Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Strategien und Strukturen für eine erfolgreiche Zukunft: die genossenschaftliche FinanzGruppe 2020

6. Februar 2012

Aula im Schloss der Universität Münster

Referenten: Podiumsdiskussionsteilnehmer:
V.l.n.r.: Uwe Fröhlich, Dr. Veit Luxem, Werner Böhnke, Prof. Dr. Theresia Theurl, Hubert Greve, Wolfgang Kirsch, Wolfgang Altmüller, Dr. Peter Hanker

Zusammenfassung
Von Lars Völker, IfG Münster




Prof. Dr. Theresia Theurl

Bereits zum sechzehnten Mal hatte das Institut für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität am 06. Februar 2012 zu einer Veranstaltung aus der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ nach Münster eingeladen und damit seine Aktivitäten zum internationalen Jahr der Genossenschaften fortgesetzt. Vor einer Rekordzahl von 350 interessierten Teilnehmern referierten und diskutierten Spitzenvertreter der genossenschaftlichen FinanzGruppe im Schloss der Universität über Rahmenbedingungen sowie Strategien und Strukturen, um den Erfolg der FinanzGruppe auch in der Zukunft nachhaltig zu erhalten und auszubauen.


Uwe Fröhlich

Nach der Begrüßung der Teilnehmer sowie einer kurzen thematischen Einführung durch Prof. Dr. Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen, referierte Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V., über die Vereinbarkeit von Werteorientierung und Wirtschaftlichkeit.
Die genossenschaftliche FinanzGruppe sei aus eigener Kraft außerordentlich stark, sie könne sich sehr wohl dem derzeit anhaltend schwierigen Umfeld für Banken stellen, aber auch die genossenschaftliche FinanzGruppe sei – insbesondere von der Politik – nicht unangreifbar, konstatierte Herr Fröhlich zu Beginn seiner Ausführungen. Als Beleg für die Kraft und das Potenzial der FinanzGruppe skizzierte er die Ausgangslage für den Weg in eine erfolgreiche Zukunft anhand aktueller Zahlen zur Struktur sowie zu den Kundenkrediten und –einlagender Kreditgenossenschaften und resümierte für die jüngste Vergangenheit eine allgemein positive Entwicklung.
Im Hinblick auf die Perspektiven widmete sich Herr Fröhlich zunächst den Erwartungen des BVR hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland und ausgehend davon der Markteinschätzung und den Wachstumszielen für die FinanzGruppe in 2012. Als Ausdruck des Erfolgs des genossenschaftlichen Geschäftsmodells werden demnach sowohl im Firmen- wie auch im Privatkundengeschäft bei Krediten und Einlagen insgesamt marktüberdurchschnittliche Zielgrößen veranschlagt. Herr Fröhlich betonte dabei jedoch die Notwendigkeit, sich nicht ausschließlich der Ertragsseite zu widmen, sondern auch auf der Kostenseite Fortschritte zu machen. Er zeigte weiter Handlungsbedarfe in den Privat- und Firmenkundenstrategien sowie den Vertriebswegestrategien der Volksbanken und Raiffeisenbanken auf. So sei etwa im Privatkundengeschäft insbesondere die große Bedeutung der Zielgruppe „junge Kunden“ intensiv im Fokus zu halten. Zwar seien die Volksbanken und Raiffeisenbanken mit einem hohen Anteil bei den minderjährigen Kunden auf einem guten Weg, dennoch funktioniere die Überführung von kostenlosen Jugendprodukten in bepreiste Leistungen oft nicht. Hinsichtlich des Firmenkundengeschäfts der Volksbanken und Raiffeisenbanken berichtete Herr Fröhlich von einer stabilen und hohen Kundenreichweite, welche im Segment Mittelstand sogar am höchsten ist. Zudem haben die Kreditgenossenschaften nach den Sparkassen allgemein die zweitbeste Hausbankquote und im Mittelstand wiederum den Spitzenplatz inne. Herr Fröhlich informierte über nahezu stabile Bekanntheitswerte sowie Kundenbindungswerte bei den Hausbankverbindungen. Insgesamt seien die Volksbanken im Firmenkundengeschäft besser aufgestellt, hob er hervor.
