ordoliberaler Nationalökonom und Sozialphilosoph
10. Oktober 1899 in Schwarmstedt bei Hannover
- Vater: Landarzt
- wuchs in bäuerlich-ländlicher Umgebung auf
- führte ein ausgeprägt großstädtisches Leben, erlernte zahlreiche Sprachen und reiste sehr viel
- 1917/18 Kriegsdienst (Verwundung 1918)
- 1921 Promotion über den deutschen Kalibergbau
- 1922 Habilitation über Konjunkturtheorie
- Experte für Reparationsfragen im Auswärtigen Amt
- 1924 wurde er mit 25 Jahren in Jena der damals jüngste deutsche Professor
- 1928 Ordinariat in Graz
- 1929 Universität Marburg
- 1930 als Mitglied der Reichskommission zur Krisenbekämpfung ("Kommission zum Studium der Arbeitslosenfrage" (Brauns-Kommission)) schlägt er eine Kreditexpansion und staatliche Investitionen vor, obwohl er keynesianischem Gedankengut grundsätzlich sehr kritisch begenete (s. Theoriebeiträge)
- Frühjahr 1933 Lehrverbot wegen seines offenen Bekenntnisses zu einer konstruktiv-liberalen, vom Nationalsozialismus strikt abweichenden Wirtschaftstheorie
- 1935 Emigration
- lebte zunächst in Istanbul und arbeitete dort mit dem ebenfalls emigrierten Soziologen A. Rüstow zusammen; Begründer und Direktor des dortigen Sozialwissenschaftlichen Instituts
- 1937 Professur in Genf (Institut universitaire des hautes études internationales, Professor für Internationale Wirtschaftsfragen), wo er fortan lebte; dort u.a. Lehrer von E. Heuß
- 1950 Memorandum zur Frage "Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig?" im Auftrag der Bundesregierung; in 91 Thesen forderte er insbesondere die konsequente Weltmarktintegration, umfassende Liberalisierung, den Rückbau des Wohlfahrtsstaates sowie den Verzicht auf Mitbestimmung und Vollbeschäftigungsprogramme
- setzte sich immer wieder für das Primat der Geldwertstabilität ein und forderte die Aufwertung der DM während der Aufwertungsdebatte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre (die im März 1961 auch erfolgte); sah das Scheitern des Bretton Woods-Systems, die Instabilität flexibler Wechselkurse sowie das Versagen einer Politik des billigen Geldes ebenso voraus wie den Untergang der osteuropäischen Planwirtschaften
- gehörte im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Gesellschaftskunde zu den meistgelesenen Autoren weltweit
1966 in Cologny bei Genf
- Die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM) veranstaltet seit 1993 Wilhelm-Röpke-Gespräche zu ordnungs-, gesellschafts- und europapolitische Themen
seine Literaturliste umfasst ca. 800 Positionen, zusammen mit seinen Vorträgen erweitert sich die Liste auf 3000 Einträge
- 1925 Geld und Außenhandel
- 1932 Krise und Konjunktur
- 1937 Die Lehre von der Wirtschaft
- 1942 Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart
- 1944 Civitas Humana
- 1945 Die deutsche Frage
- 1945 Internationale Ordnung
- 1950 Maß und Mitte
- 1958 Jenseits von Angebot und Nachfrage
- bedeutender Vertreter des Ordoliberalismus (Freiburger Schule); wird zu den Wegbereitern der Sozialen Marktwirtschaft gerechnet
- methodisch synthetisiert er Historismus, Staatswissenschaften und formale ökonomische Theoriebildung
- produzierte keine neuen ökonomischen Theorien i.e.S., versuchte aber eine Synthese liberaler Ökonomie und konservativer Kapitalismuskritik (Suche nach einem dritten Weg zwischen Laissez faire Kapitalismus und totalitärer Zentralverwaltungswirtschaft)
- Philosophie/Ordnungstheorie:
- Spannungsverhältnis zwischen konsequentem Liberalismus und einem konservativ-romantischen Leitbild
- Anthropologisches Fundament in Form der "Vitalsituation" als vierfache Verwurzelung des Menschen: (1) Bindung an andere ("Gemeinschaft"), (2) Bindung zur Natur, (3) Beziehung zu Dingen ("Eigentum"), (4) Beziehungen zur Geschichte ("Überlieferung"); Störungen in Form extremer (starker oder schwacher) Ausprägungen dieser Bindungen bzw. Beziehungen führen zu gesellschaftlicher Destabilisierung (soziale Folgekosten, totalitäre Ideologien)
- Eintreten für einen humanistischen, personalistischen, dezentralen, universalen und rationalistischen Liberalismus in antik-christlicher Tradition (Gewaltenteilung und gesellschaftlicher Machtabbau)
- Dritter Weg: Dezentralismus, Masseneigentum, Kapitalismus des Kleingewerbes mit kleinbäuerlichem Einschlag (schweizer Dorf mit 3000 Einwohnern als Idealvorstellung), Wohnungseigentum mit Garten und ausreichendes Refugium marktfreier Bereiche (Markt als "Moralverzeherer" erfordert moralische Regeneration außerhalb des Marktes), Rückbesinnung auf das einfach-natürliche (Vereinfachung des Lebensstils); Kritik an rücksichtslosem Materialismus, politischem Desinteresse, Vermassung, ideeler Entleerung und ungezügeltem Automobilismus
