Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Zwischen Größe und lokalen Märkten – Was hält den Verbund zusammen?

18. Januar 2016

Aula im Schloss der Universität Münster


Zusammenfassung von Florian Klein und Mike Schlaefke, IfG Münster

Digitalisierung, Niedrigzinsphase und Regulierung: Drei zentrale Herausforderungen, die die Bankbranche unter starken Druck setzen. Auch für die genossenschaftliche FinanzGruppe stellt sich die Frage, wie sie diese Entwicklungen mit vereinten Kräften meistern will. „Zwischen Größe und lokalen Märkten – Was hält den Verbund zusammen?“ lautete daher das Thema der Veranstaltungsreihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ am 18. Januar 2016. Über 300 interessierte Teilnehmer waren der Einladung des Instituts für Genossenschaftswesen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Theurl gefolgt, um diese Aufgabenteilung innerhalb des Verbundes zu diskutieren. In drei Vorträgen sowie einer Podiumsdiskussion wurde herausgearbeitet, welche Konsequenzen für das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken zu erwarten sind und wie der Erfolg des Verbundes weiterhin sichergestellt werden kann.

Dr. Andreas Dombret, Vorstand der Deutschen Bundesbank, eröffnete das Symposium mit einem Vortrag über Bankenverbünde in neuen Märkten und Regulierungen sowie die Anforderungen und Perspektiven aus Sicht der Bankenaufsicht. Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, ob die regulatorischen Anforderungen für kleine und mittlere Banken, wie es Genossenschaftsbanken meist sind, aus Gründen der Proportionalität reduziert werden könnten oder sollten. Ein möglicher Grund für eine überproportionale Belastung liege nach allgemeiner Ansicht in der stetig gestiegenen Komplexität von Regulierung und Aufsicht, entlang aller Säulen des Baseler Regulierungsregimes. Dabei basiert die Komplexität darauf, dass global tätige Banken („too big to fail“) im Mittelpunkt der Krise standen und dass eine regulatorische Lösung eine globale sein muss. Das Verhältnis der bei kleinen Banken entstehenden Regulierungskosten zu den Risiken, die von ihnen ausgehen, könnte auch aus Sicht von Herrn Dr. Dombret grundsätzlich der Grund für eventuelle Anpassungen sein. Hier forderte er jedoch alle Bankenvertreter auf, konkrete Vorschläge zu machen und Lösungsvorschläge aufzuzeigen, am besten auf der Grundlage von empirischen Studien. Dabei sei jedoch zu beachten, dass Regulierung und Aufsicht bereits heute Ansätze einer Proportionalität enthalten würden, was Herr Dr. Dombret am Beispiel von Basel II und Basel III verdeutlichte. Falls die Proportionalität weiter entwickelt werden soll, gelten dafür zwei Bedingungen: Erstens müssten systemrelevante Banken weiterhin einer stringenten Regulierung unterliegen. Zweitens dürften für kleinere Banken keine Anreize entstehen, Lücken im Regelwerk auszunutzen. Regulatorische Arbitrage gelte es zu vermeiden. Falls diese Voraussetzungen erfüllt sind, sind verschiedene Ansatzpunkte verfügbar, um die Proportionalität der Regulierung zu stärken. Neben der Verringerung unverhältnismäßig hoher, regulatorisch bedingter Kosten stellt auch die risikoorientierte, proportionale Aufsicht durch den neuen europäischen Aufsichtsmechanismus einen zentralen Ansatzpunkt dar. Ein standardisiertes Vorgehen zur Berücksichtigung von Proportionalität im europäischen Regelsetzungsprozess ist hierbei ebenfalls denkbar und – wie sich herausgestellt hat – auch ein Anliegen des Europäischen Parlaments. Bei allen Überlegungen ist jedoch entscheidend, dass die Stabilität des Bankensystems gewahrt bleibt. So könnte auch von einer Vielzahl an Instituten mit gleichartigem Geschäftsmodell ein Risiko für das gesamte System ausgehen („too many to fail“). Insofern dürften auch vor dem Hintergrund der Verhältnismäßigkeit die regulatorischen Anforderungen nicht so weit reduziert werden, dass diese Risiken schlagend werden. Herr Dr. Dombret schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass die Bundesbank das Thema Proportionalität sehr ernst nimmt und es umfassend analysiert. Die Vielfalt im Bankensystem zu erhalten, müsse ein Ziel einer Debatte um die Proportionalität der Regulierung sein.