Seinen Ausführungen zu den wettbewerblichen Anforderungen des Bankenmarktes folgend widmete sich Herr Fröhlich dem Aspekt der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, welche entscheidenden Einfluss auf den nachhaltigen Erfolg der Volksbanken und Raiffeisenbanken haben. Anhand der europäischen Einlagensicherung sowie Aspekten aus Basel III vergegenwärtigte er Defizite in der Regulierung und zeigte insbesondere die vielfache Überbelastung der Volksbanken und Raiffeisenbanken auf. Diesbezüglich verdeutlichte er die bestehenden Herausforderungen für deren Interessenvertretung, um der Gefahr einer Überregulierung auf vielen Ebenen entgegenzuwirken. So forciert der BVR bei seiner Arbeit die Proportionalität und Differenzierung der Regulierung, um ein angemessenes Verhältnis der Regulierung zur Bedeutung der Institute für das Finanzsystem sowie zu Art, Umfang und Komplexität der Geschäfte und insbesondere zur Risikolage und der Qualität des Risikomanagements einer Bank zu gewährleisten. Die Besonderheit und Stärke des Modells und der Organisationsstruktur der Volksbanken und Raiffeisenbanken müssten in dieser Hinsicht immer wieder mit Nachdruck erklärt werden konstatierte Herr Fröhlich und skizzierte die Komplexität der nationalen und internationalen genossenschaftlichen Interessenvertretung. Dabei hob der die Notwendigkeit der jüngsten Investments der FinanzGruppe in eine stärkere internationale Interessenvertretung hervor und zeigte die Möglichkeiten auf, sich über die Arbeit des BVR zu informieren.
Im letzten Kapitel seines Vortrages widmete sich Herr Fröhlich den Schwerpunktthemen zur strategischen Ausrichtung der Volksbanken Raiffeisenbanken. Auf der Grundlage der bekannten Zielpyramide für das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken stellte er die Intensivierung der Mitglieder- und Kundenbeziehungen, eine stärkere Positionierung gegenüber dem Wettbewerb sowie die Stärkung der Nachhaltigkeit in einem sich demografisch und technologisch verändernden Umfeld als Schwerpunktthemen des Kompasses 2012 vor. Mit Nachdruck forderte Herr Fröhlich noch einmal zur Kostenoptimierung in der FinanzGruppe auf, wobei sämtliche Möglichkeiten diskutiert werden müssten, die Synergien versprechen. Ebenso könne die Marke „Genossenschaft“ noch erheblich effizienter im Vertrieb der Volksbanken und Raiffeisenbanken genutzt werden fuhr Herr Fröhlich weiter fort und erklärte, dass 2012 beim BVR das Jahr der Genossenschaftsmarke sei, mit dem Ziel der nachhaltigen Förderung und Vermarktung der genossenschaftlichen Identität/Werte.
Im Weiteren stellte er zwei Projekte vor, die von höchster Priorität für die Volksbanken und Raiffeisenbanken seien. Zum einen die Entwicklung qualitätsgesicherter Beratungsprozesse, um insbesondere den Banken und ihren Mitarbeitern Rechtssicherheit in puncto Beraterhaftung zu geben. Zum anderen die Entwicklung von Strategien zur Förderung des Internetvertriebs auf Ortsbankebene. Dieser, so Herr Fröhlich, sei nötig, um zu verhindern, dass langfristig die Kunden schwinden. Dem laut Herrn Fröhlich häufig vorgetragenen Argument, dass die Kunden der Volksbanken und Raiffeisenbanken in der Regel nicht an einem derartigen Vertrieb interessiert seien, hielt er die Ergebnisse einer Kundenbefragung des BVR entgegen, wonach Kunden der Volksbanken und Raiffeisenbanken sowohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich mehrheitlich angaben, den Vertriebsweg des Internets als durchaus wichtig zu erachten.


