Symposium "Perspektiven für Wohnungsgenossenschaften"

27. November 2018, Mövenpick Hotel, Münster


       

Wohnungsgenossenschaften für ein gutes Klima: Grün, energieeffizient, nachhaltig

Am 27. November 2018 fand das 32. Symposium „Perspektiven für Wohnungsgenossenschaften“ des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster in Kooperation mit dem VdW Rheinland Westfalen e.V. statt. Spitzenvertreter aus Wohnungswirtschaft und Wissenschaft referierten vor rund 115 Teilnehmern über langfristige Strategien, um damit auf die Konsequenzen des Klimawandels zu reagieren und der eigenen Verantwortung für die Umwelt gerecht zu werden. Insbesondere die Bedeutung regionaler Kooperationsprojekte zur Verbesserung der Nachhaltigkeit des eigenen Handelns konnte aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Darüber hinaus zeigte die Diskussion unter den Referenten und Teilnehmern, dass Genossenschaften aus sich heraus bereits von einer hohen Nachhaltigkeit geprägt sind.


v.l.n.r.: Dieter Wohler, RA Alexander Rychter, Dr. David Wilde, Prof. Dr. Theresia Theurl, Bernd Hentschel, Ulrike Raasch

RA Alexander Rychter, Verbandsdirektor des VdW Rheinland Westfalen e.V., eröffnete das Symposium und begrüßte die zahlreichen Gäste in Münster. Dabei skizzierte er die klimatisch begründeten externen Einflüsse auf die Wohnungswirtschaft und das regional gebundene Geschäftsmodell der Wohnungsgenossenschaften. Während klimagerechte Maßnahmen im Wohnungsbau lange Zeit vor allem als wesentliche Treiber der Baukosten identifiziert worden seien, bekommen sie unter den Eindrücken von steigender Hitze, regenärmeren Sommermonaten und rückgehender Artenvielfalt in deutschen Städten eine neue Bedeutung für die Lebensqualität der Bewohner sowie für die langfristige Wertsicherung von Gebäuden. Die Kombination aus ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerten von „grüner Infrastruktur“ in Städten hob Rychter als Motivation für eine stärkere Kooperation von Wohnungswirtschaft und öffentlicher Hand hervor. „Die Handlungsoptionen, die innerhalb der Wohnungswirtschaft ergriffen werden können, müssen durch die Politik flankiert werden, damit eine wirtschaftliche Realisierbarkeit und ein ökologischer Mehrwert sichergestellt sind.“, appellierte Rychter an die Wohnungsgenossenschaften sich in die Überlegungen zu Lösungsansätzen in Stadt- und Wohnquartieren einzubringen.


RA Alexander Rychter

Der Titel des anschließenden Vortrages von Bernd Hentschel, Mitglied des Vorstandes der Wankendorfer Baugenossenschaft für Schleswig-Holstein eG, lautete „Nachhaltigkeit – Verantwortung übernehmen statt Gewinne maximieren“. Herr Hentschel stellte im Anschluss an eine informative Unternehmensvorstellung die Eckpunkte der Nachhaltigkeitsstrategie der Baugenossenschaft vor, welche sich ausgehend von der Veröffentlichung eines jährlichen Nachhaltigkeitsberichtes in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern widerspiegeln. Ein wichtiges Ziel sei es gewesen, ökologische Nachhaltigkeit, innovative Bauprojekte, Beiträge zur Stadtentwicklung und das Management des Immobilienbestandes im Sinne der Genossenschaftsmitglieder in Einklang zu bringen. Dies konnte hinsichtlich der Neubautätigkeiten durch die Zertifizierung mit dem Qualitätssiegel „Nachhaltiger Wohnungsbau“ sowie durch die Vorteile seriellen Bauens umgesetzt werden. „Belange der Stadtentwicklung konnten darüber hinaus durch die Auflockerung bestehender Wohnquartiere erreicht werden. Durch eine Umwandlung versiegelter Fläche in quartiersgerechten Naturraum ist es uns darüber hinaus gelungen, die Lebensqualität einzelner Nachbarschaften zu erhöhen.“, wies Hentschel auf erste Erfolge der Nachhaltigkeitsstrategie hin. Über die Realisierung klimaschonender Umbaumaßnahmen hinausgehend, hat sich die Wankendorfer Baugenossenschaft zudem der Verbindung aus Nachhaltigkeit und direkter Förderung der Genossenschaftsmitglieder angenommen. In diesem Zusammenhang werden neben der ökologischen Dimension, welche beispielsweise anhand des Flächenverbrauchs operationalisiert wird, auch die sozialen Aktivitäten der Genossenschaft einbezogen.


