Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Kosten senken – eine gemeinsame Aufgabe im genossenschaftlichen FinanzVerbund

19. Januar 2009

Aula der Universität Münster im Schloss

Referenten:

  • Prof. Dr. Bernd Rolfes
    Lehrstuhl für Banken und Betriebliche Finanzwirtschaft, Universität Duisburg-Essen
  • Christoph Rocksloh
    ehem. Vorstandsvorsitzender Volksbank Düsseldorf Neuss eG
  • Reinhard Schoon
    Vorstand Raiffeisen-Volksbank eG, Aurich
  • Uwe Fröhlich
    Präsident Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e. V.

Podiumsdiskussionsteilnehmer:

  • Dr. h. c. Stephan Götzl
    Präsident und Vorstandsvorsitzender Genossenschaftsverband Bayern e. V.
  • Carsten Graaf
    Vorstandsvorsitzender Volksbank Meerbusch eG
  • Rolf Hildner
    Vorstandsvorsitzender Wiesbadener Volksbank eG
  • Anno Lederer
    Vorstandsvorsitzender GAD eG


Hintere Reihe v.l.n.r.: Carsten Graaf, Dr. h. c. Stephan Götzl, Reinhard Schoon, Moritz Krawinkel, Rolf Hildner, Christoph Rocksloh
Vordere Reihe v.l.n.r.: Prof. Dr. Bernd Rolfes, Anno Lederer, Prof. Dr. Theresia Theurl, Uwe Fröhlich

Zusammenfassung

Von Christian Strothmann, IfG Münster

Am 19. Januar 2009 feierte die Veranstaltungsreihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ ein Jubiläum. Bereits zum zehnten Mal fand die Veranstaltung in Münster statt. Knapp 270 Spitzenvertreter aus Wissenschaft und Praxis diskutierten die aktuelle Thematik, wie Kosten gemeinschaftlich im FinanzVerbund gesenkt werden können.


Prof. Dr. Theresia Theurl

 


Prof. Dr. Bernd Rolfes

Prof. Bernd Rolfes, Direktor des Lehrstuhls für Banken und Betriebliche Finanzwirtschaft der Universität Duisburg-Essen analysierte die Identifikation und Umsetzung von Kostensenkungspotenzialen. Hierbei verdeutlichte er zunächst die Notwendigkeit und die Bedeutung eines Kostenmanagements für den genossenschaftlichen FinanzVerbund. Der FinanzVerbund ist in den vergangenen Jahren mit sinkenden Margen bei leicht steigenden Kosten konfrontiert gewesen. Zudem fällt die Möglichkeit aus, Erträge aus der Fristentransformation zu generieren. Eine Kostenreduktion ist für Prof. Rolfes jedoch nur eine, wenn auch zwingend notwendige, Basis, um damit in einem härteren Wettbewerb auch höhere Erträge anstreben zu können. Hierfür bedürfe es einer Positionierung der Institute, in dessen Zentrum die Frage stehen müsse, wodurch eine Kundenattraktion erreicht werden könne. Die Positionierung ist insbesondere vor dem Hintergrund notwendig, dass vielfältige Geschäftsmodelle mit unterschiedlichen Wertschöpfungsstrukturen miteinander konkurrieren. Der Trend gehe jedoch zu einer immer stärkeren Aufteilung der Wertschöpfungskette der Bankprozesse, so Prof. Rolfes. Zukünftig auslagerungsfähige Wertschöpfungsteile sind z.B. Kreditfabriken und Kontoservicefabriken. Es gehe nun darum, Banken nicht nur als Dienstleister zu sehen, sondern auch als Abwickler von Prozessen. Für eine Umsetzung von Kostensenkungspotenzialen bestünden zahlreiche Ansatzpunkte, die indes einer hohen Kooperationsbereitschaft bedürften. Insbesondere sind diese dort vorhanden, wo Mengenbündelungen möglich sind. Wesentlich ist für Prof. Rolfes ferner, dass Kostenoptimierungen nicht kleinteilig erfolgen, sondern ganzheitlich und nachhaltig erfolgen, was die Wertschöpfungskette über Partner und den FinanzVerbund einschließt. Ein verbundübergreifendes Anreizsystem spiele dabei eine zentrale Rolle.