Wolfgang Kirsch

Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ BANK AG, analysierte in seinem Vortrag die neuen Anforderungen an das Bankgeschäft und machte dabei unmittelbar klar, dass solche Themen längst nicht mehr allein unter betriebswirtschaftlichen oder ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert würden, vielmehr dominierten mittlerweile gesellschaftliche und moralische Aspekte die Debatten.
Zu Beginn seines Vortrages skizzierte Herr Kirsch die derzeit positiven Entwicklungen an den Finanzmärkten und sprach die intensiven Bemühungen der Banken an, das Vertrauen der Menschen in die Branche zurück zu gewinnen. Herr Kirsch forderte, dass es nun gelte, auch das Vertrauen unter den Banken wieder herzustellen. In puncto Regulierung verdeutlichte er die derzeitige Popularität einer bankaversen Politik sowie einer immer strikteren und immer detaillierteren Regulierung. Wenngleich die Regulierung von Banken nach unserem heutigen Verständnis selbstverständlich sei, so Herr Kirsch, sei jedoch eine solche undifferenzierte Krisenstimmung kein allzu verlässlicher Berater bei regulatorischen Entscheidungen. Er zeigte auf, wie eine stärkere Regulierung bereits in der Vergangenheit nicht mehr als eine Reaktion bzw. ein Versuch war, Fehlentwicklungenim Markt entgegenzuwirken oder Marktentwicklungen einzuholen. Demnach sei Regulierung oft nicht als vorausschauender, planerischer Prozess zu erkennen, sondern vielmehr ein iterativer Prozess mit deutlich sichtbaren Zyklen: Phasen stärkerer Regulierung wechseln sich mit Phasen schwächerer Regulierung ab. Herr Kirsch verdeutlichte, zu welch fatalen Ergebnissen eine solche Regulierungspolitik, die sich in erster Linie an aktuellen Stimmungen und Meinungen orientiert, führen kann, unabhängig davon, ob es sich um Regulierungs- oder Deregulierungsanstrengungen handelt.
Es gelte für die Regulierung weniger, dem isolierten Ereignis mit kurzfristigem Aktionismus zu begegnen, sondern eine langfristige und übergreifende Perspektive einzunehmen. Vor dem aktuellen Hintergrund sei es insbesondere ein Trugschluss, anzunehmen, mit einer immer höheren Regulierungsdichte Krisen ein für alle Malausschließen zu können. Die Gegenwart lasse jedoch genau diese Auffassung erkennen und sei geprägt von einem immer hektischeren und spontaneren Vorgehen von Aufsehern und Regulatoren, so Herr Kirsch. Zu der seit Ausbruch der Finanzmarktkrise bestehenden Unsicherheit auf den Finanzmärkten käme nun die Unsicherheit über die regulatorischen Rahmenbedingungen hinzu, woraus sich teilweise unabsehbaren Folgen für die Investitionen und Planungen im Bankbetrieb ergäben. Insbesondere bemängelte Herr Kirsch eine fehlende umfassende Gesamtwirkungsanalyse für das Zusammenspiel aller anstehenden regulatorischen Maßnahmen sowie den bei Politik und Aufsicht erkennbaren Trend, im Rahmen von Basel III vereinbarte und mitÜbergangsfristen versehene Kapitalanforderungen vorzuziehen oder faktisch im Rahmen der Stresstests der europäischen Bankenaufsicht zu unterlaufen.
