Exkursion 1995 nach Bremen / Osnabrück
"Wenn der Motor die Karosserie küsst"
Betriebsbesichtigungen in Bremen und Osnabrück
Das
Geschäft mit dem eigenen Erfolg, das sogenannte Open-Book-Management,
liegt in den USA stark im Trend. US-Vorzeigeunternehmen, die zum
Beispiel Qualitätspreise wie den Baldrige Quality Award erhielten,
lassen sich bereitwillig von der Konkurrenz in die Karten schauen. Die
Teilnehmer dieser kommerziellen Selbstdarstellung werden nicht in
Seminarräumen abgefertigt, sondern dürfen an den Maschinen, Werkbänken
und Produktionsstraßen den Mitarbeitern über die Schultern schauen. Für
die Seminare zahlen die amerikanischen Firmentouristen stattliche
Gebühren von bis zu mehreren tausend Dollar.
Keine
stolzen Summen müssen die Studierenden der
Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaften aufbringen, um die "eiserne
Schweigepflicht" führender Unternehmen zu brechen. Der Lehrstuhl für
Controlling von Prof. Dr. Wolfgang Berens bietet eine Lehrveranstaltung
an, in dessen Rahmen ausgewählte Fertigungsbetriebe aufgesucht werden.
Die diesjährige Exkursion führte die 42 teilnehmenden Studenten und
Wissenschaftler unter der Thematik "Steuerung von Produktionsprozessen
in der Automobilindustrie" nach Bremen und Osnabrück.
Dabei
könnten die gastgebenden Unternehmen der Düsseldorfer
Besuchergruppe durchaus zu den sogenannten "cult companies" des
professionellen US-Firmentourismus zählen. Mit dem
Sitzkomponentenhersteller Keiper Recaro, dem Werk Bremen von Mercedes
Benz und dem Karosseriewerk Wilhelm Karmann GmbH wurden gleich
drei renommierte Betriebe der Automobilindustrie besichtigt. Das
Besuchsprogramm vervollständigte eine Führung durch den Produktbereich
Raumfahrt/Orbitale Infrastruktur der Daimler-Benz Aerospace.
Erste
Station auf der Lehrveranstaltung war die Daimler-Tochter Aerospoace,
deren Produktbereich Raumfahrt-Infrastruktur in Bremen seinen Hauptsitz
hat. Dieser strategischen Geschäftseinheit sind die Fertigung von
Antriebssystemen, Raumtransportsystemen und Orbitalsystemen zugeordnet.
Dazu zählt u.a. die Integration der ARIANE-Rakete, deren Komponenten zur
Überraschung der Teilnehmer horizontal zusammengefügt werden. Höhepunkt
des Besuchs war der sogenannte Schneewittchensarg. Darin wird die
Plattform EURECA aufbewahrt, die vor ihrer Wiederverwendung von
toxischen Partikeln befreit wird. Den Abschluß des Rundgangs bildete die
Besichtigung der zum Geschäftsfeld Luftfahrt
gehörenden Airbusflügelintegration. Die vergleichsweise leeren
Montagehallen wiesen zugleich auf die im Sparprogramm DOLORES steckende
Problematik hin.
Zweite
Station war der für seine erfolgreichen Just-in-time-Projekte
bekannte Sitzkomponentenhersteller Keiper Recaro. Keiper-Recaro liefert
montagesynchron komplette Sitzgarnituren für die Mercedes C-Klasse. Dazu
haben beide Unternehmen ihre EDV-Systeme aufeinander abgestimmt und
eine gemeinsame Transport- und Fördertechnik mit entsprechenden
Transportgestellen konzipiert. Diese stellt eine zeitnahe Anlieferung
ohne Verschiebungen oder Verzögerungen der auftragsbezogenen Reihenfolge
sicher. An Keiper-Recaro geht erst dann der Auftrag für eine der ca.
30.000 Sitzvarianten, wenn ein W 202 (interne Bezeichnung für die
C-Klasse) die Lackieranlage verläßt. Was diese Variantenvielfalt im
Einzelfall für Änderungen bedingt, konnten die Teilnehmer am Beispiel
der Sitzkomponenten für Polizeifahrzeuge nachvollziehen. Dort gehören
Vorbringungen für Kellenhalter, Feuerlöscher und Schußwaffen sowie
nicht-perforierte Stoffe zur Standardausstattung eines Komplettsitzes.
