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VIII. AGI-Nachwuchswissenschaftler-Tagung und Mitgliederversammlung der AGI e.V.
am 25. und 26. April 2003 in Grainau

Am 25. April 2003 reiste der wissenschaftliche Nachwuchs der genossenschaftlichen Institute und Forschungsstellen des deutschsprachigen Raums nach Grainau, um dort auf der jährlich stattfindenden AGI-Nachwuchswissenschaftler-Tagung aktuelle Forschungsarbeiten aus dem Bereich des Genossenschaftswesens zur Diskussion zu stellen. Die Veranstaltung erfolgte wie üblich im Anschluß an die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft genossenschaftswissenschaftlicher Institute e. V. (AGI). Gastgeber war dieses Mal der Genossenschaftsverband Bayern.

Hotel am BaderseeAm Ufer des Badersees, inmitten der Bergwelt des Werdenfelser Landes, liegt das "Hotel am Badersee". Hier befindet sich auch die Akademie Bayerischer Genossenschaften, in der die diesjährige Tagung der Arbeitsgemeinschaft genossenschaftswissenschaftlicher Institute stattfand. Fünf Doktoranden hatten die Gelegenheit, ihre aktuellen Projekte vorzustellen und mit Gleichgesinnten darüber zu diskutieren. Dabei ging es um Methoden des Managements von Genossenschaften, aber auch um Aufgaben und Strukturen der genossenschaftlichen Prüfungsverbände. Ebenso wurde die internationale Perspektive thematisiert.

Nach der Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden der AGI, Prof. Dr. Ulrich Fehl von der Philipps-Universität Marburg, hieß auch Verbandsdirektor Gerhard Bürkle, stellvertretender Vorsitzender des Genossenschaftsverbands Bayern, die Teilnehmer "in der guten Stube" willkommen und stellte den Genossenschaftsverband Bayern sowie die Akademie Bayerischer Genossenschaften vor. Darüber hinaus gab er Einblicke in die derzeitige Situation der Genossenschaften und des Verbands in Bayern.

Mit dem ersten Referat der Nachwuchswissenschaftler eröffnete Dipl.-Kfm. Heino Weller vom Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen der Universität Erlangen-Nürnberg die Diskussion. Im Rahmen seiner Promotion über "Die Genossenschaft als geeignete Rechtsform für Dienstleistungsunternehmen unter besonderer Berücksichtigung von Existenzgründern" rückte er in seinem Vortrag die genossenschaftliche Gründungsprüfung in den Mittelpunkt. Dabei stellte er die These auf, dass der Gesetzgeber nicht an die Eigenverantwortlichkeit der Mitglieder einer Genossenschaft glaube und sie wie "Eigentümer 2. Klasse" behandele, indem er verstärkte Schutzmechanismen durch die strenge Gründungsprüfung durch den Prüfungsverband vorschreibe. Die anschließende Diskussion bestärkte die Meinung, dass dieses Eigentümerbild nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspreche. Jedoch wurde ebenfalls darauf hingewiesen, dass die Gründungsprüfung auch eine Beraterleistung darstelle und insofern ihre Rechtfertigung habe.

Nach einer kurzen Pause mit Kaffee und Kuchen präsentierte Dipl.-Kffr. Anja Bauer vom IfG der Philipps-Universität Marburg ihre Arbeit "Steuerwettbewerb in der EU - ein Vergleich von Genossenschaften, Kapitalgesellschaften und Personengesellschaften", in der sie die steuerliche Sonderbehandlung der Genossenschaften aufgrund ihrer besonderen Beiträge zum Wettbewerb zu rechtfertigen sucht. Genossenschaften lieferten sowohl zum zwischenstaatlichen Wettbewerb der Steuersysteme als auch zum Wettbewerb auf dem Gütermarkt positive Beiträge - so die These. Aufgrund dessen und aufgrund ihrer Immobilität, die den Genossenschaften ein Abwandern in andere Steuergebiete unmöglich mache, seien steuerliche Sonderbehandlungen wie beispielsweise die genossenschaftliche Rückvergütung gerechtfertigt. Auch dieser Vortrag gab Anlass zur Diskussion und konstruktiver Kritik.