Im Weiteren verdeutlichte Herr Kirsch die starken Wettbewerbsverzerrungen komplexer und international unkoordinierter regulatorischer Anforderungen, wie sie unter anderem aus dem Stresstest der europäischen Bankenaufsicht, der Finanzmarkttransaktionssteuer oder dem Zeitrahmen zur Umsetzung vonBasel III resultieren. Derartige Regulierungsarbitrage gelte es auch über Ländergrenze nund Kontinente hinweg zu vermeiden. Darüber hinaus müsse trotzdem gewährleistet sein, dass nationale Besonderheiten berücksichtigt werden, erfolgreiche, bewährte nationale Systeme dürfen nicht wegreguliert oder belastet werden, so Herr Kirsch. So habe sich die genossenschaftliche FinanzGruppe inder Krise als stabilisierender Faktor erwiesen und dennoch werde nun durch die Regulierung in ihre Geschäftspolitik eingegriffen. Herr Kirsch verdeutlichte, dass es ohne Zweifel gelte, Bankrisiken zu regulieren, es dabei jedoch auch beachtet werden muss, dass Regulierung Banken auch daran hindern könne, ihre realwirtschaftlichen Aufgaben effektiv und effizient wahrzunehmen. In dieser Hinsicht mahnte er insbesondere die Notwendigkeit eines marktwirtschaftlichen Ansatzes im Bankensektor an.
Seinen allgemeinen Ausführungen zur Regulierung im Bankensektor folgend, widmete sich Herr Kirsch explizit der genossenschaftlichen FinanzGruppe und stellte fest, dass diese sich den Herausforderungen der Krise gestellt und die erforderlichen Anpassungen umgesetzt habe. Die Entwicklung des Einlage- und des Kreditvolumens auch in der Finanzmarktkrise sprechen deutlich für uns, so Herr Kirsch. Als objektiven Beleg für den Erfolg der FinanzGruppe verwies er auf die Anhebung des Langfristrating für die Genossenschaftliche FinanzGruppe und die DZ BANK von A+ auf AA- durch die Ratingagentur Standard & Poors. Dennoch muss sich auch die genossenschaftliche FinanzGruppe noch weiterentwickeln, wie Herr Kirsch klarstellte. Für die genossenschaftlichen Zentral- wie für die Primärbanken gelte gleichermaßen, dass man bei der Steigerung der Effizienz und der Konsolidierung auf einem guten Weg, aber eben noch nicht am Ziel sei. Um den Herausforderungen des Bankgeschäfts, die sichaus dem regulatorischen und wettbewerblichen Umfeld ergeben, zu begegnen, hob er die Notwendigkeit des Schulterschlusses in der genossenschaftlichen FinanzGruppe hervor und betonte, dass die FinanzGruppe in ihrer Außenwahrnehmung faktisch bereits jetzt als eine Einheit betrachtet werde.
Zum Abschluss seiner Ausführungen prüfte Herr Kirsch fünf Kernthesen, welche vom Bankhaus Metzler veröffentlicht wurden, um auch im 21. Jahrhundert erfolgreich agieren zu können. Demnach brauchen Banken: 1. Kunden, 2. Eigenkapital, 3. Liquidität, 4. Risiken und 5. die Gesellschaft. Herr Kirsch zeigte dezidiert, dass die genossenschaftliche FinanzGruppe diesem Test zur Zukunftsfähigkeit durchaus standhalten kann.


