Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Niedrigzins und finanzielle Repression: Folgen für das Geschäft der Genossenschaftsbanken

3. Juni 2013

Aula vom-Stein-Haus der Universität Münster

Referenten:
Podiumsdiskussionsteilnehmer:


V.l.n.r.: Dr. Friedrich Caspers, Horst Schreiber, Peter Kaufmann, Werner Böhnke, WP Rainer Backenköhler, Prof. Dr. Theresia Theurl, Prof. Dr. Ansgar Belke, Thomas Müller, Dr. Andreas Bley

Zusammenfassung von Jan Pollmann und Dominik Schätzle, IfG Münster

Am 03. Juni 2013 hat das Institut für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität zum neunzehnten Mal zu einer Veranstaltung der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ nach Münster eingeladen. 250 interessierte Teilnehmer folgten der Einladung, um die Vorträge und Statements der Referenten und Podiumsdiskutanten aus der Wissenschaft und der genossenschaftlichen FinanzGruppe zu hören und mit ihnen die wichtige und sehr aktuelle Thematik der niedrigen Zinsen und deren Konsequenzen für das Bankgeschäft zu diskutieren.


Prof. Dr. Ansgar Belke

Prof. Dr. Ansgar Belke, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbes. Makroökonomik an der Universität Duisburg-Essen, eröffnete die Veranstaltung mit einem Vortrag über die Inhalte und die Folgen einer finanziellen Repression. Finanzielle Repression beschreibt den Tatbestand, dass der Staat seine Schuldenlast durch eine gezielte Beeinflussung der Kosten der Staatsschulden indirekt reduziert, was zumeist von Inflation begleitet wird. Ein Anreiz für eine solche Politik gehe aktuell vor allem von den hohen Schuldenquoten vieler Staaten aus, die u.a. auf die Finanzkrise zurückzuführenden sind. Diese Konstellation schlägt sich vor allem in niedrigen Realzinsen nieder, die Teil der „neuen Normalität“ auf dem Finanzmarkt seien. Prof. Belke machte im Rahmen einer historischen Betrachtung deutlich, dass finanzielle Repression keineswegs ein vollkommen neues Phänomen ist, sondern zwischen 1945 und 1980 nicht nur von einkommensschwächeren Ländern, sondern auch von den Industrienationen zum Schuldenabbau genutzt worden ist. Prof. Belke identifizierte vier zentrale Instrumente der lautlosen Schuldenreduktion. Dies sind erstens die direkte oder indirekte Deckelungen der Zinssätze, zweitens Maßnahmen, die Inlandsinvestoren an den heimischen Kapitalmarkt binden, drittens Steuern auf alternative Anlageinstrumente und viertens Maßnahmen, die einen direkten oder indirekten staatlichen Einfluss auf Finanzinstitute haben. Die empirische Literatur zur Identifikation und zur Quantifizierung der Auswirkungen finanzieller Repression in der aktuellen Situation ist bisher noch von überschaubarem Umfang. Gleichwohl seien die niedrigen Realzinsen, die ein zentrales Charakteristikum finanzieller Repression darstellen, evident. So sprächen einschlägige Medien und Kommentatoren bereits von einem Angriff auf das Vermögen. Gleichwohl seien keine drastischen Ausweichreaktionen der Sparer zu beobachten.


Dr. Andreas Bley

Im zweiten Vortrag zeigte Dr. Andreas Bley, Chefökonom des Bundesverbandes der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), die Konsequenzen der Niedrigzinsphase für die Volksbanken und Raiffeisenbanken auf. Infolge der allmählichen Schuldenrückführung, der Strukturreformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder sowie der weiter anhaltenden Arbeitslosigkeit, prognostizierte Dr. Bley, dass das Wachstum in der Eurozone sich noch lange Zeit gedämpft verhalten wird. Das wirtschaftliche Wachstum Deutschlands dürfte dabei weiterhin über dem Durchschnitt der Euroländer liegen, wenngleich den Abwärtsrisiken hinsichtlich einer erneuten Zuspitzung der Schuldenkrise sowie einer Verlangsamung des weltwirtschaftlichen Wachstums Beachtung geschenkt werden muss. Zudem dürfe die Gefahr einer anhaltenden Stagnation im Euroraum sowie niedrigen Zinsen nicht unterschätzt werden. Aufgrund einer soliden Finanzierung der Unternehmen und Haushalte sei Deutschland allerdings nur bedingt mit dem Negativbeispiel Japan vergleichbar. Nach einer kurzen Darstellung des erstmaligen Auftretens von negativen langfristigen Realzinsen in der jüngeren Vergangenheit zeigte Dr. Bley das Problem einer Vergrößerung der Vorsorgelücke für die Sparer auf. So senke das geringere Zinseinkommen die Sparfähigkeit während ein negativer Zinseszinseffekt zugleich eine höhere Sparleistung erfordere. Aufgrund des Einlagenüberschusses der Volksbanken und Raiffeisenbanken seien jedoch die Gefahren für diese gering. Dr. Bley widersprach der häufig geäußerten Behauptung der Existenz einer Preisblase auf dem deutschen Immobilienmarkt. Dies führte er auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mietern und Wohneigentümern sowie auf eine breite Investorengruppe, die nachhaltige Strategien verfolgen, zu denen auch die Wohnungsgenossenschaften zählen, zurück. Allerdings wies er auf die regionalen Unterschiede des Immobilienmarktes hin. Aufgrund dessen gelte es zukünftig die Immobilienmarktentwicklungen in den Geschäftsgebieten der jeweiligen Primärbanken zu beobachten. Um der Problematik einer anhaltenden Niedrigzinsphase sowie einem zu erwartenden Ertragsdruck auf die Banken zu begegnen, empfahl Dr. Bley den Volksbanken und Raiffeisenbanken zukünftig eine weitere Verbesserung der Kosteneffizienz und der Vertriebsstrukturen sowie eine Sicherstellung der Qualität.


