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DFG-Projekt »Demographischer Wandel, Marktentwicklung und Regionenbildung in Westfalen, 1750-1850« - eine kurze und vorläufige Projektbeschreibung

(Text: Georg Fertig - Übersetzung aus dem Englischen: Markus Küpker)

Die nordwestdeutschen Territorien, die seit 1815 die preußische Provinz Westfalen bildeten, erfuhren während des 18. und 19. Jahrhunderts ein beträchtliches Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, und zwar auf sehr unterschiedliche Weise.

Die westfälischen Regionen spezialisierten sich auf verschiedene Produkte wie Getreide, Textil- oder Eisenwaren. In einigen Gebieten stagnierte die Gesamtbevölkerung, während sie in anderen rasch wuchs. Es ist das Ziel dieses Projekts, zu erforschen, auf welche Weise regionale wirtschaftliche Muster im Westfalen des 18. und 19. Jahrhunderts individuelle Lebenschancen beeinflußten und somit, auf aggregierter Ebene, das Bevölkerungswachstum hervorriefen, das gemeinhin als Grundvoraussetzung für das industrielle Wachstum betrachtet wird.

Seit Januar 1997 wird das Projekt »Demographischer Wandel, Marktentwicklung und Regionenbildung in Westfalen, 1750-1850« am Historischen Seminar in Münster durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert; der Abschluß der Forschungsarbeit ist für den März 1999 angesetzt. Das Projekt spricht Fragen an, die sich mit fundamentalen menschlichen Bedürfnissen (wie der Ernährung) und deren Befriedigung auf einer ebenso fundamentalen Ebene (Kinderkriegen, Überleben) befassen. Geschichtliche Vorstellungen über vorindustrielles und frühindustrielles Wirtschaftswachstum bestimmen immer noch in beträchtlicher Weise unsere Haltung gegenüber ärmeren Ländern. Diese verbreiteten historischen (und zugleich aktuell handlungsleitenden) Vorstellungen betonen die Bedeutung von technologischen Innovationen, von Marktentwicklung, Desintegration traditioneller bäuerlicher Gemeinschaften sowie von Massen-Auswanderung. Für diese klassische Erfolgsgeschichte wirtschaftlichen Wachstums ist die steigende Kooperation über Märkte zentral. Kooperation, Handel und Spezialisierung erweitern menschliche Handlungsspielräume, indem sie sie von lokalen natürlichen Bedingungen (wie dem lokalen Ernteausfall) loslösen. Treibende Rollen in diesem Prozeß spielen das Bevölkerungswachstum (das einen Anstieg sowohl der Nachfrage und des Arbeitseinsatzes, als auch einen Herabsinken der Transaktionskosten mit sich bringt) und die Herausbildung des Territorialstaates (die sowohl auf eine Verbesserung der Infrastruktur als auch der Sicherheit ausgerichtet ist). So viel zur Erfolgsgeschichte des demo-ökonomischen Wachstums - gerade unter SozialhistorikerInnen sind jedoch auch skeptischere Herangehensweisen an die Thematik verbreitet. Diese betonen die Risiken von Kooperation, Marktentwicklung und Wirtschaftswachstum, da ein Wachstum über den gegebenen landwirtschaftlichen Nahrungsspielraum eines gegebenen kleinen Territoriums hinaus in Zeiten wirtschaftlicher Depression erhebliche Nachteile bringen kann. In dieser malthusianischen Perspektive werden die sozialen und (im schlimmsten Fall) biologischen Rückkopplungsmechanismen betont, die eine Bevölkerung im Gleichgewicht mit der jeweiligen territorialen Wirtschaft halten: Ungleiche Sterblichkeit, ungleiche Erbmuster, ungleiche Heiratschancen und die Rolle der Familie bei der Sorge für diejenigen, die einem steigenden Armutsrisiko in jungen oder alten Jahren ausgesetzt sind.

Bevölkerungswachstum ist in der deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zumeist mit drei Phänomenen verbunden worden, die alle im westfälischen Kontext diskutiert werden können. Zunächst wird oft angenommen, daß Erbpraktiken der Teilbarkeit (wie sie in den südöstlichen Teilen Westfalens im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend verbreitet waren) eine Schwächung vorindustrieller autoregulativer Mechanismen zur Folge hatten, welche bis dahin die Bevölkerungszahlen an die Zahl der verfügbaren Stellen band. Diese Hypothese macht es wichtig, die Zusammenhänge zwischen Mortalität (und damit auch Erbschaft) sowie Nuptialität in verschiedenen westfälischen Regionen zu untersuchen. Zweitens ist der gleiche Effekt, eine Auflösung der »Kette zwischen Erbschaft und Reproduktion«, der raschen Zunahme der Proto-Industrie, die sich in den nordöstlichen Teilen Westfalens konzentrierte, zugeschrieben worden. Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, protoindustrielle Einkommen und deren Relation zu Heiraten und Geburten zu untersuchen. Drittens wurden die »Bauernbefreiung« sowie der Wandel der agrarischen Produktion und der damit verbundenen Vermarktung als bedeutende Voraussetzung für ein Bevölkerungswachstum betrachtet, da ein Wachstum der Agrarmarktproduktion das Leben der Bevölkerung weniger von Subsistenzkrisen abhängig machte. Dies lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Mortalität und Lebensmittelpreisen in Gegenden, die mehr oder weniger stark in Agrarmärkte eingebunden waren, gegenüber denjenigen, die Subsistenzwirtschaft betrieben.

