Stiftungsgründung – ein Zukunftsmarkt für Genossenschaftsbanken,
09. Oktober 2006, Hörsaal CAWM 1, Am Stadtgraben 9 |
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Tagungszusammenfassung
An der gut besuchten Veranstaltung "Stiftungsgründung - ein Zukunftsmarkt für Genossenschaftsbanken", die im Vorlesungssaal des Instituts für Genossenschaftswesens stattfand, nahmen erneut viele Vorstände von Volks- und Raiffeisenbanken, aber auch Praktiker und Wissenschaftler aus der Region teil. Als prominenter Gast konnte außerdem der fünfmalige Gewinner des Ski-Weltcups Marc Girardelli, der selbst Stifter ist, begrüßt werden.

Prof. Dr. Theresia Theurl, Marc Girardelli
Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Frau Professor Dr. Theurl tratzunächst Hans-Joachim Ewald, Verbandspräsident des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems e.V., an das Rednerpult.

Hans-Joachim Ewald
Mit einem kurzen geschichtlichen Abriss über die Entwicklung des Stiftungswesens leitete er seinen Vortrag "Stiftungen im 21. Jahrhundert - Vermögensmanagement und lokale Bindung" ein. So kann das Stiftungswesen auf eine 2000 Jahre alte Geschichte verweisen, ein Blick auf die immens gestiegene Anzahl an Stiftungsneugründungen der letzten 10 Jahre verdeutlicht aber auch seine enorme Aktualität. Das Stiftungswesen stellt somit einen attraktiven Wachstumsmarkt für Banken dar, die ihre Chance in der Anlage und Verwaltung von Stiftungsvermögen sowie Beratungsleistungen und Cross-Selling-Geschäften sehen. Genossenschaftsbanken bietet sich hier die Möglichkeit, sich im Wettbewerb um die Betreuung von Stiftungen entscheidend von Mitkonkurrenten abzusetzen. Durch die hinter der Genossenschaft stehenden Prinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung erwirkt und lebt die Genossenschaftsbank einen Regionalitätsbezug und zeigt, dass sie innerhalb dieser Region eine Verantwortung übernimmt, die über das Bankgeschäft hinausgeht. Eine besondere Verbundenheit und Dankbarkeit gegenüber der Region spüren auch viele angehende Stifter, wie Herr Ewald anschaulich, unter anderem auch durch sein persönliches Beispiel, erläuterte. Diese regionale Solidarität stellt also den Verbindungspunkt zwischen Stifter und Genossenschaftsbank dar, den es von Seiten der Bank zu finden und zu nutzen gilt. Dann kann aus der Verbindung Stiftung - Genossenschaftsbank ein für beide Seiten vorteilhaftes Miteinander werden: Stiftungen, insbesondere die mit kleinem Vermögen, erhalten (Start-)Hilfe von ihrer Bank, die durch die gelebte lokale Bindung ihrerseits weiche Wettbewerbsfaktoren stärken kann. Hier forderte Herr Ewald die Genossenschaftsbanken auf, ruhig einen langen Atem zu beweisen und nicht, wie schnell üblich, allein kurzfristig hohe Ertragspotenziale im Blick zu haben.
Mit dieser Aufforderung schaffte Herr Ewald für die vielen Zuhörer einen guten Übergang zu dem zweiten Vortrag des Tages, gehalten von Herrn Walter Weinkauf, Verbandspräsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands Frankfurt e.V.

Walter Weinkauf
In seinem Vortrag "Stiftungen und ihre Integration in das Bankgeschäft" zeigte Herr Weinkauf die verschiedenen Möglichkeiten des Geschäftsfeld "Stiftung" für eine Bank auf und beschrieb, welche Aufgaben, Betreuungsziele, Produkte und Leistungen innerhalb dieses Feldes einzuplanen sind. Hierbei schloss Herr Weinkauf sich seinem Vorredner an und betonte die hohe Bedeutung von Regionalität. So führte er aus: "Alle reden von Globalisierung und vergessen, dass jeder Trend von einem Gegentrend begleitet wird". Trendforscher bezeichnen diese Entwicklung als Glokalisierung, die genau die genossenschaftliche Idee der Lokaltiätsbezogenheit aufgreift. Daran anknüpfend formulierte Herr Weinkauf bewusst spitz, dass eine Genossenschaftsbank ohne Stiftung eigentlich nicht den Namen Genossenschaft tragen dürfe, da sie die Region nicht fördere. Dabei unterließ der Verbandspräsident es nicht, auf die möglichen Probleme beim Stiftungsgeschäft hinzuweisen, indem er die Ausführungen seines Vorredners weiter aufgriff: einzeln betrachtet mag es Stiftungsgeschäfte geben, die sich für einen Bank nicht "rechnen". Doch, so schloss Herr Weinkauf seinen Vortrag, gibt es eine Reihe von Zusatzeffekten bei Stiftungsaktivitäten, zusammengefasst durch den Oberbegriff des Cross-Sellings, die interessante Ertragspotenziale für eine Bank beinhalten.
Aus einem ganz anderen Blickwinkel näherte sich als dritter Redner Herr Dr. Mark Eisenegger, Vorstand des European Center for Reputation Studies der Universität Zürich, der Thematik Stiftungen und Genossenschaftsbanken.

