Marktkontakte adeliger Güter in Rheinland, Westfalen und Lippe, 1650–1850


Projektstatus laufend
Projektzeitraum 01.06.2014- 31.05.2017
Förderer DFG - Sachbeihilfe/Einzelförderung
Projektnummer PF 351/11-1
Schlüsselwörter Wirtschafts- und Sozialgeschichte; Agrargeschichte; Regionalgeschichte; Frühneuzeitliche Geschichte

Das im Juli 2014 begonnene Forschungsprojekt soll einen Beitrag zur Agrargeschichte der Frühen Neuzeit leisten. Dahinterliegende Idee ist, dass Marktwirtschaft und Marktgesellschaft zu einem großen Teil im Rahmen des Verwaltungsalltags adeliger Güter entstanden. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, z.T. bereits früher, bildeten sich im Raum Deutschland in Regionen, die für den Getreideanbau weniger geeignet waren, Gewerberegionen aus, die zur Grundlage der industriellen Entwicklung im 19. Jahrhundert wurden (so die eisenschaffenden & eisenverarbeitenden Branchen und das Textilgewerbe im Rheinland). Ein Wachstum der gewerblichen Bevölkerung schloss sich daran an. Da jedoch überregionale Agrarmärkte meist erst im frühen 19. Jahrhundert aufkamen, war das Entwicklungspotential der Gewerberegionen abhängig von nahe gelegenen Zonen mit strukturellen Getreideüberschüssen, die diese Industriereviere mittels regionaler Märkte versorgten. Adelsgüter waren vermutlich, neben großbäuerlichen Betrieben, in vielen Gebieten die wichtigsten Anbieter auf den Getreidemärkten. Marktkontakte dieser Adelsgüter in Rheinland, Westfalen und Lippe sind daher ein maßgeblicher Parameter der frühen und starken Entwicklung der Wirtschaft in Westdeutschland. Untersuchungen des Verwaltungsschriftguts adeliger Güter ergab, dass Getreideverkäufe neben der Landverpachtung die Haupteinnahmequelle darstellten. Marktkontakte waren daher häufig zentrales Element der Wirtschaftsführung dieser Güter. Zu diesem Zweck steht vor allem die (1) institutionelle Ausgestaltung von Markttransaktionen im Fokus, im Rahmen dessen ausgewertet wird, welche Merkmale der Getreidehandel aufwies, wie schnell sich dieser formalisierte und in größere Markträume eingebunden wurde. Zudem wird die (2) Vorratshaltung von Getreide betrachtet: Da der Getreidemarkt ein schlechtes Rendite-Risiko-Profil aufwies, lohnte es sich nicht Getreide aus spekulativen Gründen überjährig einzulagern (sog. carry-over). Falls zutreffend, sind wiederkehrende regionale Versorgungskrisen erklärbar. Das Schriftgut soll hierüber Kenntnisse liefern. Auch das (3) Spannungsverhältnis der adeligen Betriebsführung zwischen moralischer Ökonomie und kurzfristiger Gewinnmaximierung wird in den Blick genommen. Erste Untersuchungen ergaben, dass sich für den Gutsherrn ein Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Einkommensmaximierung einerseits (im Rahmen eines Anschlusses an überregionale Märkte) und dem paternalistischen Interesse (bei dem Abgabepflichtige als Transaktionspartner einen günstigen Preis bekommen) andererseits ergab. Der Umgang eines Adelsguts mit diesem Konflikt zeigt einen wichtigen Aspekt der lokalen Entwicklung von Marktgesellschaften. Schließlich besteht zudem das Problem (4) asymmetrischer Information im Rahmen einer Prinzipal-Agenten-Beziehung. Da die Güter i.d.R. nicht vom Besitzer selbst, sondern durch einen Verwalter (sog. Rentmeister) verwaltet wurden, war eine umfangreiche Korrespondenz zwischen den beiden Akteuren unerlässlich. Dieses Schriftgut stellt einen maßgeblichen Quellenbestandteil dar.