- Rationale Wirtschaftspolitik anhand einer Unterscheidung grundlegender Wirtschaftssysteme
- undifferenzierte Eigenwirtschaft: reine Form des freien Bauerntum vs. entartete Form des Feudalismus
- differenzierte Wirtschaft: reine Form der Wettbewerbswirtschaft vs. entartete Form des Monopolismus
- Wirtschaftspolitisches Gesamtprogramm (1944)
- Herstellung einer echten Wettbewerbsordnung (Antimonopolpolotik: radikale Bekämpfung sämtlicher Monopole inkl. der Gewerkschaften)
- Positive Wirtschaftspolitik (Anti-Laissez-Faire)
- Rahmenpolitik
- Marktpolitik (liberaler Interventionismus)
- Anpassungsinterventionen anstelle von Erhaltungsinterventionen
- konforme Interventionen anstelle von nichtkonformen Interventionen (Begründung des Begriffs der Marktkonformität)
- Wirtschaftlich-soziale Strukturpolitik (Ausgleich, Dezentralisierung, "Wirtschaftshumanismus")
seine Forderung nach einer (marktkonformen) Förderung kleinerer Gewerbebetriebe und der Landwirtschaft nimmt er später wegen Verletzung des Dezentralisierungspostulats zurück
- Gesellschaftspolitik; Betonung der Werteorientierung (Werteverlust führt zu Ordnungsverlust)
- Konjunkturtheorie:
- Mitbegründer der wissenschaftlichen Konjunkturtheorie (1922 [Habil.], 1932)
- integrierte verschiedene Ansätze: ausgehend von der monetären Überinvestitionstheorie berücksichtigt er auch Akzeleratoreffekte, Disproportionalitäten der Produktionsstruktur sowie Disparitäten zwischen Angebot und Nachfrage sowie massenpsychologische Effekte
- beschäftigte sich ab 1930 als einer der ersten mit der keynesianischen Theorie, die er wegen seines unhistorischen und verabsolutierenden Programms ablehnte (er befürchtete insbes. konstanten Inflationsdruck, künstlich niedrige Zinssätze, Überbesteuerung, steigende Staatsquoten, chronisch defizitäre Handelsbilanzen)
- erkannte die Weltwirtschaftskrise als Sonderfall an und forderte 1931 nachfragebelebende Maßnahmen ("Initialzündung"); bezeichnete die Situation ab 1932 als "sekundäre Depression", bei der die allgemeine Nachfrage- und Produktionskontraktion nicht mehr über den Preismechanismus behoben werden kann
- für Normalzeiten vertritt er eine konservative Konjunkturpolitik: Boomdämpfung, Förderung begrenzter Eigenversorgung (Wohneigentum mit Gartenwirtschaft) zur Abfederung temporärer Arbeitslosigkeit, neutrale Geldpolitik zur Investitionsverstetigung, moderate kompensatorische Budgetpolitik; erkannte früh die Schwächen staatlicher Konjunkturpolitik angesichts expansionsfreudiger politischer Entscheidungsträger (Vorwurf des Fiskalsozialismus)
- Außenwirtschaft:
- stritt für einen völlig freien Welthandel (Ideal des multilateralen Freihandels: universale Zollsenkungen, Abschaffung von Handelshemmnissen, Währungskonvertibilität und unbedingte Meistbegünstigungsklausel)
- Kritiker der EWG:
- kulturgeschichtlich: bezweifelte die Existenz eines gesamteuropäischen Bewusstseins
- Protektionismusvorwurf: sah zusammen mit Haberler in den Bestrebungen Frankreichs, Italiens, Deutschlands und der Beneluxländer für eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft die Gefahr einer Abschottung nach außen und einer Schädigung der Länder der Dritten Welt (Verweis auf die von Viner analysierten handelverdrängenden Effekte einer Zollunion); zog daher eine reine Freihandelszone einer zu verstärktem Protektionismus neigenden Zollunion vor
- Ordnungsentwurf: vermisste ordnungspolitische Eindeutigkeit und die Formulierung klarer Spielregeln; die EGKS-Politik betrachtete er als planwirtschaftliches Experiment, das scheitern müsse
- Bürokratisierung: Trend zur Superbürokratie mit unsinnigen Verordnungen und Entstehen einer neuen Klasse von "Ökonomokraten"
- Reihenfolge: politische Einigung muss ökonomischer Einigung vorausgehen (daher auch Ablehnung einer europäischen Zentralbank)
- setzte sich für die Wiedererrichtung des Goldstandards zur Wechselkursstabilisierung ein
- Hayek, F. A. v. et al. (Hrsg.): Wilhelm Röpke, Ausgewählte Werke; 6 Bd.e, Bern 1978.
- Peukert, Helge: Das sozialökonomische Werk Wilhelm Röpkes, 2 Bd.e, Frankfurt 1992.
- Peukert, Helge: Wilhelm Röpke in memoriam - Zum 100. Geburtstag des streitbaren Ordoliberalen; in: WiSt, Aug. 2000, S. 439 ff.
- Baader, Roland: Zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Wilhelm Röpke - Denker der Civitas humana