewohnten, weniger professionellen und teils ineffizienten Rahmenbedingungen: ehrenamtliche Vorstände und Kolleg:innen, die manches Mal nicht zuverlässig erreichbar sind, Kolleg:innen, deren Motivation kaum an persönliche Karriere und Gehalt gekoppelt ist, und damit einhergehend ein deutlich größerer Bedarf an wertschätzender Kommunikation.

Carolin Kremer-Ebenau: Das mit einer besseren „Work-/Life-Balance“ hat zumindest in meinem Fall noch nicht geklappt – und ich bezweifle ehrlich gesagt auch, dass Sozialwirtschaft und gemeinnützige Organisationen die richtigen Branchen für eine derartige Zielsetzung sind. Für mich ist allerdings wie für Thorsten ebenfalls wertvoll, beruflich etwas gesellschaftlich Sinnstiftendes tun zu dürfen. Ich habe mich seit 2016 ehrenamtlich in der Unterstützung Geflüchteter engagiert. Noch in meiner Zeit bei EY habe ich eine Weiterbildung zum systemischen Coach absolviert. In meiner Tätigkeit bei refugio fügt sich wundersamer Weise alles zusammen. Größte Herausforderungen? Politik und Verwaltung verlassen sich darauf, dass sich die Zivilgesellschaft um Menschen in prekären Lebenslagen kümmert. Zugleich erschweren sie die Arbeit gemeinnütziger Organisationen aber durch überbordende Bürokratie und ständiges Misstrauen enorm. Das macht etwas mit den Menschen, die im gemeinnützigen bzw. sozialen Bereich tätig sind.

Sie beide haben Ihre akademische Laufbahn an der Universität Münster begonnen – Frau Kremer-Ebenau im Fach Volkswirtschaftslehre, Herr van der Velten in der Betriebswirtschaftslehre. Was verbinden Sie rückblickend mit dieser Zeit? Und welchen Rat würden Sie heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Carolin Kremer-Ebenau: Jede:r muss den eigenen Weg finden, aber meiner Überzeugung nach sollte man die Zeit in Schule und Studium nutzen, sich vielseitig auszuprobieren und dabei über den Tellerrand hinauszuschauen! Aus heutiger Sicht bin ich extrem dankbar, dass das Studium damals noch ziemlich frei und wenig verschult war. Mein Schwerpunktfach „Kooperationen, insbesondere Genossenschaftswesen“ bei Prof. Bonus und Prof. Großekettler würde ich jederzeit wieder wählen. Zwei Skiseminare sowie das erste Harvard Business Cases-Seminar am FB04 habe ich ebenfalls in guter Erinnerung, weniger die überfüllten Hörsäle. Neben VWL habe ich ein Grundstudium in Geschichte und Politikwissenschaften absolviert, mit einem 2-semestrigen Abstecher in die Philosophie, war als AStA-Sozialreferentin im Aufsichtsrat des Studentenwerks, habe als studentische Hilfskraft an der medizinischen Fakultät gearbeitet und das Symposium Oeconomicum Muenster mitbegründet. Und hatte, ich kann es im Nachhinein kaum fassen, trotzdem noch Zeit und Energie für Studentenorchester, Ausflüge an Werse, Aasee usw. sowie viele, viele Fêten. Auch mein AIESEC-Praktikum in Katowice noch vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ hat mich für meinen weiteren Lebensweg sehr geprägt – und wenn ich länger darüber nachdenken würde, fiele mir wahrscheinlich noch sehr viel mehr ein.

Thorsten van der Velten: Rückblickend betrachtet war meine Zeit an der Universität Münster sehr prägend und voll schöner Erinnerungen. Ich habe nicht nur fachlich viel gelernt, sondern auch durch die Mitarbeit in diversen universitären Gremien (Fachschaft, Fachbereichsausschüsse, AStA...) mich menschlich weiterentwickelt. Zudem habe ich das Studierendenleben in einer der schönsten Städte Deutschlands genossen und viele Freundschaften geschlossen, die teilweise bis heute bestehen.

Daher wäre auch mein Rat an die heutigen Studierenden: Nehmt das Studium ernst, engagiert euch in Gremien oder Vereinen und genießt die Zeit an der Universität Münster!

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