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Dekanat

„Handelsabkommen machen uns unabhängiger“: Prof. Kempa über Zölle, Wachstum und neue Technologien

Prof. Dr. Bernd Kempa ist seit 2008 Direktor des Instituts für Internationale Ökonomie an der Universität Münster. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät forscht er zur internationalen Makroökonomik, monetären Außenwirtschaft und Geldpolitik.

Vor gut einem Jahr begann Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hohe Zölle für Handelspartner anderer Länder zu erheben. Welche Auswirkungen solche Alleingänge auf den globalen Handel haben und welche effektiveren Mittel es gibt, um das Wachstum zu erhöhen, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Bernd Kempa im Interview mit Brigitte Heeke.

Die Zölle, die Donald Trump entgegen geltendem Recht erhoben hatte, müssen nun doch zurückgezahlt werden. Im Raum stehen enorme Summen. Was kommt da auf die Amerikaner zu?

Präsident Trump hat diese Zölle unter Berufung auf ein Notstandsgesetz, dem sogenannten ‚International Emergency Powers Act‘ aus dem Jahre 1977, am Kongress vorbei verhängt. Der Supreme Court hat dieses Vorgehen für rechtswidrig erklärt, das Handelsgericht die Zurückzahlung angeordnet. Die 130 Milliarden, von denen gerade die Rede ist, werden zusätzlich verzinst, sodass die Summe faktisch noch größer ist.

Das ist viel Geld, vor allem, wenn man die aktuelle Wirtschaftslage in den USA bedenkt ...

Es entspricht in etwa zwei Prozent des US-Staatshaushaltes. Es wird nun versucht, die Zahlungen zu strecken, indem die älteren Fälle erst später bearbeitet werden.

Allein die Verteilung dürfte doch ein bürokratischer Kraftakt sein?

Die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP hat dafür ein eigenes Werkzeug namens CAPE entwickelt, bei der die Erstattungsansprüche gebündelt bearbeitet werden. Rückerstattungen sind aber derzeit nur für bestimmte Zollfälle möglich – etwa für noch nicht endgültig veranlagte Einfuhren oder für kürzlich abgeschlossene Fälle.

Können Sie dafür bitte ein Beispiel nennen?

Die CBP zahlt ausschließlich an Firmen, welche die Zölle direkt an die US-Zollbehörde entrichtet haben. Auch deutsche Unternehmen können Zollrückzahlungen aus den USA einfordern, selbst ohne eigene Niederlassung in den USA. Allerdings ist der Prozess ohne US-Präsenz mit administrativem Aufwand verbunden und erfordert die Zusammenarbeit mit den als Importeuren fungierenden US-Partnern. Die Einreichung über das CAPE-Portal erfolgt in der Regel durch US-Zollbroker oder spezialisierte Dienstleister.

Wer ist Hauptleidtragender der bisherigen Zollpolitik?

Vor allem die US-amerikanischen Konsumenten. Importeure, die den Zollsatz aufbringen mussten, haben nämlich in den meisten Fällen die Preise erhöht.

Dann werden nun die Verbraucherpreise wieder sinken?

Die Rückzahlungen gehen nicht an Verbraucher, sondern an die Importeure. Ob und in welchem Umfang es im Anschluss zu sinkenden Preisen kommt, ist ungewiss. Ich rechne eher nicht mit Preissenkungen auf breiter Front.

Ist das Gerichtsurteil also gut für die Exporteure oder Importeure?

Weder noch. Unmittelbar nach dem Urteil des Supreme Court hat die US-Regierung einen neuen globalen Einfuhrzuschlag auf Basis von Section 122 des Trade Act verhängt, welche Einfuhrabgaben von bis zu 15 Prozent für eine Maximaldauer von 150 Tagen erlaubt, um ‚fundamentale internationale Zahlungsprobleme‘ abzuwenden. Nach dieser Frist hängt eine Beibehaltung der Zölle allerdings an der Einwilligung des Kongresses.

Warum verhängt Donald Trump überhaupt solche Abgaben?

Das erklärte Ziel der US-Regierung ist eine Verringerung des hohen Leistungsbilanzdefizits der USA, derzeit etwa vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In diesem Ausmaß importieren die USA mehr Güter, als sie selbst exportieren. Präsident Trump sieht darin eine Benachteiligung der amerikanischen Volkswirtschaft.

Bitte erläutern Sie diesen Punkt etwas genauer.

Leistungsbilanzsalden bilden die Differenz aus gesamtwirtschaftlicher Ersparnis und inländischen Investitionen ab. Ein Land wie Deutschland, das viel spart und nicht im gleichen Maß im Inland investiert, leitet seinen Ersparnisüberhang mittels Güterexporte in den Rest der Welt, wodurch ein Leistungsbilanzüberschuss entsteht. Die uns durch diese Exporte zufließenden Finanzmittel erhöhen das Nettoauslandsvermögen Deutschlands. In Zukunft können wir durch den Verkauf dieser Vermögenswerte dann mehr Güter importieren als wir exportieren. Gerade in einer alternden Gesellschaft, in der aufgrund eines verringerten Erwerbspersonenpotenzials nicht mehr so viel produziert wird, kann auf diese Weise der Lebensstandard gesichert werden.

