Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Stärken stärken in der genossenschaftlichen FinanzGruppe – Warum sind Genossenschaftsbanken besser?

20. Januar 2014

Aula im Schloss der Universität Münster


Referenten:
Podiumsdiskussionsteilnehmer:
  • Ralf W. Barkey
    Vorstandsvorsitzender, Rheinisch-Westfälischer Genossenschaftsverband e.V., Münster
  • Carsten Graaf
    Vorstandsvorsitzender, Volksbank Meerbusch eG, Meerbusch
  • Wolfgang Kirsch
    Vorstandsvorsitzender, DZ BANK AG, Frankfurt a.M.
  • Dr. Matthias Metz
    Vorsitzender des Vorstands, Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, Schwäbisch Hall


V.l.n.r.: Dr. Matthias Metz, Ingo Stockhausen, Mark Heiter, Wolfgang Etrich, Ralf W. Barkey, Prof. Dr. Theresia Theurl, Wolfgang Kirsch, Joachim Schorling, Carsten Graaf

Zusammenfassung von Dominik Schätzle und Florian Klein, IfG Münster

Ein kleines Jubiläum feierte die Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis im Gespräch" am 20. Januar 2014. Das Institut für Genossenschaftswesen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl hatte zum zwanzigsten Mal eingeladen, um die aktuellen Herausforderungen der Genossenschaftsbanken zu diskutieren. In vier Vorträgen sowie einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde vor einer großen Anzahl an interessierten Teilnehmern herausgearbeitet und diskutiert, warum Genossenschaftsbanken besser sind und wie die Stärken der genossenschaftlichen FinanzGruppe weiter gestärkt werden können.


Wolfgang Etrich

Wolfgang Etrich, Vorstand der Volksbank eG Delmenhorst Schierbrok, eröffnete das Symposium mit einem Vortrag über die Stärkung des Prozessmanagements als zentrale Herausforderung der Genossenschaftsbanken. Diese sehen sich wie alle Kreditinstitute mit einer steigenden Komplexität ihres Umfeldes konfrontiert. Als prägnante Beispiele führte Herr Etrich die steigende Anzahl an Informationen, rasante Entwicklungen in der IT und zunehmende Regulierungsaufgaben an. Diese Dynamik habe Auswirkungen auf die Genossenschaftsbank als Organisationseinheit, die sich den Entwicklungen anpassen müsse. Da jedoch die Veränderungsgeschwindigkeit inzwischen höher sei als die Lerngeschwindigkeit, komme es vermehrt zu einem Spannungsfeld zwischen Generalisierung und Spezialisierung, zu individuellen Lösungen und unterschiedlichen Vorgehensweisen sowie zu steigenden Fehlerquoten. Das Projekt "Vereinfachung und Vereinheitlichung von Prozessen" wurde von der Volksbank eG Delmenhorst Schierbrok initiiert, um die Lerngeschwindigkeit wieder der Veränderungsgeschwindigkeit anzupassen. Die Zielsetzung des Projektes sieht daher eine Steigerung der Produktivität an jedem Arbeitsplatz, eine Steigerung der Qualität aus Kundensicht sowie die Verankerung des Strebens nach laufenden Vereinfachungen und Verbesserungen in der Unternehmenskultur vor. Erreicht werden soll dies durch die Festlegung und konsequente Umsetzung von Standards, durch einen zielgerichteten Technikeinsatz sowie durch die Installation eines Systems einer laufende aktiven Steuerung und Überwachung der Abläufe. Nach einer Bestandsaufnahme der größten Kostentreiber wurden Lösungsansätze zur Verankerung der grundsätzlichen Zielrichtung in Strategie und Zielkultur sowie zur Schaffung von Verantwortung und Verankerung der notwendigen Methodenkompetenz im Unternehmen erarbeitet. So wurden beispielsweise in der Kundenberatung und in den Serviceprozessen sämtliche Prozessschritte dahingehend beurteilt, ob sie die einfachste Lösung sind und ob sie rechtlich erforderlich sind. In der Konsequenz wurde unter anderem eine marktnahe Sachbearbeitung eingeführt, damit sich Vertriebsmitarbeiter wieder stärker den tatsächlichen Vertriebsaufgaben widmen können. Herr Etrich beendete seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass es eine Kunst sei, das wegzulassen, was nicht unbedingt erforderlich ist.


