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Klassische Fehler bei Klausuren - einige Hinweise



Bei der Korrektur von Klausuren bemerkt man (bei einigen Jahren Erfahrung mit derartigen Korrekturen), daß eine gewisse Anzahl grundlegender Bearbeitungs- bzw. Verhaltensfehler immer wieder auftritt. Diese wurden nachfolgend als Orientierungshilfe zusammengestellt. Für weitere Hinweise stets dankbar ... (ws..)


  1. Lesen Sie die Fragen/Aufgaben in Ruhe durch und denken Sie darüber nach!
    • Oft hat man als Korrektor den Eindruck, "im falschen Film" zu sein, weil die Ausführungen nur am Rande (oder garnicht) mit der gestellten Frage/Aufgabe zu tun haben ...
    • Es entsteht der Eindruck, daß die Kandidaten die Frage/Aufgabe nur flüchtig gelesen haben, sodann einige Assoziationen vor ihrem geistigen Auge aufstiegen und sie zu denselben anschließend das gesamte vorhandene Wissen erst einmal "abgeladen" haben - ganz egal, ob das nun verlangt war oder nicht ...
    • Deshalb ...

  2. Beantworten/Bearbeiten Sie die gestellte Frage/Aufgabe und nicht irgendeine andere Frage!

  3. Achten Sie darauf, wieviele Punkte es für die Frage/Aufgabe gibt bzw. wieviele Minuten dafür in der Punkte-/Minuten-Relation vorgesehen sind!
    • Es sei die Hypothese gewagt, daß es auch bei Klausuren ein "Gesetz des sinkenden Grenznutzens des nächsten geschriebenen Satzes" gibt: Meist schreibt man am Anfang das Wichtigste nieder, dafür gibt es die meisten Punkte.
    • In der Regel sollte man nur solange an einer Frage/Aufgabe arbeiten, bis ihr vorgesehenes "Zeitbudget" erschöpft ist oder man nichts mehr zu schreiben weiß.
    • Wenn man nichts mehr zu schreiben weiß, sollte man nicht verkrampfen, sich nicht verbeißen, sondern lieber erst einmal zur nächsten Frage/Aufgabe übergehen. Besser, man spart sich die Zeit auf und kommt später (wenn dann noch Zeitreserven verbleiben) noch einmal auf die Frage/Aufgabe zurück.
    • Abschreckendes Beispiel: Der Controlling-Student Frank H. begleitete den Lehrstuhl über viele Jahre lang und trat immer wieder zur Seminarklausur an: Er löste die von ihm bearbeiteten Fragen/Aufgaben immer 250-prozentig - aber er schaffte stets nur maximal ein Drittel der Klausur ...

  4. Achten Sie in diesem Zusammenhang auch auf die Aufforderung in der Frage/Aufgabe, was zu tun ist!
    • Normalerweise wird in der Fragestellung/Aufgabenstellung über Begrifflichkeiten wie "Nennen Sie ...", "Skizzieren Sie ...", "Erläutern Sie knapp ...", "Erläutern Sie ...", "Diskutieren Sie ...", "Beschreiben Sie ..." angedeutet, in welcher Ausführlichkeit auf die Fragestellung/Aufgabe eingegangen werden soll. Die entsprechende Punktezahl für die Fragestellung/Aufgabe gibt (über die Punkte/Minuten-Relation) einen weiteren Hinweis.
    • Beispiel: "Nennen Sie fünf Automarken! (3 Punkte)" - Nicht selten ist zu beobachten, daß (nicht nur automobilphile) Kandidaten sich bei einer solchen Frage dann über mehrere Seiten in der Beschreibung diverser Marken und ihrer Vor- und Nachteile ergehen ... das bringt maximal (!) drei Punkte, kostet aber Zeit, welche sicherlich an anderer Stelle mit höherem Punkteertrag eingesetzt werden könnte.

  5. Wenden Sie nicht blind bekannte Methoden und Techniken an!
    • Klausuraufgaben beinhalten oft Besonderheiten, welche die Lösung "nach Schema F" unmöglich machen - es geht damit gerade darum, zu prüfen, ob die Kandidaten die anzuwendende Methode/Technik verstanden haben oder nur "blind" anwenden - die sogenannte "Transferleistung".
    • Wenn man in solchen Fällen die vorgegebene Situation einfach in eine bekannte Methode/Technik "hineinpresst", kommt dabei selten etwas Sinnvolles heraus.
    • Beispiel: Bei einer Klausuraufgabe ist eine Abweichungsanalyse vorzunehmen. Es existiert aber keine Beschäftigungsabweichung, da Plan- gleich Istbeschäftigung ist. Erfahrungsgemäß besteht ein Großteil der Kandidaten darauf, trotzdem eine solche auszurechnen - weil die in den Büchern halt auch immer ausgerechnet wird.

  6. Wenn im Rahmen einer Frage/Aufgabe umfangreiche Ausführungen erforderlich sind: Gliedern Sie dieselben! Stellen Sie Ihre Gliederung ggf. auch explizit den Ausführungen voran!
    • Ein Korrektor, der über mehrere Seiten Ihre Ausführungen liest, gewinnt keinen sonderlich guten Eindruck von Ihren Fähigkeiten, wenn thematisch alles "wie Kraut und Rüben" durcheinandergeht. Es entsteht vielmehr der Eindruck von Konzeptionslosigkeit.
    • Deshalb dient eine (implizite) gedankliche Gliederung zunächst schon einmal dazu, die Ausführungen "im Kopf" zu ordnen und in dieser Folge niederzuschreiben.
    • Wenn es vom Umfang der Ausführungen her lohnend erscheint, kann man die Gliederung auch noch einmal denselben voranstellen, um dem lesenden Korrektor eine "idea of the shape of things to come" zu geben.

  7. Schreiben Sie leserlich!
    • Man sollte eigentlich annehmen, daß das keiner weiteren Erläuterung bedarf. Wenn ein Korrektor etwas wirklich nicht lesen kann, kann es nicht bewertet werden. Spekulieren darf er nicht. Und das trifft doch öfters zu, als man denken mag.
    • Zudem: Ein Korrektor ist auch nur ein Mensch und es versetzt ihn in eine durchaus gereizte Stimmung, wenn er über Seiten "Hieroglyphen" entziffern muß - das sollte sich zwar nicht in der Bewertung niederschlagen - aber kann man das immer garantieren?

  8. Nutzen Sie die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel!
    • Gut, nicht immer ergeben sich derartige Möglichkeiten: Der Student Robert S. berichtete nach seiner Examensklausur, daß eine umfangreiche Aufgabe aus dem Handelsrecht durch nettes Zusammenfassen von Passagen aus der Einführung vorne in der dtv-Ausgabe des HGB gelöst werden konnte ...



       letzte Modifikation: 28.03.2001 by Walter Schmitting