Bernd Hentschel

Ulrike Raasch von der Emschergenossenschaft referierte im Anschluss zum Thema „Wasser in der Stadt von morgen – Blaue Infrastruktur als wohnungswirtschaftlicher Mehrwert“. „Starkregenereignisse und längere Hitzeperioden mit wenig Niederschlag haben in den vergangenen Jahren als Folgen des Klimawandels zugenommen und stellen die Planung von urbanen Räumen vor neue Herausforderungen. Eine koordinierte Strategie für Daseinsvorsorge, Wasserrahmenrichtlinien und Stadtplanung, kann viele Vorteile für alle Beteiligten ermöglichen“, zeigte Raasch die Notwendigkeit einer integralen Planung auf. Die Potenziale der Regenwassernutzung, die Notwendigkeit von Kanalsanierungen, die Berücksichtigung von Notwasserwegen sowie die Verbesserung von Objektschutzmaßnahmen stellten wesentliche Schwerpunkte der ganzheitlichen Lösungsansätze dar, welche Frau Raasch anhand anschaulicher Beispiele erläuterte. Dabei konnten die Verbesserung des Kleinklimas und die Reduzierung von Entwässerungsgebühren als weitere Vorteile für Anwohner ausgewiesen werden.


Ulrike Raasch

In ihrem Vortrag „Wohnungsgenossenschaften und Umwelt – Kein Gegensatz, sondern Ergänzung“ skizzierte Univ.-Prof. Dr. Theresia Theurl, Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster, die Anforderungen und Potenziale langfristiger Umweltstrategien für Wohnungsgenossenschaften. In Ergänzung zu den hohen Anforderungen in der Anpassung an die Konsequenzen des Klimawandels entstehen auf Grundlage ambitionierter politischer Zielstellungen Konflikte zwischen Flächenverbrauch, Ressourcenschonung, Umfeldgestaltung und der kostengünstigen Versorgung mit Wohnraum. Die wechselseitigen Einflüsse zwischen der Politik, den Genossenschaften und deren Mitgliedern bieten den Wohnungsgenossenschaften in diesem Zusammenhang die Möglichkeit durch Maßnahmen zur Umweltschonung den MemberValue positiv zu beeinflussen. „Während Instrumente der Mitwirkung und kollektiven Meinungsbildung zu Umweltmaßnahmen den mittelbaren MemberValue adressieren, dienen die Sicherung eines langfristigen Wohnungsbestandes und eine umsichtige Energie- und Ressourcennutzung einem nachhaltigen MemberValue der Genossenschaftsmitglieder. Durch die Reduzierung von Energiekosten, der Aufwertung des lokalen natürlichen Umfeldes oder Kooperationsangeboten für umweltgerechte Mobilität kann darüber hinaus der unmittelbare MemberValue in unterschiedlichen Facetten gestärkt werden.“, fasste Prof. Theurl die Potenziale umweltpolitischer Maßnahmen für Wohnungsgenossenschaften zusammen. Die Umsetzung potenzieller Umweltstrategien kann sowohl bei freiwilligen Initiativen als auch bei verpflichteten Maßnahmen durch Regulierungsvorgaben anhand der Kostenwirkung differenziert werden. Anhand einer entsprechenden Kategorisierung sowie einer Überprüfung der Wirkung auf die Dimensionen der MemberValue können leicht umsetzbare Projekte identifiziert werden, die einen effizienten Einstieg in eine umfassendere Strategie ermöglichen. Darüber hinaus präsentierte Prof. Theurl ausgewählte Beispiele von Umweltmaßnahmen, die von Wohnungsgenossenschaften umgesetzt werden können. So bietet eine eigene Nachhaltigkeitsberichterstattung die Chance, den Mitgliedern Zukunftsperspektiven aufzuzeigen und Unternehmensprozesse sowie deren langfristige Wirkung zu erläutern. Die spezifischen Kosten einer solchen Berichterstattung, die insbesondere im Rahmen einer erstmaligen Erstellung anfallen, können durch langfristig angelegte Indikatoren kontrolliert werden. In diesem Zusammenhang heben die Orientierung an langfristigen Planungshorizonten und die Verantwortungsübernahme gegenüber den Mitgliedern sowie dem regionalen Umfeld das ursprünglich nachhaltige Geschäftsmodell der Genossenschaften hervor. „Sowohl die ökologischen, als auch die sozialen und ökonomischen Dimensionen der Nachhaltigkeit können in diesem Zusammenhang verdeutlicht werden. Wohnungsgenossenschaft und der Schutz unserer Umwelt: Das ist kein Gegensatz, sondern eine Kombination, die passt.“, fasste Prof. Theurl die Möglichkeiten für Wohnungsgenossenschaften zusammen und leitete zu den weiteren Fachvorträgen aus der Wohnungswirtschaft über.


