Oberseminar
zum Genossenschaftswesen
Dorint Hotel Hannover, 19.03.2002
Strategische Herausforderungen für Genossenschaften
Vier strategische Herausforderungen standen auf der Tagesordnung des Oberseminars zum Genossenschaftswesen und vier namhafte Referenten nahmen sich dieser Themen an. Das abwechslungsreiche Programm reichte von Shareholder Value über die Bündelung der Kräfte und den modernen Genossenschaftsverband bis zur Riester-Rente. Über hundert Teilnehmer aus der genossenschaftlichen Praxis, aus Wissenschaft und Verwaltung, dem öffentlichen Leben und Studierende konnten der Genossenschaftsverband Berlin-Hannover (GVBH) und das Institut für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (IfG Münster) am 19. März 2002 im Dorint Hotel Hannover begrüßen. Bereits zum sechsten Mal wurde das Seminar mit dem Untertitel "Wissenschaft und Praxis im Gespräch" in enger Kooperation durchgeführt.

Verbandsdirektor WP/StB
Dipl.-Kfm. Detlef Großweischede,
Genossenschaftsverband
Berlin-Hannover e.V.,
Hannover
Verbandsdirektor Detlef Großweischede, GVBH, und die geschäftsführende Direktorin des IfG Münster, Prof. Dr. Theresia Theurl, betonten in ihrer Begrüßung die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis. Insbesondere bei der Suche nach geeigneten strategischen Konzepten sei die Kooperation hilfreich, denn angesichts intensiver Belastung im Tagesgeschäft bliebe für strategische Fragen in der Praxis häufig zu wenig Zeit. Diese Lücke könne die Wissenschaft mit vorausschauenden Forschungsprojekten zum Nutzen der Genossenschaften schließen.

Prof. Dr. Theresia Theurl,
geschäftsführende Direktorin
des Instituts für Genossenschaftswesen
der Universität Münster
Prof. Dr. Theresia Theurl befasste sich im ersten Vortrag mit zwei strategischen Konzepten: dem Shareholder Value und dem genossenschaftlichen Förderauftrag. "Beide Ansätze sind mit emotionalen Vorurteilen behaftet", stellte sie als Ausgangspunkt fest. Nach einer idealtypischen Darstellung der beiden Strategieansätze kam sie zu dem Schluss, dass die Steigerung des Shareholder Value unter bestimmten Voraussetzungen mit der Verfolgung des genossenschaftlichen Förderauftrages vereinbar ist. Sie entwickelte einen genossenschaftsadäquaten "Member Value", der sich aus drei Elementen zusammensetzt: 1) dem Wert der unmittelbaren (realen) Förderung des Mitglieds, 2) dem Wert der mittelbaren Förderung durch Dividenden, die Verzinsung des Geschäftsanteils oder vergleichbare Instrumente sowie 3) dem Wert des langfristigen Förderpotenzials des Genossenschaftsunternehmens. Ob der Shareholder Value nun eine gewichtige Rolle in Genossenschaften spiele, hänge von der Gewichtung der drei Wertelemente durch die Beteiligten ab. Gewichte eine Genossenschaft das zukünftige Förderpotenzial sehr hoch, werde der Mitgliederwert vom Shareholder Value dominiert sein. Werde hingegen die unmittelbare, reale Förderung in den Mittelpunkt gestellt, verliere der Shareholder Value an Bedeutung.

Klaus Rathert,
Präsident des Niedersächsischen
Sparkassen- und Giroverbandes, Hannover
Dass die Bündelung der Kräfte nicht nur ein Thema für Genossenschaftsbanken ist, erläuterte der Präsident des Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverbandes Klaus Rathert. "Vieles von dem, was die Genossenschaften zur Zeit bewegt, trifft auch auf die Sparkassen zu", war sein Urteil zu diesem Thema. Aufgrund der zunehmenden Wettbewerbsintensität ständen Sparkassen und Genossenschaftsbanken gleichermaßen vor dem Problem, die Dezentralität und die regionale Verankerung sicherzustellen, aber gleichzeitig betriebswirtschaftliche Größenordnungen zu erreichen, die die Wettbewerbsfähigkeit garantieren. Die Bündelung der Kräfte sei eine Aufgabe nicht nur für die Banken vor Ort, sondern ebenso der Verbundunternehmen und der Verbände. Als ein Beispiel aus dem Sparkassensektor führte Rathert die Zusammenführung der Deutschen Girozentrale-Deutsche Kommunalbank mit der Deka-Bank zur DGZ-DekaBank am 1. Januar 1999 an. Weitere bundesweite Bündelungsüberlegungen im Verbund stelle man beispielsweise im IT-Bereich, im Zahlungsverkehr, im Corporate Finance und im Asset Management an. Eine engere Kooperation oder gar eine Zusammenführung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken, wie sie in Politik und Öffentlichkeit immer wieder angesprochen werde, schätze er aufgrund der vielfältigen Unterschiede als wenig realistisch ein.

