Keynote Speaker

Organisatorin der Kerntagung: Michèle Tertilt (Universität Mannheim)

Deutschland gibt jährlich ca. 10 Milliarden Euro (fast ein halbes Prozent des Bruttosozialprodukts) für Entwicklungshilfe aus. Weltweit werden etwas mehr als 650 Milliarden Euro pro Jahr für Entwicklungshilfe ausgegeben. Das entspricht ungefähr dem Bruttosozialprodukt von der Türkei oder Neuseeland. Derzeit befinden sich mehr als 1,000 deutsche Entwicklungshelfer im Einsatz. Trotzdem leben weiterhin viele Menschen in bitterer Armut. Die sogenannte „bottom Billion“ lebt von weniger als einem Euro pro Tag. Täglich sterben etwa 8,500 Kinder weltweit an Hunger. Mehr als 35 Länder haben ein Pro Kopf Einkommen von unter 1,000 Euro pro Jahr, das ist weniger als 3% des deutschen pro Kopf Einkommens. Um diesen Menschen effektiv zu helfen, ist es eminent herauszufinden, welche Art von Entwicklungshilfe die effektivste ist. Sollten wir technische Hilfe leisten, z.B. bei der Wasser- oder medizinischen Versorgung? Sollten wir eher auf der makroökonomischen Ebene Hilfestellung leisten, z.B. beim Aufbau von besseren Institutionen? Oder wäre es besser, einfach Geld zu geben und den Ländern die Verwendung selbst zu überlassen? Und vielleicht am allerwichtigsten: Welche Strategien sollten diese Länder selber verfolgen, um auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu gelangen?

Jüngere Forschung benutzt immer öfter Feldexperimente, um herauszufinden was in der Armutsbekämpfung am besten funktioniert. Feldexperimente gibt es mittlerweile in vielen verschiedenen Bereichen: Bildung, Gesundheit, aber auch zum Beispiel zum Thema Korruption. Auch gibt es z.B. Feldexperimente die untersuchen, inwieweit „Nachhilfe“ in Managementstrategien zu mehr Profit und, langfristig, Wachstum führen können.

Um die Faktoren von Erfolg auf der Makroebene besser zu verstehen, werden entweder die Erfolgs- (und Misserfolgs-)geschichten von verschiedenen Ländern verglichen oder Analogien zur historischen Entwicklung von (heute) reichen Ländern benutzt. Da auf makroökonomischer Ebene Feldexperimente nicht durchführbar sind und sich durch einfache ländervergleichende Daten keine Kausalität nachweisen lässt, greift die neuere Forschung verstärkt auf quantitative Modelle zurück. Anhand von kalibrierten Modellen werden Erfolgsmechanismen analysiert und quantifiziert.

Es ist uns gelungen, international herausragende Wissenschaftler mit Erfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen der Entwicklungsökonomie als Referenten zu gewinnen. In ihren Vorträgen werden sie Entwicklungshilfe aus verschiedensten Blickwinkeln analysieren.
Pascaline Dupas (Stanford) widmet sich insbesondere dem Thema Gesundheit. Sie untersucht in Feldexperimenten, wie man Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern am besten lösen kann. Sie erforscht unter anderem, wie man Menschen dazu bringen kann, selber mehr in ihre Gesundheitsvorsorge zu investieren, aber auch wie man das Gesundheitssystem im Allgemeinen verbessern kann. Zum Beispiel untersucht sie Anreizprobleme in der Verteilung und Nutzung von Malarianetzen mit Hilfe von Feldexperimenten in Kenya.

Oriana Bandiera (LSE) befasst sich in ihrer Forschung insbesondere mit den Anreizen im öffentlichen Sektor. Ein funktionierender öffentlicher Sektor ist eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau von Humankapital (z.B. durch Schulen) und physischem Kapital (z.B. dadurch dass das Justizsystem das Einhalten von Verträgen beaufsichtigt). Bandiera untersucht in ihrer Forschung, inwieweit die Anreize von einzelnen Akteuren im öffentlichen Sektor (z.B. von Lehrern, Finanzbeamten und Ärzten) hier eine Rolle spielen. Anhand von Feldexperimenten analysiert sie, welche Anreize diese Akteure besonders motivieren können.

Fabrizio Zilibotti (Zürich) ist ein Makroökonom. Er untersucht die Geheimnisse des Wachstumserfolgs in China. Bis in die 1970er Jahre war China ein äußerst armes Land. Der Reformprozess, der Anfang der 1980er Jahre anfing, und sich in den 90ern noch verstärkt hat, hat China auf einen beeindruckenden Wachstumskurs befördert. In der ersten Dekade der 2000er Jahre konnte China ein durchschnittliches Wachstum von 9% pro Jahr vorweisen. Zilibotti analysiert die Gründe für die Armut Chinas bis in die 70er, die Erfolgsfaktoren des schnellen Wachstums und gibt eine Ausblick auf die Zukunft: welche Faktoren werden wichtig sein, um den Erfolgskurs langfristig halten zu können?

Auch Matthias Doepke (Northwestern) bietet eine makroökonomische Perspektive. Er beschäftigt sich mit der Rolle von Humankapital im Entwicklungsprozess. Eine wichtige Frage ist, wie genau Ideen eigentlich generiert werden und wie neue Ideen zu Wachstum führen. Doepke benutzt theoretische Modelle um diesen Mechanismen auf den Grund zu gehen. Hierbei beleuchtet er Humankapital aus den verschiedensten Blickwinkeln: die Weitergabe von Wissen von Meister zu Lehrling, die Rolle die Eltern in der Humankapitalakkumulation ihrer Kinder spielen, und die Rolle des Staates durch öffentliche Bildung. Anhand der historischen Entwicklung Europas identifiziert Doepke Erfolgsstrategien die für heutige Entwicklungsländer relevant sein dürften.

Ferner ist eine Diskussionsrunde über die Herausforderungen der Entwicklungshilfe mit wichtigen Vertretern aus der Forschung und Praxis angedacht. Darunter Cornelia Richter(Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit – GIZ), Dr. Norbert Kloppenburg (Vorstandsmitglied der Kreditanstalt für Wiederaufbau – KfW) und ggf.Dr. Friedrich Kitschelt (Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Als Vertreter der Wissenschaft kommen Robin Burgess(London School of Economics und Director des International Growth Centers) und Karen Macours (Paris School of Economics) nach Münster.