Dr. Andreas Dombret

Im zweiten Vortrag referierte Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. (BVR), über die genossenschaftliche FinanzGruppe im Spannungsfeld von Digitalisierung, Regulierung und Niedrigzins. Zu Beginn seines Vortrags stellte Herr Fröhlich heraus, dass die genossenschaftliche FinanzGruppe in der Vergangenheit außerordentlich erfolgreich agiert hat und eine stabile Ertragslage auf hohem Niveau vorweisen kann. Mit Blick auf die wirtschaftliche Situation blickt er optimistisch in die Zukunft, denn neben einem erneuten Wachstum im Kreditvolumen von über 4 Prozent, hat sich im abgelaufenen Geschäftsjahr auch die Anzahl der Genossenschaftsmitglieder auf über 18 Mio. erhöht. Allerdings ergeben sich für die Genossenschaftsbanken erhebliche Herausforderungen aufgrund der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sowie der zunehmenden Regulierungskomplexität. Darüber hinaus hat auch die Wettbewerbsintensität durch die fortschreitende Digitalisierung von Bankdienstleistungen zugenommen. In erster Linie sieht Herr Fröhlich die Entwicklung der Europäischen Union bzw. die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Währungsunion äußerst kritisch. Mit Blick auf die Regulatorik habe die Regulierungswelle nun endgültig die bankwirtschaftliche Praxis erreicht, so Herr Fröhlich. In diesem Zusammenhang hat ein vom BVR in Auftrag gegebenes Gutachten zu den „Auswirkungen der Regulatorik auf kleinere und mittlere Banken am Beispiel der deutschen Genossenschaftsbanken“ erstmals wissenschaftlich belegt, dass eine Vielzahl der regulatorischen Maßnahmen das Proportionalitätsprinzip deutlich verletzt und insbesondere kleinere Institute spürbar belastet werden. Neben dem neuen EU-Großprojekt einer Kapitalmarktunion, die auch gewisse Chancen für die genossenschaftliche FinanzGruppe bieten könne, sieht Herr Fröhlich vor allem die Entwicklung in Richtung einer Transferunion äußerst kritisch. In Bezug auf die Geldpolitik sollte die EZB einen Kurswechsel vorbereiten, da eine weitere Lockerung nicht dem Bild entspräche, welches die Konjunkturindikatoren derzeit zeichnen. Seitens der genossenschaftlichen Zentralbanken sei es bislang zwar gelungen, den „Nullzins-Floor“ für Einlagenüberhänge der Genossenschaftsbanken zu halten, allerdings nur unter Inkaufnahme von kalkulatorischen Verlusten. Zusätzlich zu den steigenden regulatorischen Anforderungen und der Niedrigzinspolitik der EZB drückt auch der zunehmende Wettbewerb auf die Margen im Kreditgeschäft, insbesondere im Privatkundenbereich. Für die Genossenschaftsbanken gilt es daher, die wachsende Ergebnislücke bspw. durch weitere Volumensteigerungen aufzufangen. Durch den Eintritt neuer aufstrebender Wettbewerber aus der Fin-Tech-Branche stellt sich mittlerweile auch das Firmenkundengeschäft als hart umkämpfter Ertragsbringer heraus. Hier vertraut Herr Fröhlich aber weiterhin auf das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken. So stellt der menschliche Faktor einer genossenschaftlichen Beratung einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil dar und lässt sich im Gegensatz zu einem reinen Technikansatz, wie es bspw. bei den Fin-Techs der Fall ist, nicht so einfach kopieren. Die Digitalisierung sieht Herr Fröhlich abschließend als Chance für die genossenschaftliche FinanzGruppe. Durch die beiden Strategieprojekte „Beratungsqualität“ und „webErfolg“ seien die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft der genossenschaftlichen FinanzGruppe gestellt.