Werner Böhnke

Die Kombination aus Kontinuität und Innovationsvermögen als Erfolgsstrategie für die Zukunft thematisierte Werner Böhnke, Vorstandsvorsitzender der WGZ BANK AG, in seinem Vortrag.
Er stellte fest, dass dies zweifelsohne ein wichtiger und richtiger Ansatz sei, wie die jüngste Vergangenheit gelehrt habe. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken waren gut beraten, für ihre Kunden und Mitglieder vor Ort nah und begreifbar zur Verfügung zu stehen, mit klassischen wie auch innovativen, aber verständlichen Produkten, statt auf globale Investments mit großer Distanz zum Kunden zu setzen. Der Erfolg der Genossenschaftsbanken während der Finanzkrise ließe daran keine Zweifel. So hätte es bei ihnen insbesondere keine Kreditklemme gegeben und auch ihre Einlagen hätten sich gut entwickelt. Die FinanzGruppe, welche vormals noch als „hausbacken“ gegolten haben mag, sei in der Krise schick geworden, so Herr Böhnke. Man werde als konservativ, bodenständig und mindestens gefühlt nachhaltig wahrgenommen und geschätzt. Dies würde auch von den Kunden geschätzt.
Aufbauend auf diesen Erfolgsmeldungen stellte er die Frage, wie es nun weitergehen solle. Könne man einfach so weitermachen, weil man gut sei? Nicht uneingeschränkt könne man das, so Herr Böhnke, denn im Innovationsvermögen bleibe man beim Blick auf Inhalt, Geschwindigkeit und Umsetzung bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken unter seinen Möglichkeiten. So legte er da, dass nur etwa 50% der Kunden von Genossenschaftsbanken tatsächlich aktive Kunden seien und gab zu bedenken, dass mit Blick auf die Kundenstruktur der Trend weiter abnehmend sei. Bei Jugendlichen habe man schon manchen Anschluss verpasst. Der herausragenden Bedeutung des Internets als Informationsquelle habe die FinanzGruppe bisher zu wenig Beachtung geschenkt. So sei die FinanzGruppe zum einen nur wenig prominent im Internet präsent und zum anderen sei ein geschlossener Auftritt noch nicht erreicht, so Herr Böhnke. Nachdrücklich stellte er in dieser Hinsicht den Nachholbedarf fest, an dem alle in der Gruppe gemeinsam mitwirken müssten und lobte die entsprechenden Anstrengungen des BVR sowie das Verbundunternehmen VR-Networld, welches als leistungsstarker Dienstleister parat stehe. Herr Böhnke wies weiter darauf hin, dass jedoch mit dem Vertrieb über das Internet noch keine stärkere Nähe zum Kunden geschaffen werde. Es gelte vielmehr die durch die zahlreichen Filialen gegebene räumliche Nähe zu den Kunden in eine aus Sicht des Kunden „gefühlte Nähe“ zu verwandeln.