Thorn KringIm Anschluß daran stellte Dipl.-Kfm. Thorn Kring vom IfG Münster die Balanced Score Card als Instrument für "Strategisches Management in Genossenschaftsbanken" vor. Sowohl das Konzept als solches als auch die notwendige Modifikation für die Anwendung speziell auf genossenschaftliche Unternehmen bildeten den Schwerpunkt des Vortrags. Grundlage der Implementierung waren die Ergebnisse einer Umfrage unter Genossenschaftsbanken. Nach einer regen Diskussion über die Balanced Score Card selbst und über die Möglichkeiten der Umsetzung dieses Konzeptes in die Praxis endete der fachliche Teil des ersten Tages.

Ein gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Hotels leitete in den informellen Teil der Veranstaltung über, der dann etwas weniger wissenschaftlich im "Seestüberl" fortgesetzt wurde. In gemütlicher Runde und urigem Ambiente konnten die Teilnehmer das bayerische Bier probieren und gleichzeitig noch offen gebliebene Fragen klären oder Diskussionspunkte des Nachmittags wieder aufgreifen. Zu späterer Stunde rückten die fachlichen Aspekte jedoch eher in den Hintergrund: einige Teilnehmer hatten die hoteleigene Kegelbahn entdeckt, wo daraufhin ein - nicht ganz ernst gemeinter - "Wettstreit der Geschlechter" ausgetragen wurde.


TerasseDer zweite Tag der Veranstaltung begann mit einem Frühstück auf der Sonnenterrasse am Badersee vor dem beeindruckenden Panorama des Zuspitz-Massivs. Danach gab Dipl.-Kfm. Martin Neininger vom Genossenschaftsverband Frankfurt Einblicke in seine Arbeit. Er untersucht "Deutsche genossenschaftliche Verbände in einem vereinten Europa" und betrachtet besonders die Leistungserstellung und die regionale, nationale und europäische Aufgabenteilung, sowie den Einfluß von "Brüssel" auf die Tätigkeit der Genossenschaftsverbände. Nach der Darstellung der bestehenden Verbandsstrukturen problematisierte er das heterogene Genossenschaftsverständnis zwischen den Mitgliedsstaaten innerhalb der EU, welches die Etablierung eines einzigen "Europäischen Genossenschaftsverbandes" erschwert. Weiterhin widmete sich die Diskussion der zukünftigen Ausgestaltung organisatorischer Verbandsstrukturen. Es stellt sich die Frage, ob sie sich weiterhin regional aufteilen oder branchenorientiert organisieren sollten.

Das letzte Referat der Tagung hielt Dipl.-Kfm. Harald Bolsinger vom Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen der Universität Erlangen-Nürnberg. Als Auftakt appellierte er - ganz im Sinne der Veranstaltung - zur stärkeren Nutzung des "informellen Netzwerkes" genossenschaftlicher Institute. In seiner Dissertation beschäftigt er sich ebenfalls mit Netzwerken und beleuchtet "Genossenschaften als symbiotische Wertschöpfungsnetzwerke für kooperatives Kundenmanagement kleiner und mittlerer Unternehmen". Seine These lautet, dass die Genossenschaft die geeignete Rechtsform für ein kooperatives Kundenmanagement mehrerer in einem Netzwerk organisierter Unternehmen ist. Vor diesem Hintergrund wird das Kundenmanagement als mögliche Auslegung des genossenschaftlichen Förderauftrages interpretiert. Voraussetzung sind jedoch gemeinsame Kunden der Mitgliedsunternehmen einer Genossenschaft, für die ein unternehmensübergreifender Kundenlebenszyklus entworfen werden muß. Die anschließende Diskussion problematisierte besonders die Anreize für die einzelnen Netzwerk-Teilnehmer, ihre kundenbezogenen Daten an das übrige Netzwerk weiterzugeben.

Das Schlußwort hatte Prof. Dr. Fehl. Er verdeutlichte in seinem Resümee nochmals die Aufgabe der Veranstaltung als Forum für die Diskussion und Verbesserung der genossenschaftswissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Besonders betonte auch er die Möglichkeiten des "Netzwerkes" zwischen den Genossenschaftsinstituten. Da viele Lösungsansätze aufgrund der begrenzten Zeit nur andiskutiert werden konnten, forderte zu weiterführendem Gedankenaustausch auf individueller Ebene auf.

Anschließend ließ es sich der Bayerische Genossenschaftsverband nicht nehmen, nochmals zum Mittagessen einzuladen, bei dem die Teilnehmer eine letzte Gelegenheit zum informellen Gespräch hatten. Insgesamt empfanden alle diese zwei Tage als eine gelungene Veranstaltung, nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Betreuung durch den Bayerischen Genossenschaftsverband und das schöne Ambiente der Bergwelt und des Badersees im Kurort Grainau.

© Angela Kock


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