Uwe Fröhlich

Im abschließenden Vortrag widmete sich Dr. Veit Luxem, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Erkelenz eG und Vorsitzender des BVR-Verbandsrates, der Zukunft der Genossenschaftsbank und den Herausforderungen zwischen stationärem Vertrieb und Digitalisierung. Herr Dr. Luxem verdeutlichte, dass eine moderne und kompetente Bank heute dort sein muss, wo es darauf ankommt: Im Internet und vor Ort in einer Filiale. Vor allem die Bedeutung des Online-Kanals habe in den letzten Jahren rasant zugenommen. So hat bspw. die Anzahl mobiler Internetgeräte die Zahl der Weltbevölkerung bereits im Jahr 2013 überschritten. Darüber hinaus sind die Kunden der wichtigsten Zielgruppe „Digital Natives“, welche mit dem Internet aufgewachsen sind und entsprechende Erwartungen an ihre Bank haben. Da alle Bereiche der Gesellschaft digitalisiert werden, können sich auch Banken diesem Trend nicht entziehen, so Herr Dr. Luxem. Die Institute, die sich hierauf einstellen, können davon profitieren, da begeisterte Kunden ihre Bank weiterempfehlen und Erfahrungen online wie offline teilen. Wichtig ist dabei, dass der Kunde entscheidet, über welchen Kanal er seine Bank erreichen will, weshalb auch die Filiale in Zukunft nicht vernachlässigt werden sollte. Herr Dr. Luxem berichtete über Ergebnisse aus Führungskräfteworkshops der Volksbank Erkelenz, in deren Vordergrund die Frage stand, inwieweit die Bank dem skizzierten Veränderungsprozess gewachsen ist. Konkret sollte hierbei geprüft werden, wie die Mitarbeiter mitgenommen werden können, ob die Führungskräfte über die erforderlichen Skills für den Veränderungsprozess verfügen und wie das Geschäftsmodell in das digitale Zeitalter transformiert werden kann. Wichtige Erkenntnisse aus einem intensiven Dialog mit Kunden und Nicht-Kunden waren erstens, dass die Face-to-Face-Kommunikation ebenso bedeutsam ist wie die schnelle Erreichbarkeit der Bank über Apps bzw. mobile Endgeräte. Zweitens bilden Kompetenz und Vertrauen weiterhin die Grundlage für eine erfolgreiche Kundenberatung. Der Fokus bei dieser soll auf beratungsintensiven Produkten wie Baufinanzierung oder Geldanlagen liegen. Drittens müsse das Preis-Leistungs-Verhältnis immer im Auge gehalten werden, da bspw. die Filiale nur bedingt als Mehrwert angesehen wird, für den der Kunde auch bereit ist zu bezahlen. Viertens müssten Konto und Zahlungsverkehr online wie offline einwandfrei funktionieren. Grundsätzlich ist es das Ziel der Volksbank Erkelenz, die Reichweite durch Ausbau und Verzahnung der Kanäle zu erhöhen. Eine wichtige Unterstützung liefern dabei die BVR-Projekte „Beratungsqualität“ und „webErfolg“. Hiermit soll einerseits die Filiale gestärkt werden, die ein zentraler Kontaktpunkt zum Kunden bleibt. Andererseits sollen die Omnikanalstrategien kontinuierlich verbessert werden. Beides sei erforderlich, um die Verzahnung von „Digital“ und „Local“ zu „Digical“ erfolgreich zu meistern.


Dr. Veit Luxem

Im Anschluss an die Vorträge erfolgte eine von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Regulierung bewältigen und Märkte erweitern – die Zukunft der Aufgabenteilung in der genossenschaftlichen FinanzGruppe“. Mit Hermann Backhaus, Vorstandsvorsitzender der Märkischen Bank eG, Berend H. Gortmann, Vorstand der Volksbank Niedergrafschaft eG und Bundessprecher der Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken, Reinhard Klein, Vorstandsvorsitzender der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, und Hans-Bernd Wolberg, Vorstandsvorsitzender der WGZ BANK AG, konnten hochkarätige Diskutanten gewonnen werden, die über ihre jeweiligen Anforderungen und Wünsche an die Zusammenarbeit im Verbund berichteten und diskutierten.