Eine Schlüsselrolle komme dabei den Kundenberatern zu. Guter Vertrieb, so Herr Böhnke, sei kein technisch-organisatorischer Vorgang, sondern hier stünden Menschen im Vordergrund, die sich in Situation hinein versetzen und zuhören können. Nur so könne man Kunden erfolgreich machen, Vertrauen aufbauen und eine langfristige emotionale Bindung erzeugen. Als Hindernis für den Aufbau solcher vertrauensvoller Beziehungen erachtet Herr Böhnke dabei insbesondere die verschärfte Beraterhaftung mit ihren umfangreichen Dokumentationspflichten, welche in den Augen von Kunden genau das Gegenteil von Vertrauen ausdrücken würden. Als förderlich hingegen führte er die gemeinsamen wertbasierten Vertriebsprojekte in der Gruppe an.
Einen weiteren Aspekt, welchem sich Herr Böhnke in seinem Vortrag widmete, stellen die veränderten makroökonomischen Rahmenbedingungen für Banken dar. Konkret beschäftigte er sich in dieser Hinsicht mit den Konsequenzen der europäischen Staatschuldenkrise für die Genossenschaftsbanken und ihre Kunden. So könne man sich auch im europäischen Raum nicht mehr der Bonität von Staaten sicher sein. Vielmehr zeige der Fall Griechenland, dass noch vor kurzem „sichere Geldanlagen“ heute erhebliche Forderungsverzichte für die Gläubiger bedeuten. Und Griechenland sei dabei kein Einzelfall, so Herr Böhnke. Aufgrund der seit Jahrzenten in vielen Staaten festzustellenden Politik, in den Staatshaushalten höhere Ausgaben als Einnahmen durch immer neue Schulden auszugleichen, müsse man sich die Frage stellen, welche Staaten überhaupt noch als sicher gelten könnten. So habe auch Deutschland trotz der jüngsten guten konjunkturellen Situation es nicht geschafft, neue Schulden zu vermeiden. Doch statt sich auf die notwendigen Einsparungen zum Abbau der Schulden zu verständigen, würden von vielen Politikern und zahlreichen Medien, die Wut der Bürger auf die Banken gelenkt.
Unbestritten hätten auch Banken Schuld auf sich geladen, so Herr Böhnke, aber in der aktuellen Krise seien die Staaten gefordert, ihre Staatsfinanzen zu sanieren, um Schlimmeres zu verhindern. Dies mit aller Kraft zu unterstützen, sei im eigenen Interesse der Genossenschaftsbanken sowie ihrer Mitglieder und Kunden. Die Genossenschaftsbanken, die fest in Deutschland verwurzelt seien, litten unmittelbar unter der Staatschuldenkrise in Deutschland. Sie könnten nicht wie die internationalen Akteure einfach ihr Geschäft auf andere Märkte „verlagern“. Um eine weitere Zuspitzung der Schuldenkrise in Europa und insbesondere ein Übergreifen auf Deutschland zu vermeiden, rief Herr Böhnke daher dazu auf, das politische Gewicht der annähernd 17 Millionen Mitglieder der Genossenschaftsbanken in der FinanzGruppe zu nutzen und auf der politischen Ebene entschieden gegen weitere Neuverschuldungen einzusetzen. Ebenso müsse dieses Gewicht auch gegen die derzeitige undifferenzierte Bankenregulierung eingesetzt werden, welche massiv die in der Krise bewiesenen Vorteile der Genossenschaftsbanken unterschlage, schloss Herr Böhnke seine Ausführungen ab.