All diese oben diskutierten Fragen können - wie gesagt - in malthusianischen Begriffen verstanden werden. Wenn Heirat von Erbschaft oder Arbeitseinkommen abhängig ist, können diese funktionalen Beziehungen beide als unterschiedliche Versionen eines malthusianischen »preventive check« interpretiert werden. Wenn auf der anderen Seite die Verfügbarkeit von Nahrung über die individuelle Lebensdauer entscheidet, weist dies offensichtlich auf einen »positive check« hin. Indem sie »checks« dieser Art diskutieren, nehmen Demographen implizit an, daß es eine natürliche Tendenz zum Bevölkerungswachstum gibt, die durch kulturelle, wirtschaftliche oder, wenn notwendig, durch biologische Mechanismen begrenzt werden muß. Ein Großteil der neueren internationalen historisch-demographischen Forschung wurde durch solche malthusianischen Annahmen beeinflußt; am bemerkenswertesten ist hier die »Population History of England« (PHE) von Wrigley und Schofield. Unter Wirtschaftshistorikern erfreuen sich seit jüngster Zeit eher boserupianische Hypothesen größerer Aufmerksamkeit. Im Fall Westfalens ist durch Michael Kopsidis vorgeschlagen worden, daß Bevölkerungswachstum und steigende Nachfrage durch industrialisierte Regionen agrarische Innovation ausgelöst forciert haben, nicht andersherum. Wechselnde Muster agrarischer Produktion stehen danach im Zusammenhang mit Transportkosten und der Nähe zu Ballungsgebieten.

In technischer Hinsicht kombiniert das Projekt Zeitreihen- und Querschnittanalysen einer Stichprobe von 34 westfälischen Kirchspielen - ein Kirchspiel aus jedem Kreis - über einen Zeitraum von 121 Jahren (1750-1870), die 86 Gemeinden, darunter sechs Kleinstädte und - gerechnet im Jahr 1818 - eine Bevölkerung von über 46.000 Personen umfassen. Zusätzlich ist eine Gesamterhebung für die Kreise Tecklenburg und Recklinghausen eingeschlossen. Die Auswahl der Kirchspiele erfolgte nach dem Zufallsprinzip, soweit Kriterien der Quellenqualität das möglich machten. Die Daten, die wir erheben, beinhalten Auszählungen der Taufen, Begräbnisse und Hochzeiten in den ausgewählten Kirchspielen auf Monatsbasis (was das Forschungsdesign mit der PHE vergleichbar macht, wenn auch in einem wesentlich geringerem Maßstab), Getreide- und Textilpreisreihen, Reihen zum Klima und Strukturdaten der ausgewählten Kirchspiele. Letzteres schließt Bevölkerungszählungen und Haushaltslisten aus dem 18. und 19. Jahrhundert ebenso ein, wie Schätzungen der landwirtschaftlichen Produktivität und sozialen Ungleichheit aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Ebene der Zeitreihenanalyse untersuchen wir die kurzfristigen Elastizitäten zwischen grundlegenden biographischen Ereignissen (Geburt, Heirat und Tod) auf der einen Seite und Preisen (sowie Indikatoren für Erbfälle) auf der anderen Seite. Marktintegration wird auf Kreisebene unter Verwendung der Getreidepreise des 19. Jahrhunderts untersucht. In einem zweiten Schritt werden Querschnittsanalysen anhand der erhobenen Strukturdaten angestrebt. Diese sollen die Bedingungen bestimmen, unter denen unterschiedliche demographische Empfindlichkeiten in den untersuchten Regionen vorkommen; zugleich sollen Determinanten regional unterschiedlichen landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktivitätswachstums bestimmt werden.

Ansprechpartner:
Georg Fertig
E-Mail: georg.fertig@uni-muenster.de

Wir möchten Studierenden, die im Rahmen von Abschluß oder Seminararbeiten unserem Projekt thematisch anschlußfähige Lokalstudien beginnen möchten, die Gelegenheit geben, Orte auszuwählen, die zu unserer Stichprobe gehören und zu denen wir daher möglicherweise Hilfestellung bieten können. Nachdrücklich willkommen sind uns auch Kontakte zu ForscherInnen außerhalb der Universität Münster, die zu »unseren« Orten arbeiten.

Liste der Kirchspiele:


Kreis Kirchspiel KonfessionGemeindenBevölkerung 1818
Regierungsbezirk Münster


AhausOttensteinkath. 1765
BeckumDiesteddekath. 11002
BorkenVelenkath. 11924
CoesfeldHoltwickkath. 11182
LüdinghausenSelm kath.11273
MünsterRoxelkath. 11144
RecklinghausenMarlkath. 11672
SteinfurtNordwaldekath. 12182
TecklenburgLotteev. 11259
WarendorfBeelenkath. 11956





Regierungsbezirk Arnsberg


AltenaHerscheidev. 11636
ArnsbergHirschbergkath. 1710
BochumHerbedeev. 52232
BrilonAlmekath. 21061
DortmundBrackelev. 1833
HagenEndeev. 11032
HammHerringenev. 51570
IserlohnErgsteev. 1795
LippstadtMellrichkath. 61248
MeschedeCallekath. 11652
OlpeOberhundemkath. 1906
SiegenOberfischbach ev.81045
SoestOstinghausenkath. 31150
WittgensteinFeudingen ev.152276





Regierungsbezirk Minden


BielefeldIsselhorst ev.52198
BürenBüren kath.11318
HalleWerther (Stadt) ev.11362
HerfordLöhneev. 1855
HöxterHerstelle kath.21285
LübbeckePr. Oldendorf ev.72612
MindenSchlüsselburg ev.1953
PaderbornNeuenbeken kath.31064
WarburgHohenwepelkath. 31010
WiedenbrückLangenberg kath.11038

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