Rund 100 Teilnehmer nahmen am
Oberseminar zum Genossenschaftswesen
in Hannover teil
Verbandsdirektor Detlef Großweischede zeigte neue Wege für Dienstleistung und Prüfung in einem modernen Genossenschaftsverband auf. Die Arbeit der regionalen Genossenschaftsverbände habe wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Genossenschaften in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts so positiv entwickelt hätten, stellte Großweischede fest. Eine Zukunftsaufgabe für Genossenschaftsverbände sei es, die genossenschaftliche Idee zeitgemäß zu kommunizieren, um genossenschaftlichen Neugründungen Auftrieb zu geben. Gleichzeitig müssten sich die Verbände an die sich ändernden Strukturen ihrer Mitglieder anpassen. Angesichts zahlreicher Fusionen auf der Ebene der Genossenschaften könne sich auch die Verbandsebene einer Konzentration nicht verschließen. Die Konzentration der Regionalverbände dürfe aber nur in demselben Tempo erfolgen wie sich die Strukturen der Genossenschaften veränderten. Die Fusion des Genossenschaftsverbandes Berlin-Hannover e.V. mit dem Norddeutschen Genossenschaftsverband (Raiffeisen - Schulze-Delitzsch) e.V. zum Genossenschaftsverband Norddeutschland e.V. sei eine "organische" Verschmelzung, bei der man auf die gewandelten Strukturen bei den Mitgliedsgenossenschaften reagiert habe. Das diskutierte Modell eines einzigen, nationalen Prüfungsverbandes unter Fortbestand der Bundesverbände als reine Interessenverbände könne indes nur planvoll und in Schritten realisiert werden, bei denen sich die dahinter stehenden Strukturen mit der gleichen Geschwindigkeit anpassen.
Im Bereich der Prüfung habe man durch die Angleichung der Verfahren an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und die Schaffung einheitlicher Verfahren und Standards die Qualität der Prüfung deutlich steigern können, führte Großweischede aus. Aber auch im Bereich der Kann-Aufgaben Betreuung, Beratung, Interessenvertretung und Bildung gingen die Verbände neue Wege. Dabei komme den Verbänden in zunehmendem Maße die Aufgabe zu, aus einer gemeinsam verabschiedeten Strategie von Genossenschaften, Verbundunternehmen und Verbänden Lösungen für die Umsetzung zu entwickeln.

Hans-Christian Marschler,
Mitglied des Vorstandes
der R+V-Versicherung AG, Wiesbaden
Staatliche Förderkonzepte für die Altersvorsorge stellen die Anbieter auf dem Markt für Finanzdienstleistungen momentan vor neue Aufgaben. Hans-Christian Marschler untersuchte in seinem Vortrag die Möglichkeiten der genossenschaftlichen Banken, die Riester-Rente umzusetzen. "Nicht zuletzt aufgrund der Komplexität ist die neue Förderung der Altersvorsorge eine große Herausforderung für die Finanzdienstleistungsbranche", betonte das Vorstandsmitglied der R+V-Versicherung AG. Er plädierte dafür, das Potenzial der genossenschaftlichen Gruppe von etwa fünf Millionen potenziellen Vertragspartnern durch einen aktiven Vertrieb besser zu nutzen: nur etwa 70.000 Verträge seien verbundweit bisher abgeschlossen worden. Für die Genossenschaftsbanken sei die Riester-Förderung eine Chance, sie könnten sich in der Beratung als fairer Partner des Bankkunden profilieren. In den Feldern Vermögenssicherung, Kapitalanlage und Altersvorsorge könne die Ortsbank ihre Beratungskompetenz mit qualitativ guten Produkten aus dem Verbund verbinden. Darüber hinaus böte sich den Banken über die Vermittlung von Riester-Produkten die Möglichkeit, Cross-Selling-Geschäfte zu tätigen und die Kundenverbindung zu intensivieren.
Die Vorträge sind in einem Sammelband dokumentiert, der beim
IfG Münster
Am Stadtgraben 9
48143 Münster
Tel.: +49 (0)251 / 83-2 28 01
Fax: +49 (0)251 / 83-2 28 04
E-Mail: info@ifg-muenster.de
für 19,50 Euro erhältlich ist. Der Sammelband steht außerdem hier kostenlos als Download zur Verfügung. |