Joachim Schorling

Im anschließenden Vortrag referierte Joachim Schorling, Vorstand der Volksbank in Schaumburg eG mit Sitz in Rinteln, über den Erfolg durch Multikanalbanking und die Stärkung des Vertriebsweges Internet. Im vom BVR initiierten FitnessCheck Web 1.0 hatte die Volksbank in Schaumburg eG im Jahr 2012 erhebliches Potenzial im eigenen Internetauftritt festgestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde kein Produktverkauf im Internet angeboten, da die persönliche Beratung als maßgeblich beurteilt wurde. So griffen ca. 90 % der Nutzer nur auf die Unternehmenshomepage zu, um Zahlungsverkehr abzuwickeln. Im Anschluss an die Ergebnisse des FitnessChecks wurde die Entscheidung getroffen, als Pilotbank am Internetstrategieprojekt "web Erfolg" des BVR teilzunehmen. Das Ziel dieses Projekt ist es, dass die Volks- und Raiffeisenbanken bis 2015 den Marktstandard im Internetbanking erreichen und im Jahr 2018 die Nr. 1 in Mitglieder- und Kundenzufriedenheit im Online-Kanal sind. Herauszuheben ist dabei, dass der Vertriebsweg Internet die Filiale ergänzt, nicht ersetzt. Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Aufbau des Vertriebsweges Internet sei die Integration in die Gesamtstrategie, die Veränderungsbereitschaft aller Mitarbeiter und eine entsprechende Investitionsbereitschaft. Herr Schorling zeigte den Teilnehmern die verschiedenen Eckpunkte des Projektes auf. Zuletzt wurden Anfang Januar der Produktverkauf von Tagesgeld-, Spar- und Festgeldkonten im Internet gestartet. Zudem werden nun Produkte der Verbundpartner, wie z. B. Pflegeversicherungen, Bausparverträge und Konsumentenkredite, über die Homepage der Volksbank angeboten. In einer Umfrage konnte festgestellt werden, dass die Kunden sehr zufrieden mit dem neuen Online-Auftritt ihrer Volksbank sind. Die Zugriffe auf die Unternehmenshomepage wurden mehr als verdoppelt. Herr Schorling stellte eindrücklich dar, wie die Kraft der genossenschaftlichen FinanzGruppe die einzelne Genossenschaftsbank bei der Umsetzung derartiger Projekte unterstützen kann. So konnte die Volksbank in Schaumburg eG auf die Betreuung des Genossenschaftsverbands ebenso zurückgreifen wie auf die Unterstützung durch die VR-NetWorld GmbH und die GAD eG. Nur mit dieser Kraft des Verbundes sei es möglich, das Ziel „TOP Filiale + TOP Onlinebank“ zu erreichen.


Ingo Stockhausen

Ingo Stockhausen, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Oberberg eG mit Sitz in Wiehl, zeigte im Anschluss auf, wie eine Genossenschaftsbank die Fläche stärken und Erträge durch Filialausbau generieren kann. Während sich regionale Wettbewerber aus der Fläche des mittelständisch geprägten Oberbergischen Kreises zurückziehen, tätigt die Volksbank Oberberg eG umfassende Investitionen in die Modernisierung und in den Ausbau des Filialnetzes. So wurden seit 2008 drei neue Geschäftsstellen in Bergneustadt-Wiedenest, Engelskirchen-Loope und Gummersbach-Niederseßmar eröffnet. Die Eröffnung der 30. Geschäftsstelle der Volksbank Oberberg eG auf dem Gummersbacher Steinmüllergelände avisierte Herr Stockhausen für das Jahr 2015. Insgesamt sind ca. 70 % der Mitarbeiter der Volksbank Oberberg eG im Markt bzw. im marktnahen Bereich aktiv. Herr Stockhausen zeigte anschaulich auf, wie der persönliche Kontakt des Beraters zu den Kunden den Image- und damit auch den Wettbewerbsvorteil sichert. Neben der positiven Resonanz aus der Bevölkerung, insbesondere nach dem Rückzug der Wettbewerber aus der Fläche, bestätigen auch die Zahlen die Geschäftspolitik der Volksbank Oberberg eG: Die Kunden-, Konten- und Mitgliederentwicklung der drei neuen Geschäftsstellen verzeichnen einen kontinuierlichen Aufwärtstrend und stärken damit auch das Ergebnis der Gesamtbank. Dies festigt die Volksbank Oberberg eG laut Herrn Stockhausen darin, auch in Zukunft einen Multikanalvertrieb mit Schwerpunkt Standortfiliale zu verfolgen. Um dabei dem Anspruch an eine hohe Beratungsqualität bei Dezentralität gerecht zu werden, wird die Volksbank Oberberg eG das Projekt „Beratungsqualität“ des BVR umsetzen.