V.l.n.r.: Dr. Peter Hanker, Dr. Veit Luxem, Prof. Dr. Theresia Theurl, Wolfgang Altmüller, Hubert Greve
Wolfgang Altmüller
Dr. Peter Hanker
Hubert Greve
Dr. Veit Luxem
Über den Aspekt der Mitgliedschaft bei Genossenschaftsbanken wurde unter der Moderation von Prof. Dr. Theresia Theurl auf dem Podium diskutiert, um der Frage nachzugehen, ob dies als ein strategisches Asset für die genossenschaftliche FinanzGruppe 2020 aufzufassen sei. Wolfgang Altmüller, Vorstandsvorsitzender der VR meine Raiffeisenbank eG Altötting-Mühldorf, Hubert Greve, Vorstand der Volksbank eG Bad Laer-Borgloh-Hilter-Melle, Dr. Peter Hanker, Sprecher des Vorstands der Volksbank Mittelhessen eG und Dr. Veit Luxem, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Erkelenz eG, konnten für die Diskussion gewonnen werden.
Einigkeit herrschte auf dem Podium bezüglich der grundsätzlich sehr hohen strategischen Relevanz der Mitgliedschaft für eine erfolgreiche Zukunft der Genossenschaftsbanken. Schließlich gebe es auch keine weiteren realistischen und insbesondere keine annährend gleichwertige Alternativen verdeutlichte dabei Herr Greve.
Hinsichtlich der Ausschöpfung der inhärenten betriebswirtschaftlichen Potenziale differenzierten sich die Meinungen jedoch, wenngleich auch hier teilweise deutliche Schnittmengen sichtbar wurden. So berichtet Herr Altmüller aus seinem Hause, dass dort seit zwei Jahren keine Dividende mehr ausgezahlt wird, sondern das Geld zum einen in Rücklagen der Bank und zum anderen insbesondere in die Förderung der Region fließt, wovon indirekt wiederum sämtliche regionalen Mitglieder in Form einer höheren allgemeinen Lebensqualität partizipierten. Mit Erfolg auch für die Bank, so Altmüller. Den Menschen gefallen diese Investitionen in ihre Region und sie sind als Mitglieder gerne ein Teil dieser Entwicklung. Gegenwärtig könne man sich in Altötting vor neuen Mitgliedern „kaum retten“. Dabei bleibe es in vielen Fällen längst nicht bei der reinen Partizipation als Mitglied, vielmehr wirke sich die so erzeugte emotionale Bindung positiv auf den Vertrieb in der Bank aus, was sich in den überdurchschnittlichen Gewinnen der Bank bemerkbar macht. Um die Zufriedenheit und Bindung ihrer Mitglieder über das regionale Engagement hinaus zu erhalten setzt man im Hause von Herrn Altmüller zudem auf gezieltes Mitgliederentertainment. Vertrieb funktioniere schließlich über angenehme Ereignisse, nicht über Druck, so Herr Altmüller.
Dem Aspekt der Förderung des Zusammenhalts und der langfristigen Bindung von Mitgliedern durch gemeinsame Mitgliederevents wird auch von Dr. Hanker wesentliche Bedeutung beigemessen. Genauer gesagt sei es die richtige Mischung aus Information, Mitbestimmung und Entertainment, was die Mitgliederzufriedenheit und -bindung ausmache. Im Gegensatz zu VR meine Volksbank eG hat sich bei der Volksbank Mittelhessen eG zudem eine Politik der hohen Dividende als erfolgsrelevant erwiesen, um Mitglieder langfristig zu halten. Dies unterstreiche, so Dr. Hanker, deutlich, dass die Mitgliedschaft ein regionales Thema sei, welches man vor Ort den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend lösen müsse. Eine allgemein gültige Strategie gebe es in dieser Hinsicht nicht und folglich seien Forderungen nach zentralen Mindestanforderungen an die Mitgliedschaften von Genossenschaftsbanken abzulehnen.
Dieser Auffassung widersprach Herr Greve in seinen Ausführungen. So habe man auf der Grundlage der allgemeinen Empfehlungen des BVR in seinem Hause ein erfolgreiches Mitgliederkonzept entwickelt und umgesetzt. Zumindest in puncto Unternehmensgröße abstrahierte auch Dr. Luxem von einer Differenzierung der Umsetzung von Mitgliedschaftsstrategien. So ist der Aufbau von Vertrauen vor Ort seiner Meinung nach unabhängig von der Größe einer Bank das wichtigste Element zur Mitgliederbindung. Ein solches Vertrauen könne nicht über die Mittelsmänner in einer Vertreterversammlung erfolgen, sondern nur direkt durch Mitgliederkontakte in einer Mitgliederversammlung. Unabhängig davon, ob dort Entscheidungen getroffen würden, werde auf diese Weise die Wahrnehmung eines Mitgliedes als Teil der Gemeinschaft geschärft und so eine langfristige Bindung unterstützt. Darüber hinaus setzt die Volksbank Erkelenz eG ebenfalls auf gemeinsame Mitgliederereignisse, bewusste externe Kommunikation, welche die genossenschaftlichen Werte transportiert sowie dieKundenzufriedenheit ihrer Mitglieder, welche regelmäßig anhand von Befragungen zu den Leistungender Volksbank erhoben wird.