Wie wirkt sich das in den USA aus?

Dort ergibt sich ein gegenteiliges Bild. In den USA wird vergleichsweise wenig gespart, zugleich sind lukrative Investitionsmöglichkeiten vorhanden, welche internationale Investoren in die USA locken. Das Leistungsbilanzdefizit der USA erhöht zwar dort die Auslandsverschuldung, zugleich steigern die Investitionen aber die Produktivität und das Wachstum der US-Ökonomie, wodurch die Verschuldung zukünftig wieder zurückgeführt werden kann. Präsident Trump sieht das anders. Er denkt, die USA werden durch die Defizite ausgebeutet. Von den Zöllen verspricht er sich, dass die heimischen Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbraucher mehr heimische Produkte anstatt Importgüter kaufen.

Welche Produkte sind besonders betroffen?

Neben den allgemeinen Zollsätzen erheben die USA für spezielle Produktgruppen noch höhere Zölle. Dazu zählen vor allem Stahl- und Aluminiumprodukte, auf die ein Zoll von 50 Prozent fällig wird. Diese hohen Zollhürden sind primär darauf ausgelegt, den hoch subventionierten Exporten Chinas zu begegnen. Zugleich versucht Trump mit diesen Zöllen auch, die Schwerindustrie zu erhalten. Damit verbunden ist die Hoffnung, den Verlust an Industriearbeitsplätzen vor allem im mittleren Westen der USA umzukehren. Dieser resultiert jedoch zu einem Großteil aus der fortschreitenden Automatisierung. Selbst bei einem Wiederaufblühen dieser alten Industrien werden daher nicht in demselben Maße neue Arbeitsplätze entstehen.

Was wäre denn besser für die US-amerikanische Wirtschaft?

Grundsätzlich sollten weder die USA noch andere Länder den Strukturwandel im eigenen Land durch Subventionen, Zölle oder andere strukturerhaltende Maßnahmen behindern. Anstatt Arbeitsplätze in wenig produktiven Industrien zu schützen, sollten staatliche Maßnahmen in Entbürokratisierung und Deregulierung, vor allem aber in die Flexibilisierung von Arbeitskräften mittels verbesserter Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten gelenkt werden. Die damit einhergehende Flexibilisierung erlaubt es Volkswirtschaften, den notwendigen strukturellen Wandel hin zur Informationsgesellschaft effektiver und möglichst ohne Verwerfungen auf den Arbeitsmärkten zu bewältigen.

Brauchen wir die alten Industrien denn nicht auch in Zukunft?

Wir brauchen sie zumindest deutlich weniger. Erneuerbare Energien, Biotech, Informationstechnologien und künstliche Intelligenz – das sind Bereiche, die zukünftiges Wachstum versprechen. Um auch weiterhin zu den führenden Volkswirtschaften zu gehören, müssen wir uns von Industrien verabschieden, die nur wenig oder keinen technischen Fortschritt ermöglichen.

Zumal wir gerade erleben, dass die Blockade einzelner Rohstoffe die Weltwirtschaft stark herausfordert. Können Handelsallianzen helfen, kritische Phasen abzumildern?

Wir haben aus der Coronapandemie gelernt, dass es gefährlich ist, Lieferketten auf nur einen Anbieter zu reduzieren. Wir müssen uns zukünftig in unseren Handelbeziehungen stärker diversifizieren. Positiv stimmt hier die Tatsache, dass die Europäische Union mit über 40 Verträgen weltweit eines der größten Netze an Freihandelsabkommen aufgebaut hat, die den Marktzugang erleichtern und Zölle abbauen. Diese Verträge können europäischen Unternehmen neue Absatzmärkte und Rohstoffquellen erschließen sowie den Handel durch gemeinsame Standards stärken. Solche Handelsabkommen machen uns zudem unabhängiger von einzelnen großen Ländern wie den USA oder China.

 

Hintergrund:

Der Handelskrieg der USA gegen den Rest der Welt hat bereits in der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump begonnen. Ein Dekret, das chinesische Waren mit hohen Importzöllen belegte, bildete im Jahr 2018 den Auftakt zu einer Reihe von Zollforderungen gegen eine immer größer werdende Liste von Ländern, die in kurzer Abfolge erlassen und wieder ausgesetzt wurden. In seiner zweiten Amtszeit nahm der US-Präsident per Dekret zunächst Mexiko, Kanada und China sowie andere wichtige Handelspartner wie die EU in den Fokus. Aufgrund der globalen Lieferketten sind praktisch alle wichtigen Handelspartner betroffen. Im Februar 2026 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass viele der von Trump unter Berufung auf ein Notstandsgesetz aus dem Jahr 1977 erhobenen Zölle rechtswidrig sind.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.