Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Regulierung, Digitalisierung und Niedrigzinsen: Neue Wege denken

30. Mai 2016

Aula im Schloss der Universität Münster


Zusammenfassung von Florian Klein und Mike Schlaefke, IfG Münster

Zahlreiche Entwicklungen wirken derzeit auf die Bankbranche und das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken ein. Da sich diese Entwicklungen in naher Zukunft nicht umkehren, sondern vermutlich sogar noch verstärken werden, ist es von hoher Bedeutung, diese nicht nur als Bedrohung, sondern vielmehr auch als eine Chance wahrzunehmen. Die 25. Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ widmete sich daher dem Thema „Regulierung, Digitalisierung und Niedrigzinsen: Neue Wege denken“. Der Einladung des Instituts für Genossenschaftswesen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl waren knapp 250 Teilnehmer gefolgt, um mögliche Ansatzpunkte zu diskutieren und Handlungsoptionen aufzuzeigen.


Prof. Dr. Theresia Theurl

Die Regulierung und die damit verbundene Bürokratie ist ein erster Faktor, der erhebliche Anstrengungen von den Banken erfordert. So wurden als Folge der Finanzmarktkrise zahlreiche regulatorische Maßnahmen mit dem Ziel der Stabilisierung des Finanzsystems entwickelt. Dr. Aurel Schubert, Generaldirektor Statistik der Europäischen Zentralbank (EZB), erläuterte im ersten Vortrag die Hintergründe des von vielen Banken kritisierten Analytischen Kreditansatzes, AnaCredit. Er erörterte die Frage, ob aus diesem neuen Ansatz einer granularen Datenerhebung eine Bedrohung oder auch Chancen für die Banken einhergehen. Im Rahmen von AnaCredit werden Kreditinstitute verpflichtet, ab 2018 sämtliche Bankkredite an juristische Personen über 25.000 Euro für Zwecke der Geldpolitik und der Finanzmarktstabilität zu melden. Ermöglicht wird hiermit die Identifikation und Überwachung von Risiken in einzelnen Wirtschaftssektoren, die Untersuchung der Verschuldung von Unternehmen strukturiert nach Größe und Branche, die Verbesserung von Frühwarnsystemen für Kreditrisikokonzentrationen und von Makrostresstests für Bankkreditportfolios sowie die Identifikation von grenzüberschreitenden Kreditrisiken und Ansteckungseffekten. Herr Dr. Schubert ging explizit auf den Prozess der Erstellung des Rechtsrahmens ein und verdeutlichte, wie die EZB sämtliche aus der Öffentlichkeit eingegangenen Kommentare analysiert und den Verordnungsentwurf hieran angepasst hat. Das Eurosystem wird die Banken darüber hinaus bei der Umsetzung von AnaCredit unterstützen, z. B. durch ein detailliertes Handbuch sowie eine Kooperation im Rahmen des Banks‘ Integrated Reporting Dictionary (BIRD). Als spezifische Vorteile von AnaCredit für die deutschen Banken stellte Herr Dr. Schubert heraus, dass die erhobenen Daten in das deutsche Ratingsystem ICAS der Bundesbank einfließen und somit zu einer besseren Bewertung von Krediten führen, die als Sicherheiten gegen Liquiditätsengpässe von der nationalen Zentralbank eingesetzt werden. Des Weiteren können die AnaCredit-Daten zur Verbesserung bestehender Rückmeldeverfahren von zentralen Kreditregistern genutzt werden.


Dr. Aurel Schubert

Auch die Niedrigzinspolitik der EZB setzt das Geschäftsmodell der Regionalbanken, das auf Fristentransformation und Zinserträgen basiert, unter Druck. Das Ziel des zweiten Vortrags von Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender der Union Investment Gruppe, war es daher, vor dem Hintergrund der Niedrigzinsen neue Wege für die Kunden aufzuzeigen. Herr Reinke hob dabei zunächst hervor, dass die Niedrigzinspolitik nur einer der weltweiten Brennpunkte sei. Auch die Gefahr eines Brexits, der ungewisse Ausgang der US-Wahlen, der Syrien-Konflikt, die Entwicklung der Rohölpreise sowie die chinesische Geopolitik zeigen, dass die Weltwirtschaft derzeit instabiler ist als erhofft. Deren Dynamisierung sei aufgrund des Spannungsfeldes von politischen und wirtschaftlichen Krisen, der trägen Investitionstätigkeit aufgrund globaler Überkapazitäten und hohem Ersparnis-Kapital sowie der strukturellen Herausforderungen wie Digitalisierung und Demografie in Frage zu stellen. Laut Herrn Reinke ist davon auszugehen, dass die Zinsen niedrig bleiben und auch Aktienrenditen sinken werden. In den nächsten sechs Jahren sei mit weniger Gleichlauf, weniger Performern und weniger Performance zu rechnen. Allein Immobilien würden sich beständiger als der Rest zeigen und könnten durchaus als „Fels in der Brandung“ bezeichnet werden. Aufgrund dieses veränderten Umfeldes ist es heutzutage nicht mehr möglich, Erspartes zu verdoppeln. Optimierungspotenzial ist laut Herrn Reinke jedoch reichlich vorhanden. So müssten insbesondere aus Sparern Anleger werden. Einem Niedrigzinsumfeld entkomme man nur durch Vermögensstrukturierung, aktives Management und eine intelligente Risikosteuerung. Eine zentrale Lösung wird daher in einem MultiAsset-Ansatz gesehen, der Diversifizierung über alle Assetklassen hinweg.