Wiederum ein grundsätzlich homogenes Bild zeichnete sich auf dem Podium hinsichtlich der Frage nach der Mitgliedschaft der Mitarbeiter. So befürworteten alle vier Herren eine Mitgliedschaft ihrer Mitarbeiter. Während Dr. Luxem dabei jedoch eher darauf setzt, die Mitarbeiter zu überzeugen, konstatierte Dr. Hanker, dass er schlicht darauf bestünde, dass jeder Mitarbeiter den Status eines Mitgliedes innehaben müsse. Gewissermaßen einer kombinierten Auffassung war Herr Greve, der zwar forderte, dass alle Mitarbeiter auch Mitglieder der Bank sein müssten, aber gleichzeitig feststellte, dass dafür auch die Überzeugung vorliegen müsse, wofür die interne Kommunikation Rechnung zu tragen habe. Schließlich könne nur ein überzeugtes Genossenschaftsmitglied glaubwürdig als geeigneter Botschafter einer Genossenschaftsbank fungieren.
Nach weiteren Herausforderungen gefragt, welche neben der Mitgliedschaft für Genossenschaftsbanken zu bewältigen seien, nannte Herr Dr. Hanker die Kostenoptimierung als wichtigste längerfristige Hauptaufgabe. Im Weiteren führte er an, dass die mediale Präsenz der FinanzGruppe noch nicht optimal sei und mahnte diesbezüglich kurzfristige Maßnahmen an. Herr Greve forderte explizit das Internet als Vertriebs- und Informationsplattform für die Werte der Marke Genossenschaft weiter voranzutreiben, wobei ausnahmslos alle Banken aufgefordert seien nach Kräften mitzuwirken. Ebenso sprach auch er sich für weitere Kostenoptimierungen auf allen Ebenen in der FinanzGruppe aus. Kosten sind auch für Herrn Altmüller entscheidend für das „Wohl und Wehe“ einer Bank und daher ist auch er der Meinung, diese Thema weiter „anzupacken“. Insbesondere in guten Zeiten müssen man in dieser Hinsicht auch Schmerzen ertragen, um langfristig wettbewerbsfähig zu sein. Weniger als Herausforderung, aber dennoch als Aufgabe erachtet Herr Altmüller es darüber hinaus, das respektvolle und konstruktive Miteinander in der FinanzGruppe weiter fortzusetzen und stetig an einem Strang zu ziehen. Der Verbraucherschutz, genauer gesagt die undifferenzierte Handhabung dessen stellen für Dr. Luxem die wesentliche Herausforderung dar, dies in ein vertrauensbasiertes Mitgliederkonzept zu integrieren.
Zum Abschluss der Podiumsdiskussion legten alle vier Teilnehmer zum einen dar, was ihrer Meinung nach ein besonders empfehlenswertes Element ihrer Mitgliederstrategie sei. Zum anderen wurden sie nach ihrer Vision für die FinanzGruppe 2020 gefragt. Dr. Hanker empfiehlt den Mut, in der FinanzGruppe zu fragen und zu schauen, wie andere Banken Herausforderungen angehen und Strategien umsetzen. Man müsse nicht alles selbst erfinden und Inspiration sei durchaus erlaubt, so Dr. Hanker. Seine Vision für die FinanzGruppe 2020 lautet 20 Millionen Mitglieder. Herr Greve empfiehlt generationenübergreifendes Entertainment im Rahmen der Mitgliedergewinnung und –bindung, als Ansatzpunkt insbesondere für nachwachsende Generationen. Seine Vision ist es, 2020 das Ziel erreicht zu haben, die Nr. 1 bei Kunden- und Mitgliederzufriedenheit zu sein. Für Herrn Altmüller ist seine Empfehlung seine Vision. Es müsse überall das Lebensmotto verinnerlicht werden, dass man in seinem Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind groß ziehen und zudem Mitglied in einer Genossenschaft werden müsse. Dr. Luxem empfiehlt: „Mitgliedschaft ist Chefsache!“ und hat die Vision, dass die Mitgliedschaft sich im Internetzeitalter als willkommene Konstante und Mittel gegen die zunehmende Anonymität etabliert.

Wolfgang Kirsch, Uwe Fröhlich, Werner Böhnke
Prof. Dr. Theresia Theurl, Uwe Fröhlich
Plenum

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ findet am 02. Juli 2012 in Münster statt.


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