Christoph Rocksloh

Christoph Rocksloh, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volksbank Düsseldorf Neuss eG, verdeutlichte in seinem Vortrag anhand realisierter Praxiserfolge, wie Prozesse optimiert und Kosten eingespart werden können. Aus einer Optimierung ergäben sich allgemein Veränderungen, so Rocksloh, die als zentrale Managementaufgabe zu verstehen seien. Um diese Aufgabe zu bewältigen, gelte es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Prozessoptimierung ermöglichten. Zudem sei es wichtig die „Chance im Wandel“ zu begreifen und aktiv zu gestalten. Es gehe darum, eine Kultur der Veränderungen innerhalb des Instituts zu etablieren. Herr Rocksloh nannte die genossenschaftlichen Prinzipien und insbesondere den Förderauftrag gemäß § 1 Genossenschaftsgesetz als Begründung für eine Notwendigkeit der Prozessoptimierung und Kosteneinsparung. Durch eine Optimierung der Kopiererverträge, einer Umsetzung des Referenzprozesses Depot B im Rahmen von VR-Process und der Einführung einer Geschäftsfeldrechnung gelang es sehr eindrucksvoll, das Betriebsergebnis des Instituts zu erhöhen und die Kosten deutlich zu senken. „Ein zweistelliger Prozentbetrag geht immer“, so Rocksloh. Er machte deutlich, dass eine Kostenoptimierung insbesondere ein dauerhafter Prozess ist der – so strich er hervor – eine Kooperation des Personals erfordert. Kostensenkung ist damit primär auch eine Führungsaufgabe. Nur wenn die Mitarbeiter die Maßnahmen verstehen, werden sie auch bereit sein sie umzusetzen, denn Kostensenkungsmaßnahmen sind notwendigerweise auch immer mit erheblichen Umstellungen im persönlichen Arbeitsumfeld verbunden.


Reinhard Schoon

Dass Mitgliederförderung und Kostenkontrolle kein Widerspruch sind, verdeutlichte Reinhard Schoon, Vorstand der Raiffeisen-Volksbank eG, Aurich und Vorsitzender des Verbandsrates des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems. Die Mitgliederförderung sei integraler Bestandteil der Genossenschaftsidee, so Schoon. Demnach bilde sie auch die Grundlage für jegliches genossenschaftliche Tun und Handeln. Um sich von den Wettbewerbern abzugrenzen gelte es, sich auf die genossenschaftlichen Stärken zu besinnen. Konditionen seien dabei zweitrangig, vielmehr gehe es darum, dem Kunden einen Mehrwert zu schaffen und ihm zu zeigen, dass es zu seinem Vorteil sei, Raiffeisen- und Volksbanken Kunde zu sein. So führte Schoon aus, dass nicht für jeden Privatkunden ein kostenloses Girokonto erforderlich sei. Mit dem Kontopauschalmodell „VRGIRO+“ biete sein Institut die Möglichkeit, ein Konto zum Nulltarif zu führen und trotzdem den persönlichen Service der eigenen Hausbank zu nutzen. Zwar würden pauschale Gebühren erhoben, diese ließen sich aber bei Abschluss des Kunden von bestimmten Produkten um einen Euro pro Monat rückvergüten. Aufgrund dieses Kontomodells gelang es, einerseits den Kunden Bonuszahlungen zu gewähren und zugleich andererseits einen Mehrertrag für die Bank zu erwirtschaften. Auch das Dividendenmodell der Raiffeisen-Volksbank eG, Aurich vereint die Mitgliederförderung und die Kostenkontrolle. Die Basisdividende, so Schoon, orientiere sich an der Umlaufrendite. Daneben werde eine Bonusdividende gezahlt, die von der positiven geschäftlichen Entwicklung der Bank abhänge. Für das Jahr 2009 sei die Dotierung eines Regionalfonds vorgesehen, wobei jedes Mitglied auf einen Teil der zuletzt gezahlten Bonusdividende verzichte. Die Fondsmittel für den Regionalfonds stammten jedoch nur zur Hälfte aus dem Dividendenverzicht der Mitglieder. Die RVB stockt den Regionalfonds um den gleichen Betrag auf. Diese Mittel werden für förderungswürdige Projekte in der Region verwandt und dienen damit auch wieder indirekt der Förderung der Mitglieder und letztendlich auch der Bank.