Hermann Backhaus
Berend Gortmann
Reinhard Klein
Hans-Bernd Wolberg
Zunächst erläuterte Herr Backhaus, wie die Märkische Bank eG auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert hat, um auch in Zukunft erfolgreich am Markt zu sein. In der Filialpolitik wird der Fokus klar auf die Beratung gelegt, während allgemeine Servicetätigkeiten weitestgehend durch SB-Geräte abgedeckt werden sollen. Bei der Optimierung der Beratung profitiert die Bank vom BVR-Projekt „Beratungsqualität“. Die persönliche Beratung ist auch aus Sicht von Herrn Gortmann das zentrale Asset einer klassischen genossenschaftlichen Ortsbank, wie es die Volksbank Niedergrafschaft eG ist. Trotz der aktuellen regulatorischen Entwicklungen, die kleinere Genossenschaftsbanken überproportional belasten, können diese durch ihre ausgewiesene Kundennähe und ihre starken Verbundpartner immer noch zuversichtlich im Wettbewerb auftreten. Dass sich auch die Verbundunternehmen auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt haben, verdeutlichte Herr Klein am Beispiel der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG. Diese sieht sich insbesondere mit den Auswirkungen der Niedrigzinsphase konfrontiert und hat hierauf mit gezielten Kostensenkungsmaßnahmen und einer Optimierung des Produktportfolios reagiert. Es sei aber erforderlich, weiter an einer Vereinheitlichung der Prozesse zu arbeiten. Hier müssten die Vorteile der fusionierten Rechenzentrale zum Tragen kommen. Herr Wolberg zeigte auf, dass die genossenschaftlichen Primärbanken auch von der geplanten Fusion der DZ BANK AG und der WGZ BANK AG Vorteile zu erwarten haben. Zusammen wollen die Zentralbanken das, was sie bislang einzeln gut gemacht haben, noch besser machen. Es seien aber auch hohe Investitionen nötig, wie z.B. für die Entwicklung von „paydirekt“. Herr Backhaus wies darauf hin, dass die aktuellen Herausforderung nicht allein über die Kostenseite zu lösen sind. Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um auch die Erträge zu optimieren. Herr Gortmann stimmte mit Herrn Backhaus darin überein, dass die Kundenhoheit grundsätzlich bei den genossenschaftlichen Primärbanken liegen müsse. Die Dezentralität sei ein klarer Vorteil der genossenschaftlichen FinanzGruppe. Auch aus Sicht von Herrn Wolberg basiert der Erfolg der genossenschaftlichen FinanzGruppe auf ihrer konzentrierten Struktur. Dieser Erfolg lässt sich bspw. am genossenschaftlichen Verbundrating festmachen, so Herr Backhaus. Allerdings halte nicht nur der gemeinsame Erfolg, sondern auch die gesellschaftliche Verantwortung den Verbund zusammen. Deren Bedeutung zeige sich nicht zuletzt in 18 Mio. Mitgliedern („Fans“). Herr Klein unterstrich, dass sich der Verbund hierauf jedoch nicht ausruhe. Markterfolg und Kosteneffizienz seien weiterhin klar im Fokus. In der traditionellen Schlussrunde fragte Frau Prof. Theurl die Diskussionsteilnehmer danach, wie die Zusammenarbeit im Verbund noch optimiert werden könnte bzw. was unbedingt beibehalten werden sollte. Herr Backhaus forderte, dass die Volks- und Raiffeisenbanken weiterhin den zentralen Markenkern der genossenschaftlichen FinanzGruppe bilden müssten. Herr Wolberg rief zu einer noch stärkeren Bereitschaft der Zusammenarbeit auf. Eine tiefer gehende Kooperation der Regionalverbände ist aus Sicht von Herrn Gortmann ebenso bedeutsam wie die Unterstützung der genossenschaftlichen Primärbanken durch die Rechenzentrale. Herr Klein zeigte die Notwendigkeit einer schnelleren Umsetzung von strategischen Projekten auf. Vorbildlich seien Vertrauen und Respekt zwischen allen Partnern in der genossenschaftlichen FinanzGruppe.


v.l.n.r.: Dr. Andreas Dombret, Dr. Veit Luxem, Berend Gortmann, Reinhard Klein, Prof. Dr. Theresia Theurl, Hermann Backhaus, Uwe Fröhlich, Hans-Bernd Wolberg

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ findet am 30. Mai 2016 in Münster statt.


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