Hans Joachim Reinke

Um weitere mögliche Ansatzpunkte für Genossenschaftsbanken aufzuzeigen, folgte im Anschluss an die Vorträge eine von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl moderierte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bewährtes erhalten und neue Wege gehen – Die zukünftige Entwicklung der genossenschaftlichen FinanzGruppe“. Mit Michael Deitert, Vorstand der Volksbank Bielefeld-Gütersloh eG, Dr. Jürgen Gros, Vorstand des Genossenschaftsverbandes Bayern e.V., Thomas Jakoby, Vorstand der Vereinigte Volksbank Münster eG, sowie Thomas Ruff, Vorstand der Volksbank eG Bad Laer-Borgloh-Hilter-Melle, konnten hochkarätige Vertreter aus genossenschaftlichen Primärbanken und Verbänden gewonnen werden, die intensiv über die Ausrichtung des Geschäftsmodells der Genossenschaftsbanken diskutierten. Herr Dr. Gros wies zunächst darauf hin, dass die genossenschaftliche FinanzGruppe schon immer große Herausforderungen gemeistert hat. Um dies auch in Zukunft zu tun, muss die Frage geklärt werden, wie die Genossenschaftsbanken weiter wachsen können und welche Mitarbeiter und Strukturen hierfür benötigt werden. Herr Ruff knüpfte hieran an und betonte, dass die genossenschaftliche FinanzGruppe schon viel auf den Weg gebracht hat. Der Rückenwind aus der Gruppe sei in der Primärbank vor Ort zu spüren. Als Beispiel führte Herr Ruff die Synergien aus der Fusion der genossenschaftlichen Rechenzentralen an. Nichtsdestotrotz lässt sich das Zusammenspiel zwischen den Verbundpartnern immer weiter verbessern. Zentral ist dabei laut Herrn Ruff die Umsetzungsstärke vor Ort. Herr Deitert unterstrich die Bedeutung der subsidiären Unterstützung und wies an dieser Stelle auf die immer vorhandenen Optimierungspotenziale in Bezug auf die IT-Prozesse hin. Herr Jakoby stellte heraus, dass auch in der einzelnen Primärbank viele Potenziale noch nicht voll ausgeschöpft sind. Es sei zentral, die geschäftliche Durchdringung und die Nutzenstiftung beim Kunden zu erhöhen. Das Prinzip „know your customer“ sollte noch stärker verfolgt werden. Diesen Ansatz griff Herr Deitert auf und verdeutlichte, dass bei einer noch stärkeren Erfüllung des Beratungsauftrages auch die Provisionserträge automatisch steigen. Jeder Genossenschaftsbank stehen hierbei individuelle Möglichkeiten offen. So hat die Volksbank Bielefeld-Gütersloh eG bspw. einen eigenen Nachhaltigkeitsfonds entwickelt, der von den Kunden immer stärker nachgefragt wird. Herr Deitert forderte, derartige Ideen zu entwickeln, diese aber vor allem auch konsequent umzusetzen, was Unterstützung durch Herrn Dr. Gros fand. Nach dessen Ansicht ist es schwierig, das rückläufige Zinsergebnis nur über Provisionserträge auszugleichen. Um Kundengeschäft auszubauen, ist Unterstützung durch den Verbund unabdingbar, z. B. hinsichtlich des Auslandsgeschäftes von Firmenkunden. Die bestehenden Angebote des Verbundes zu nutzen, sei auch in Bezug auf die Digitalisierung zwingend erforderlich, so Herr Jakoby. Für einen erfolgreichen digitalen Wandel müssten vor allem aber die Mitarbeiter und die Kunden von den vorhandenen Angeboten überzeugt werden. Auch Herr Ruff bestätigte, dass dies beim Vorstand und den Führungskräften anfängt. Ob Social Media, Blogs oder digitales Mitgliedernetzwerk – die Volksbank eG Bad Laer-Borgloh-Hilter-Melle versucht, auf allen Kanälen für ihre Kunden ansprechbar zu sein. Herr Deitert stellte hierbei heraus, dass die Genossenschaftsbanken in FinTechs keine Bedrohung sehen sollten, sondern viel von diesen lernen könnten.

Michael Deitert
Dr. Jürgen Gros
Thomas Jakoby
Thomas Ruff
In der traditionellen Schlussrunde fragte Frau Prof. Theurl die Diskussionsteilnehmer danach, was der „wichtigste neue Weg“ ist, der nun einzuschlagen ist. Laut Herrn Ruff ist der Fokus auf ein starkes Kundengeschäft, aber auch auf die Qualität des Managements und der Mitarbeiter zu setzen. Herr Jakoby stellte heraus, dass die vorhandenen Potenziale auf der Grundlage der genossenschaftlichen Idee konsequent umgesetzt werden sollten. Die Stärken des Verbundes noch stärker auszuspielen, forderte Herr Dr. Gros. Herr Deitert betonte abschließend, dass man weiterhin agieren statt abwarten müsse. Dies fokussiere sich darin, Innovationen nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen.


v.l.n.r.: Michael Deitert, Dr. Aurel Schubert, Thomas Ruff, Prof. Dr. Theresia Theurl, Hans Joachim Reinke, Dr. Jürgen Gros, Thomas Jakoby

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ findet am 23. Januar 2017 in Münster statt.

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