Prof. Dr. Theresia Theurl

Dieter Wohler, Vorstandsvorsitzender der Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft eG, berichtete im Anschluss zum Thema „Energieautarkes Mehrfamilienhaus – Nutzen für Umwelt und Mitglieder“ zu einem innovativen Neubauprojekt, welches eine neuartige Umweltmaßnahme für die Wohnungsgenossenschaft darstellt. Durch die Integration von Solar- und Photovoltaikkollektoren sowie den Verzicht einer Einspeisung in das öffentliche Netz, kann eine umfassende Eigennutzung erzeugter Energie erreicht werden. Auf Grundlage einer wissenschaftlichen Analyse der Verschattungsprobleme durch den anliegenden Baumbestand wurde das Neubauprojekt bestmöglich in das bestehende Quartier eingebettet und gibt überschüssige Energie in den Sommermonaten an die Nachbargebäude ab. Für das Mehrfamilienhaus wird ein in den Baukörper integrierter Schichtenspeicher genutzt, welcher die Heizung und Warmwasser-Bereitung speist. „Die strategische Ausrichtung des energieautarken Mehrfamilienhauses wird durch eine energieeffiziente Wohnungsausstattung sowie Ladestationen für E-Fahrräder und E-Autos vervollständigt.“, wies Wohler auf den ganzheitlichen Ansatz des Projektes hin. Zudem zeigte er sich darüber erfreut, die Attraktivität der Wohnungsgenossenschaft mit diesem Projekt für neue Gruppen von Mitgliedern erhöht zu haben.


Dieter Wohler

Der folgende Vortrag mit dem Titel „Mieterstrom als Beitrag zum energieeffizienten Wohnen – das Beispiel der Hanseatischen Baugenossenschaft“ von Andreas Paasch, Vorstand der Hanseatischen Baugenossenschaft Hamburg eG, zeigte die Möglichkeiten einer Wohnungsgenossenschaft auf, im Anschluss an eine umfassende energetische Sanierung des Immobilienbestandes durch Mieterstrom ein ganzheitliches Angebot aufzubauen. Unter der Voraussetzung einer Vollversorgung der Haushalte und einer hohen Verlässlichkeit durch eine über 20 Jahre festgeschriebene Vergütung sei das Modell des Mieterstroms ein reizvolles Projekt gewesen, so Paasch. „Bundesweit könnten 3,8 Millionen Haushalte durch Mieterstrom versorgt werden, wobei insbesondere Photovoltaik-Anlagen eine große Bedeutung zukommt. Vor diesem Hintergrund haben wir die Vor- und Nachteile für uns abgewogen und uns dazu entschieden einen verlässlichen Kooperationspartner zu finden, um unseren Mitgliedern und Mietern ein attraktives Angebot machen zu können.“, beschrieb Paasch die Überlegungen der Baugenossenschaft. Im Anschluss an eine umfassende Prüfung potenzieller Standorte konnten durch eine schnelle Umsetzungen bereits sieben Wohnanlagen ausgerüstet werden.


Andreas Paasch

In dem anschließenden Vortrag „Von Mooswänden im Wohnungsbau – eine Genossenschaft in der Rolle des technisch aktiven Innovators“, thematisierte Dr. Günter Haese, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Gartenheim eG die Vorzüge und technischen Umsetzungen vertikaler Moosmatten als Bestandteil von Bauprojekten. Anhand eines patentierten Bewässerungssystems zur Erhaltung der Moosmatten besteht die Möglichkeit, diese als umweltschonende Highlights für Bestandsimmobilien oder Neubauten einzusetzen. Neben der optischen Wirkung können in diesem Zusammenhang positive Effekte auf das lokale Mikroklima sowie eine Verbesserung des ökologischen Lebensraumes angeführt werden. Neben einer Darstellung der technischen Funktionsweise appellierte Dr. Haese an die Innovationskraft von Wohnungsgenossenschaften, um langfristige Mehrwerte für die eigenen Mitglieder zu sichern und sich im Wohnungsmarkt von Konkurrenten abzusetzen. Sie sollten ihr Potenzial als Innovatoren nutzen und damit auch zur Sinnstiftung für die Gesellschaft beitragen.


Dr. Günter Haese

Den Abschluss des Symposiums bildete der Vortrag von Dr. David Wilde, Vorstandsvorsitzender der hwg eG in Hattingen zu dem Thema „Von Bienen und Blumen – Wohnungsgenossenschaften engagieren sich für Biodiversität“. Am Beispiel der Pilotprojekte von Wildwiesen und Blühinseln im Wohnungsbestand zeigte Dr. Wilde auf, wie Themen, deren Wirtschaftlichkeit und Mehrwert für die Genossenschaft nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, als Umweltmaßnahme umgesetzt werden können. „Als hwg haben wir uns auf den Weg gemacht, das ökologische Bewusstsein unserer eigenen Tätigkeiten zu stärken. Wir werden dabei von unseren Mitgliedern aktiv begleitet und durch Denkanstöße in vielen Bereichen bestärkt.“, zeigte sich Dr. Wilde über die breite Beteiligung innerhalb der hwg erfreut. Als Erfolgsfaktor konnte zudem eine projektbezogene Herangehensweise ausgewiesen werden, die es Wohnungsgenossenschaften ermöglicht, sich langsam ökologischen Projekten anzunähern und darauf aufbauend gemeinsam mit den Mitgliedern eine umfassendere Strategie zu erarbeiten.


Dr. David Wilde

Das 33. Symposium „Perspektiven für Wohnungsgenossenschaften“ wird am 13. März 2019 in Düsseldorf stattfinden.


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