Einer von den Guten: Zum Tod von Prof. Dr. Dietmar Krafft
„Er war einer von den Guten“, so lautete die Reaktion eines Kollegen auf die Nachricht des Todes von Prof. Dr. Dietmar Krafft. Das knappe Statement bringt sehr gut auf den Punkt, was auch die meisten von uns über den Emeritus des Centrums für Interdisziplinäre Wirtschaftsforschung (CIW) denken: Dietmar war nicht nur ein wunderbarer Wissenschaftler, herausragender Hochschullehrer und unermüdlicher Vorkämpfer für die ökonomische Bildung in ganz Deutschland; vor allem war er ein Mensch und Kollege, wie man ihn nur selten antrifft: uneitel, hilfsbereit, humorvoll und menschlich stets zugewandt.
Dietmar Krafft wurde am 28. Mai 1934 in Beuten (heute Bytom) geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung im Groß- und Außenhandel begann er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Münster, das er 1960 als Diplom-Kaufmann abschloss. 1963 promovierte er mit einer verkehrsökonomischen Arbeit bei Prof. Dr. Andreas Predöhl am Institut für Verkehrswissenschaft, dessen wissenschaftlicher Assistent und Geschäftsführer er bis 1971 war. Von 1971 bis 1999 hatte er dann eine Professur für Wirtschaftswissenschaft und ihre Didaktik inne, die zunächst an der Pädagogischen Hochschule Westfalen Lippe und seit 1980 an der Universität Münster verortet war. Hier fand er das Thema seines Lebens: die ökonomische Bildung.
Junge Menschen in ihren Karrieren zu fördern und ihnen Perspektiven für das eigene berufliche Leben zu verschaffen, war das Herzensanliegen des Münsteraner Hochschullehrers. Wie sein Institutskollege Prof. Dr. Gerd Jan Krol, verstand auch Dietmar Krafft ökonomische Bildung als integralen Teil der Allgemeinbildung. Er spezialisierte sich auf die Vermittlung ökonomischer Kompetenzen für Nichtökonomen, die wirtschaftliche Bildung in allgemeinbildenden Schulen sowie auf die betriebliche Weiterbildung. Mit großem Engagement wirkte er an Lehrplänen des Landes Nordrhein-Westfalen mit, organisierte Fortbildungsprogramme für Lehrkräfte und führte Managementseminare für Führungskräfte im In- und Ausland durch. Seine Schulbücher erreichten Generationen von Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Bundesländern, wofür er 2015 mit dem Deutschen Schulbuchpreis ausgezeichnet wurde.
Für seine Studierenden hielt Krafft Lehrveranstaltungen aus dem gesamten Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Er lehrte das betriebswirtschaftliche Rechnungswesen und Entrepreneurship genauso wie volkswirtschaftliche Fächer von der Mikro- über die Makroökonomik, die Geld- und Währungspolitik bis hin zur Theorie und Politik der Außenwirtschaft. Methodisch hatte er Freude an innovativen Lehr- und Lernformen und arbeitete früh mit Fernstudien, Multimedia und computergestützten Planspielen.
Aus seinen Lehrveranstaltungen entstanden nicht selten Lehrbücher, darunter seine Reihe „Ökonomie - leicht verständlich: Unser Geld - Geld, Bundesbank und Geldpolitik“ (1995), „Wozu Wirtschaftswissenschaft? - Ein Überblick“ (1995), „Betriebswirtschaftslehre - leicht verständlich“ (2005), „Betriebliches Rechnungswesen – leicht gelernt“ (zwei Bände, 2012). Prägend wurde auch sein „Markt Lexikon Wirtschaft“, in dem er, gemeinsam mit Ewald Mittelstädt und Claudia Wiepcke, wirtschaftliche Fachbegriffe einfach und verständlich erklärte.
Auch die ökonomische Bildung in Deutschland ist eng mit dem Namen Krafft verbunden. Als Diskussionsforum für die fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Anliegen der ökonomischen Bildung in Forschung und Lehre gründete er in den 1970er Jahren gemeinsam mit anderen Hochschullehrern seiner Disziplin die später in Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung (DeGÖB) umbenannte Bundesfachgruppe für ökonomische Bildung, als deren Gründungsvorsitzender er von 1975 bis 1991 fungierte. Im Anschluss an diese Tätigkeit widmete er sich mit großem Engagement der universitären Selbstverwaltung und war von 1992 bis 1996 Dekan und Prodekan der Philosophischen Fakultät der Universität.
Angesichts der ihm eigenen Energie ist es kein Wunder, dass auch die gesetzlich vorgesehene Verrentungsgrenze, die Dietmar Krafft 1999 erreichte, den produktiven Hochschullehrer nicht stoppen konnte. So, als wäre er noch voll im Dienst, veranstaltete der Emeritus noch fast zwei Jahrzehnte lang jedes Semester Vorlesungen und Seminare, korrigierte Examensarbeiten, fungierte als Prüfer in schriftlichen und mündlichen Prüfungen – und half dem CIW hierdurch nicht unwesentlich, ein attraktives Profil in der Lehre anzubieten. Bei seinen Studierenden, bei denen er auch als Emeritus kaum eine Ersti- oder Abschlussfeier ausließ, erreichte der Hochschullehrer Kultstatus, als er – zeitweise ohne eigenes Büro – den Direktverkauf seiner Lehrbücher aus dem Kofferraum seines Pkw vornahm.
Auch als Ruheständler setzte Krafft seine Tätigkeiten an anderen Hochschulen und Instituten fort. So hielt er jahrelang Vorlesungen an der Business and Information Technology School (BiTS) in Iserlohn, gab Zertifikatskurse für das Institut für berufliche Hochschulbildung und lehrte als Weiterbildungsreferent für volks- und betriebswirtschaftliche Fächer der BARMER GEK Führungs- und Fachakademie.
Als Dietmar Krafft im Mai 2014 80 Jahre alt wurde, würdigte das CIW seinen verdienten Emeritus mit einem Festakt, in dessen Rahmen ihm eine Festschrift übergeben wurde, in der ihm die führenden Vertreter der deutschsprachigen Ökonomiedidaktik die Ehre erwiesen (Christian Müller, Hans Jürgen Schlösser, Michael Schuhen und Andreas Liening, Hg., Bildung zur Sozialen Marktwirtschaft, Stuttgart: Lucius & Lucius 2014). Der Sammelband enthält auch empirische Analysen von Kraffts Lehrveranstaltungen, die durchweg überdurchschnittlich gute studentische Bewertungen erzielten und besonders hinsichtlich Engagement, Struktur und Verständlichkeit glänzten – bei einer gleichzeitig auffallend geringen Streuung der Bewertungen, was auf eine besonders einheitlich hohe Zufriedenheit der Studierenden hinweist. Eine studentische Stellungnahme in dem Band lobt, dass es dem Professor gelinge, auch trockene Inhalte interessant und motivierend zu vermitteln, und betont die außergewöhnliche Menschlichkeit des Professors – eine Eigenschaft, die ihm bei seinen Studenten auch den Namen „Papa Krafft“ einbrachte.
Dietmar Krafft hat Maßstäbe gesetzt. Nach einem langen, erfüllten und von persönlichen Schicksalsschlägen nicht freien Leben ist er am 17. März 2026 im 92. Lebensjahr im Kreise seiner Familie verstorben.
Als seine Kollegen, Mitarbeiter und Schüler sind wir dankbar für seinen Sachverstand, seine Kollegialität und nicht zuletzt für seine Freundschaft.
Danke, lieber Dietmar, für die wunderbare Zeit mit dir!
Du warst wirklich einer von den Guten!