Mark Heiter

Im letzten Vortrag ging Mark Heiter, Vorstand der VR-Bank Nordeifel eG mit Sitz in Schleiden, auf die Frage ein, wie die Mitgliedschaft als zentrales Alleinstellungsmerkmal der Genossenschaftsbanken gestärkt werden kann. Die VR-Bank Nordeifel eG weist hier erfolgreiche Erfahrungen auf, da durch die Verfolgung einer konsequenten MemberValue-Strategie die Mitgliederzahl seit 2002 fast verdoppelt werden konnte. Inzwischen sind über 80 % der Privatkunden der VR-Bank Nordeifel eG Mitglieder und damit Eigentümer ihrer Bank. Dass sich diese strategische Ausrichtung betriebswirtschaftlich lohnt und nicht aus Gründen der „Sozialromantik“ verfolgt wird, zeige sich beispielsweise an einer höheren Produktnutzungsquote von Mitgliedern gegenüber Nichtmitgliedern. Die einzelnen Bestandteile des MemberValues, der unmittelbare, der mittelbare und der nachhaltige MemberValue werden von der VR-Bank Nordeifel eG gleichermaßen intensiv in der Strategie berücksichtigt. Der unmittelbare MemberValue, zu dem alle Leistungen zählen, die den Mitgliedern einen direkten Nutzen stiften, wird bei der VR-Bank Nordeifel eG insbesondere durch eine gezielte und bedarfsgerechte Beratung der Privat- und Firmenkunden erzielt. Dazu werden Instrumente wie der VR-FinanzPlan, der Unternehmerdialog oder der Baufinanzierungsdialog eingesetzt. Zusätzlich wurden innovative Angebote wie eine wöchentliche Mitglieder-Sprechstunde bei den Vorstandsmitgliedern eingeführt. Der mittelbare MemberValue, der alle pekuniären Ströme, die von der Genossenschaftsbank zu den Mitgliedern fließen, berücksichtigt, baut bei der VR-Bank Nordeifel eG neben der jährlichen Dividende auf Bonuspunkten auf, welche an die Mitglieder je nach Geschäftsintensität ausgezahlt werden. Der nachhaltige MemberValue, der das Prinzip der Langfristigkeit beinhaltet, wurde bei einer Umfrage unter den Kunden der VR-Bank Nordeifel eG als wichtigster Bestandteil der MemberValue-Strategie ermittelt. Hierzu zählte Herr Heiter beispielsweise die Mitbestimmung der Mitglieder bei der Verteilung von Spendengeldern sowie die Förderung des gesellschaftlichen Engagements der Vereine in der Region. Darüber hinaus solle noch mehr Demokratie in der Genossenschaft und ein intensiver Dialog mit den Mitgliedern erreicht werden. Eine konsequente Verfolgung der MemberValue-Strategie führe schließlich zu einem Nutzen/Mehrwert sowohl für das Mitglied als auch für die Bank.

Im Anschluss an die Vorträge erfolgte eine von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl moderierte Podiumsdiskussion unter dem Motto „ Stärken stärken – Perspektiven der Arbeitsteilung in der genossenschaftlichen FinanzGruppe“. Aufbauend auf der Diskussion von Stärken sowie möglichen Schwächen wurden Zukunftsperspektiven der genossenschaftlichen FinanzGruppe erörtert. Mit Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes, Carsten Graaf, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Meerbusch eG, Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ BANK AG sowie Dr. Matthias Metz, Vorsitzender des Vorstandes der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, konnten wiederum namhafte Vertreter aus der genossenschaftlichen FinanzGruppe gewonnen werden.