30 Minuten vor Sitzeinbau werden die bestellten Modelle mit einem
Spezialtransporter direkt zu den entsprechenden PKW-Modellen ans
Band geliefert. Von dem Auftragseingang bis zur Auslieferung vergehen
insgesamt nur ca. 5,5 Stunden.
Vom
Zulieferer führte die Besichtigung direkt weiter zum
abnehmenden Automobilproduzenten Mercedes. Dort referierte zunächst der
Leiter der Abteilung Controlling/Rechnungswesen Jope über die
Erfahrungen von Mercedes mit der Anwendung des marktorientierten
Zielkostenmanagement (Target Costing). Dieses auch als "Japan's Smart
Secret Weapon" bezeichnete Instrument stellt an den Beginn
des Produktlebenszyklus die Frage "Wieviel darf das Erzeugnis kosten?".
Damit wird die Produktentwicklung konsequent an den Anforderungen des
Marktes ausgerichtet. Im Anschluß wurde der Gruppe die Fertigung der
SL-Klasse in der Halle 9 gezeigt. Dort konnten sich die Teilnehmer nicht
nur vom hohen Automatisierungsgrad der Produktion, sondern auch von der
ganzheitlichen Qualitätsorientierung bei Mercedes überzeugen. Konsequent
werden Ausschußquoten der verschiedenen Schichten auf Monatsbasis
festgehalten und visuell dargestellt. Jeder Mitarbeiter soll das
Gefühl haben, für die Qualität seiner Tätigkeit selbst verantwortlich zu
sein. Zum Schluß der Besichtigung bei Mercedes wurde die Gruppe dann
Zeuge der Hochzeit in der Automobilfertigung. Diese Vermählung ist
vergleichsweise unromantisch: Sie umschreibt den Prozeß der Integration
des Motors in die Karosserie.
Geschäftsbeziehungen
zu Mercedes-Benz unterhält auch das vierte Besichtigungsziel, die
Wilhelm Karmann GmbH in Osnabrück, Europas größter unabhängiger
Fahrzeughersteller. Karmann liefert Teile der Bodengruppe für den neuen
Sportwagen SLK von Mercedes-Benz. Insgesamt ist der Automobilzulieferer
in den drei Fachbereichen technische Entwicklung, Betriebsmittelbau und
Fahrzeugbau aktiv. Er bietet alle Leistungen, die für das Entstehen
eines Serienfahrzeuges nötig sind: technische Entwicklungsarbeit,
vornehmlich im Karosseriebereich, Planung und Bau von Preßwerkzeugen für
Blech, Formwerkzeugen für Kunststoff und Vorrichtungen für den
Zusammenbau sowie die Montage kompletter Fahrzeuge in Kleinserien und
Anfertigung von Fahrzeugteilen und Rohkarosserien. Auf der Basis dieser
spezifischen Stärken hat sich Karmann auf die Fertigung anspruchsvoller
Kleinserien, insbesondere Cabriolets, spezialisiert, so u.a. das
Golf-Cabrio und den Kia Geländewagen "Sportage".
Insgesamt
lieferte die Exkursion einen umfassenden Einblick in
Fertigungsstrukturen, aber auch Abhängigkeitsbeziehungen der
Automobilindustrie. Manch theoretisch anspruchsvolles und überzeugendes
Instrumentarium relativierte sich auch im Lichte der Praxis. Dies kann
aber dazu beitragen, daß es den Studierenden vor dem Wechsel in die
betriebliche Praxis nicht so ergeht wie einigen Gastfirmen beim
Open-Book-Management. Die erleben hin und wieder ein blaues Wunder, wenn
sie beim Konkurrenzbesuch ihre eigenen Fehler erkennen. (Andreas Hoffjan)
(Erschienen in der Düsseldorfer Uni-Zeitung, Jahrgang 24 - Nr. 6/95, S. 23)