Dr. Marc Eisenegger
Als Soziologe stellte er den zuhörenden Bankern den weichen, und wie er anschaulich erläuterte, äußerst wichtigen Wettbewerbsfaktor Reputation vor. Zu unterscheiden ist hierbei in funktionale, soziale und expressive Reputation. Während die Erstgenannte Kompetenz und Erfolg honoriert, stellt die Zweitgenannte Sozialverantwortlichkeit in den Vordergrund. Sowohl hinter der funktionalen, wie auch hinter der sozialen Reputation stehen folglich Erwartungsansprüche von Seiten Dritter, die es zu erfüllen gilt. Expressive Reputation hingegen baut sich durch ein unverwechselbares Profil auf, das Authentizität widerspiegelt. Die Summe aus erfolgreichem Management der Erwartungen Dritter (aus funktionaler und sozialer Sicht) sowie der eigenen Identität ergibt das Reputationsprofil eines Unternehmens. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen besitzen Genossenschaftsbanken einen Wettbewerbsvorteil, über den sie sich manchmal selbst nicht bewusst sind: die Sozialreputation. So erläuterte Herr Dr. Eisenegger anschaulich, wie Großkonzerne mühsam probieren, das aufzubauen, was Genossenschaftsbanken schon durch ihre dahinter stehende Genossenschaftsidee immanent ist und nennt das Genossenschaftsprinzip die ideale Organisationsstruktur für eine glaubwürdige Sozialreputation. Stiftungen stellen ein sehr geeignetes Instrument für Genossenschaftsbanken dar, diesen kompetitiven Wettbewerbsvorteil weiter auszubauen und nach außen zu tragen, um als weiteren Vorteil ihre expressive Reputation weiter ausbauen zu können.
Im letzten Vortrag des Tages gab Herr Schönberger, Vorstand der Grafschafter Volksbank eG, nach den gewonnenen theoretischen Erkenntnissen einen anschaulichen Praxiseinblick.

Hans-Herrmann Schönenberger
Er referierte über "Die Gründung einer Stiftung für die Grafschaft Bentheim" und stellte ausführlich den dabei von seiner Volksbank gegangenen Weg dar. So zeigte Herr Schönberger, dass auch bei dieser Stiftungsgründung die genossenschaftlichen Grundprinzipien eine entscheidende Rolle bei den Beweggründen für eine Stiftung gespielt haben. Dies spiegelt sich auch in dem Slogan "Entdecken Sie die Freude an regionaler Förderung mit der Stiftung Graftschaft Bentheim" wider. Durch die eigene Gründung konnte sich die Volksbank ein Stiftungs-Know-how aufbauen, das sie nun als Dienstleistungsangebot für potenzielle Stifter bereithält.

Im Anschluss an die vier Vorträge stellten sich Herr Helmut Bommert, Geschäftsführer Union Investment Institutional GmbH, Hans-Joachim Ewald, Verbandspräsident des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems e.V., Prof. Dr. Dr. h.c. Heribert Meffert, em. Direktor des Instituts für Marketing der Universität Münster und ehemaliger Vorsitzender des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, Dr. Jens Rütters, Geschäftsführer der JaWir-Stiftung, sowie Herr Günter Vogt, Vorstandssprecher der Volksbank Detmold eG, im Rahmen einer Podiumsdiskussion den Fragen der Moderatorin Frau Prof. Dr. Theurl und des Publikums. Als Ergebnisse der Diskussion lassen sich thesenartig folgende Punkte zusammenfassen:
Genossenschaftsbanken besitzen einen Wettbewerbsfaktor, den sie im Vergleich zu ihren Konkurrenten zu wenig ausnutzen.
Sie müssen sich ihrer Reputation innerhalb der Region bewusst werden und diese im Wettbewerb um Kunden gezielt einsetzen.
Potenzielle Stifter sind ein Wettbewerbssegment, das mehr in den Vordergrund gerückt werden muss, ohne dabei jedoch die eigene expressive Reputation außer Acht zu lassen. Mit anderen Worten, die durch eine Genossenschaftsbank zu gewinnenden Stifter sind bodenständig, erwarten dies auch von ihrer Bank und verstehen sich in der Regel nicht als Werbeträger für "new types of corporate citizenships".
Die erfolgreiche Bearbeitung des Geschäftsfelds Stiftungen kann nicht top down oder botton up geschehen, sondern muss vielmehr auf allen Ebenen gelebt werden. So muss einerseits der Vorstand einer Bank hinter der Stiftungsidee stehen, der Mitarbeiter muss sie kennen und vor Ort einsetzen können und die Verbände müssen ihrerseits zur Professionalisierung des Stiftungsgeschäftes beitragen.

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