Wolfgang Kirsch
Ralf W. Barkey
Dr. Matthias Metz
Carsten Graaf
Zu Beginn der Podiumsdiskussion zeigte Herr Kirsch aufbauend auf den Erfahrungen der Finanzmarktkrise die Zukunftsfähigkeit der Zusammenarbeit der Genossenschaftsbanken mit den Verbundunternehmen auf. So richte die DZ BANK AG ihr Geschäftsmodell an der Strategie „Verbund first“ aus. Dies verdeutlichte Herr Kirsch exemplarisch anhand bereits ergriffener Maßnahmen. Vorteile von Genossenschaftsbanken gegenüber den Wettbewerbern führte Herr Graaf auf die Individualität des Geschäftsmodells der Primärinstitute zurück. Diese Vorteile haben sich in einem stetigen Kunden- und Mitgliederzuwachs trotz Niedrigzinsphase manifestiert. Dabei verdeutlichte Herr Graaf, dass der Kundenzuwachs zugleich einen Handlungsbedarf für die Primärbanken darstelle. So müsse das entgegengebrachte Vertrauen gestärkt und gefestigt werden. In der zunehmenden Regulierungskomplexität sehen alle Podiumsdiskutanten übereinstimmend eine Herausforderung für die Genossenschaftsbanken. Aufgrund dessen müsse gemäß Herrn Dr. Metz und Herrn Barkey die genossenschaftliche FinanzGruppe einen guten und nachhaltigen Kontakt zur Politik aufbauen. So gelte es, den wichtigen Entscheidungsträgern auf EU-Ebene, die die Strukturen der genossenschaftlichen FinanzGruppe bislang nur unzureichend kennen, die Besonderheiten dieses Verbundes zu verdeutlichen. Herr Barkey sieht hierbei durch einen konsequenten Einbezug der Mitglieder der Primärbanken einen Erfolgsfaktor. Herr Kirsch betonte die Befreiung der Abzugspflicht von Verbundbeteiligungen vom harten Kernkapital als ein Beispiel, das zeige, dass durch die bereits erfolgte politische Kommunikation schon einiges erreicht wurde. Unabhängig davon gelte es gemäß Herrn Kirsch, den steigenden Regulierungskosten durch eine Optimierung von Prozessen zu entgegnen. Durch die Durchführung von IT-Investitionen mit der Zielsetzung der Erleichterung der Zusammenarbeit in der genossenschaftlichen FinanzGruppe solle die für die Beratung der Kunden zur Verfügung stehende Zeit der Primärbanken vor Ort erhöht werden. In einer weiteren Steigerung der Unterstützung der Primärbanken sieht auch Herr Barkey die zukünftige Bedeutung des Verbands. So gelte es, Prozesse der Genossenschaftsbanken durch den Verband zu begleiten, zu moderieren und schlussendlich abzuschließen, aber auch Anregungen zu geben. Ziel der unterstützenden Tätigkeiten des Verbundes müsse die Steigerung der Nettomarktzeit für die Primärbanken sein, welche durch die Regulierung stark beeinträchtig werden, so der Zukunftsausblick von Herrn Graaf. Übereinstimmend mit den anderen Diskutanten argumentierte Herr Dr. Metz, dass die gut funktionierende Arbeitsteilung in der genossenschaftlichen FinanzGruppe auch damit verbunden sei, dass es in den nächsten Jahren zu Fusionen auf der Verbundebene kommen würde. Herr Barkey betonte, dass sich die Zukunftsaussichten mit dem emotionalen Aufladen der Marke der genossenschaftlichen FinanzGruppe deutlich verbessern lassen. Auch Herr Kirsch sieht in der Steigerung der Markenvisibilität einen wichtigen Erfolgsfaktor für die genossenschaftliche FinanzGruppe der Zukunft. Wenngleich zukünftig viele Herausforderungen in der genossenschaftlichen FinanzGruppe zu bewältigen sind, so waren sich die Podiumsdiskutanten darüber einig, dass diese aus einer Position der Stärke heraus erfolgreich in Angriff genommen werden können.

Die nächste Veranstaltung „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ wird am 26. Mai 2014 stattfinden.


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