Uwe Fröhlich

Im Anschluss analysierte Uwe Fröhlich, neuer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e. V., Kostensenkungspotenziale im FinanzVerbund und verdeutlichte Perspektiven für die gemeinsame Aufgabenteilung im genossenschaftlichen Netzwerk. Zwar gelten die Raiffeisen- und Volksbanken bisher als moralische Gewinner der Finanzmarktkrise, der Kapitalmarkt bleibe jedoch unberechenbar und weitere Rückschläge seien durchaus möglich. Aufgrund der Tatsache, dass die genossenschaftlichen Institute – verglichen mit Großbanken – geringere Nachteile verspürten, werden ihnen daher auch keine Finanzmittel gewährt. Es dürfe daher nicht vernachlässigt werden, dass jedes Institut individuell auf diese Herausforderungen zu reagieren habe. Der „Kompass“, der die Rahmenplanung des BVR für den genossenschaftlichen FinanzVerbund darstellt, belege, dass dies insbesondere durch die beiden Hebel Vertriebsanstrengungen und Kostenoptimierung ermöglicht werde. VR-Process diene dabei vor allem auch der Kostentransparenz. Mit dem Projekt „Abbau von Doppel- und Mehrfachkapazitäten im FinanzVerbund“ gehe es zudem darum, mögliche bestehende Redundanzen und Effizienzpotenziale aufzuzeigen. Aufgrund des modularen Projektaufbaus, der die Zentralanbieter, Ortsbanken und Verbände umfasst, ließen sich Bündlungspotenziale individuelle analysieren. Herr Fröhlich verdeutlichte abschließend den Vorschlag eines Masterplans für die Projektvorgehensweise, den der BVR unterstützend moderieren werde. Auch wenn man die moralische Siegerposition inne habe, so Fröhlich, gehe es nun darum nachhaltig weiter ohne Staatshilfen auszukommen.


V.l.n.r.: Dr. h. c. Stephan Götzl, Carsten Graaf, Prof. Dr. Theresia Theurl, Rolf Hildner, Anno Lederer

In der von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierten Podiumsdiskussion wurden Kostensenkungsstrategien vor dem Hintergrund einer erfolgreichen Marktstrategie kontrovers diskutiert. Als Verbandsvertreter nahm Dr. h.c. Stephan Götzl, Präsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes Bayern e.V. teil. Carsten Graaf, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Meerbusch eG und Vorsitzender des Verbandsrats des BVR, und Rolf Hildner, Vorstandsvorsitzender der Wiesbadener Volksbank eG und Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank AG, vertraten die Primärinstitute. Anno Lederer, Vorstandsvorsitzender der GAD eG, saß als Vertreter eines Verbundunternehmens auf dem Podium.

Stephan Götzl
Carsten Graaf
Rolf Hildner
Anno Lederer

Die Vertreter der beiden Primärbanken betonten, dass in Bezug auf Kostensenkungsmöglichkeiten die Notwendigkeit bestehe, Prozesse zu überdenken. Dies gelte unabhängig von der Größe der Institute. Dr. Götzl verdeutlichte anhand einer Einschätzung von VR-Process, dass eine erfolgreiche Entwicklung vorläge und insbesondere anhand von „Best-Practice-Beispielen“ kommuniziert werde. Bei der Umstellung, so Graaf, gelte es jedoch die Mitarbeiter nicht allein zu lassen, sondern zu begleiten. Zudem dürfe keine einseitige Sichtweise in Bezug auf VR-Process stattfinden. Eine abwartende inaktive Haltung gegenüber VR-Process, so Lederer, sei nicht förderlich. Auf der Basis der Ergebnisse von Prozessanalysen gingen viele Banken dazu über, Servicegesellschaften zu gründen. Hildner betonte, dass es diesbezüglich zwar Gefahren gebe, jedoch dürfe man nicht über die Chancen hinwegsehen. Graaf wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass ein Erfolgsaustausch von wesentlicher Bedeutung sei. Auch wenn in den Medien die Themen Krisen und Rettungspakete eine zentrale Rolle eingenommen hätten, sei es doch wichtig über Kostensenkungspotenziale nachzudenken und diese umzusetzen. Diese Kombination, so Dr. Götzl, sei als Herausforderung zu verstehen. Die genossenschaftliche Organisation sei sehr nahe am Kunden und diesen Vorteil gelte es zu nutzen. Graaf fügte dem hinzu, dass er in der heutigen Zeit einen Kampf um jeden einzelnen Kunden als sehr wichtig erachte. Eine Auseinandersetzung mit der Kostenthematik, so Hildner, eigne sich insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt, da günstige und effiziente Abläufe notwendig seien.

 


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