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Mit dem aus der Spieltheorie stammenden Begriff des Gefangenendilemmas wird eine Anreizstruktur bezeichnet, in der eine grundsätzlich wünschenswerte Kooperation entweder gar nicht erst zustande kommt oder zumindest gefährdet ist, obwohl die Zusammenarbeit aus Sicht aller Transaktionspartner vorteilhaft wäre bzw. ist. Eine solche Situation wird dadurch verursacht, dass jeder Beteiligte der Versuchung ausgesetzt ist, seine Position auf Kosten des oder der potentiellen Kooperationspartner zu verbessern.

Gefangendilemma Tabelle 1 B leugnen B gestehen
A leugnen A: 1 B: 1 A: 25 B: 0
A gestehen A: 0 B: 25 A: 15 B: 15

Die zugrunde liegende Anreizkonstellation lässt sich am besten anhand eines Beispiels (siehe Tabelle 1) erläutern, das zugleich auch den Namen verständlich macht: Zwei Gefangene werden des gemeinsamen Mordes bezichtigt, den man ihnen aber nicht nachweisen kann. Der Staatsanwalt entwickelt deshalb mit Hilfe der Kronzeugenregelung eine Strategie, die ihm dennoch die Überführung der Gefangenen ermöglicht. Dazu macht er beiden Gefangenen folgendes Angebot: (1) Wenn einer der Gefangenen ein Geständnis ablegt, das den anderen belastet und dieser leugnet, so kommt der Geständige als Kronzeuge frei, während der andere die Höchststrafe von 25 Jahren absitzen muss. (2) Sind beide geständig, so bekommen beide die übliche Strafe von 15 Jahren. (3) Schweigen beide, so erhalten sie jeweils 1 Jahr für eine vom Staatsanwalt nachweisbare Tat, also nicht wegen Mordes, sondern z.B. wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Die Gefangenen befinden sich nun im besagten Dilemma: Die gemeinsam beste Lösung wäre die Kooperation, d.h. kollektives Leugnen, denn dann betrüge die Summe der Haftstrafen lediglich 2 Jahre. Aus Sicht des Einzelnen ist es aber immer rational zu gestehen, unabhängig davon, wie der andere sich verhält: (a) Gesteht der andere, so ist es für ihn von Vorteil, ebenfalls zu gestehen, weil er dann statt 25 nur 15 Jahre einsitzt. (b) Leugnet der andere, so ist für ihn ein Geständnis wiederum die beste Alternative, weil er dann freikommt, anstatt 1 Jahr im Gefängnis zu verbringen. Da diese Überlegungen für beide gelten, werden beide gestehen. Im Ergebnis erhält dann jeder 15 Jahre Gefängnisstrafe (30 Jahre in der Summe), also die denkbar schlechteste Lösung. Mithin fallen individuelle und kollektive Rationalität auseinander. Maßgeblich für das Scheitern der Kooperation ist die Tatsache, dass das "Spiel" nur einmal gespielt wird (One-Shot Game). Wird die Dilemma-Situation mehrmals wiederholt, so ändern sich die Anreize, da die Zukunft einen Schatten auf die Gegenwart wirft. Es lohnt sich nun für den einzelnen, sich eine Reputation als verlässlicher Partner aufzubauen. Auch die Möglichkeit einer späteren Vergeltungsmaßnahme steht nun drohend über den Transaktionspartnern und sorgt für Stabilität innerhalb der Beziehung. Hierauf begründet sich beispielsweise der Erfolg der TIT FOR TAT-Strategie.

Im Bereich der Unternehmenskooperation treten Gefangendilemmata sehr häufig auf. Klassisches Beispiel ist die kollusive Zusammenarbeit (Kollusion) in Form eines Kartells, mit dem durch eine Verminderung der Angebotsmenge eine Preiserhöhung erreicht werden soll, um im besten Falle gemeinsam einen Monopolgewinn zu erzielen. Das Gefangenendilemma liegt darin begründet, dass es sich für den einzelnen Kartellisten lohnt, sich nicht an die ihm zugedachte Quote zu halten und unbemerkt seine Angebotsmenge zu erhöhen. Die dadurch verursachte (geringe) Preissenkung trifft alle Kartellisten, wohingegen der Umsatzzuwachs durch Mengenausweitung dem einzelnen allein zufällt. Da diese Anreizstruktur für alle Beteiligten gilt, ist die Stabilität des Kartells stark gefährdet. Aus einzelwirtschaftlicher Sicht wird man nun bestrebt sein, die Kartelldisziplin durch Kontroll- und Strafmechanismen zu gewährleisten. Demgegenüber ist die gesamtwirtschaftlich orientierte Wettbewerbspolitik bemüht, derartige Gefangenendilemmata aufrechtzuerhalten und zu "kultivieren", vor allem indem Kartellverträge verboten werden.

Andererseits gibt es Fälle, in denen nicht nur aus betriebswirtschaftlicher, sondern auch aus volkswirtschaftlicher Sicht die Behebung eines Gefangenendilemmas angebracht ist. Beispielsweise sind die Unternehmen einer Forschungs- und Entwicklungskooperation regelmäßig einem Gefangenendilemma ausgesetzt. Ein Partner kann den anderen opportunistisch ('Opportunismus') ausbeuten, indem er auf dessen Wissensressourcen zugreift, ohne seine eigenen adäquat einzubringen. Hier wäre die Wettbewerbspolitik aufgerufen, durch den rechtlichen Schutz des Kooperationsvertrages zur Lösung des Gefangenendilemmas beizutragen.

Literaturhinweis:

SIEG, G. (2005), Spieltheorie, S. 4ff.



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