Thomas Müller

Thomas Müller, Vorstandssprecher der Dresdner Volksbank Raiffeisenbank eG zeigte im Anschluss mögliche Handlungsoptionen für die Volksbanken und Raiffeisenbanken im Hinblick auf die niedrige Zinsen auf. Um einem möglichen Ertragsdruck infolge der Niedrigzinsphase gerecht zu werden, müsse der Deckungsbeitrag im Kundengeschäft erhöht werden. Besonders das Geschäft mit den Unternehmenskunden gelte es aufgrund eines höheren Konditionsbeitrags zu steigern. Durch eine mögliche steigende Investitionsneigung der Unternehmen könne dadurch die Ertragslage der Volksbanken und Raiffeisenbanken verbessert werden. Auch Erträge aus dem Zahlungsverkehr seien besonders aufgrund der Zinsunabhängigkeit sowie der geringeren Volatilität dieses Geschäfts zu überprüfen. Bei diesen Maßnahmen stellte Herr Müller besonders die Bedeutung der Mitarbeiter in den Vordergrund. So sind es sie, die die Qualität sowie die Reputation der Volksbanken und Raiffeisenbanken direkt den Kunden kommunizieren. Im Hinblick auf eine Steigerung der Kosteneffizienz maß Herr Müller insbesondere drei Dingen eine übergeordnete Bedeutung zu: Prozesse, Prozesse, Prozesse. So können durch eine optimale Ausnutzung der EDV erhebliche Kosteneinsparungen erzielt werden. Hierbei verdeutlichte Herr Müller jedoch auch das Problem von Leerkapazitäten infolge einer Zentralisierung von Prozessen. Inwiefern einzelne Arbeitsabläufe wiederum in die Filialen zurückverlagert werden sollten, gelte es zukünftig zu untersuchen. Zugleich wurde die zukünftige Bedeutung des Treasuries verdeutlicht. Wenngleich Herr Müller die Gefahr einer Risikozunahme des Eigenhandels nach Ausschöpfen des Kostensenkungs- und Ertragssteigerungspotenzials aufzeigte, stellte er die Wichtigkeit einer zunehmenden Investition in „gute Aktien“ heraus. Im Allgemeinen hob er die Bedeutung einer effizienten Geschäftsstruktur für die wirtschaftliche Zukunft der Volksbanken und Raiffeisenbanken hervor. Besonders dem Kundenmix komme aus Sicht einer Genossenschaftsbank eine übergeordnete Bedeutung zu. Diesem gelte es in Zukunft verstärkt Rechnung zu tragen.


Dr. Friedrich Caspers

Im abschließenden Vortrag beleuchtete Dr. Friedrich Caspers, Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung AG, die Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf das Versicherungsgeschäft. Einleitend machte er deutlich, dass das durch die Niedrigzinsen maßgeblich bestimmte Kapitalmarktumfeld nicht nur für die Banken, sondern auch für die Versicherungen mit großen Herausforderungen verbunden ist. Hierzu zählte er beispielhaft die zunehmende Vorsichts- und Abwartehaltung der privaten Haushalte bei längerfristigen finanziellen Bindungen und den staatlichen Interventionismus, der u.a. zu einer Flutung der Märkte mit billigem Geld führt. In diesem Zusammenhang stellte Dr. Caspers den Maßnahmenkatalog der R+V Versicherung zur Bewältigung der mit diesem Marktumfeld verbundenen Herausforderungen vor. Grundlegend betonte er, dass die Versicherung nicht „zocke“. Zu den im Katalog enthaltenen Maßnahmen zählen daher u.a. die Diversifizierung von Geschäftsfeldern, die Durchführung von Neugeschäft mit geringerem Rechnungszins und die Einführung innovativer Produkte. Als oberstes Gebot der Geschäftspolitik stellte er hierbei die Einhaltung der Garantien gegenüber Bestands- und Neukunden heraus. Dank ihrer disziplinierten Kapitalanlagepolitik sei die R+V Versicherung für die Zukunft gut aufgestellt. Der Trend zeige hierbei wachsende Kapitalanlagebestände und wachsende Reservepositionen. Inzwischen entfalle z.B. jeder zehnte Euro Neubeitrag im Lebensversicherungsmarkt auf die R+V. Wichtige Schlüssel zum Erfolg seien gerade in schwierigen Zeiten die Forcierung des Neugeschäfts und die Diversifizierung der Geschäftsfelder. Des Weiteren hob Dr. Caspers hervor, dass auch das Risiko- und Kostenmanagement vor dem Hintergrund niedriger Zinsen an Bedeutung gewinnt. Insbesondere steige der Kostendruck. Im Hinblick auf die Abschluss- und Verwaltungskosten liege die R+V besser als die Branche insgesamt. Hierbei konnte sie ihren Kunden stets eine Rendite über der Inflation gewähren. Der Diskussion um die Abschaffung des Garantiezinses bei den Lebensversicherungen erteilte Dr. Caspers eine klare Absage, weil Altersvorsorge planbar und verlässlich sein müsse.


Prof. Dr. Theresia Theurl

In der anschließenden, von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierten Podiumsdiskussion erfolgte ein intensiver Dialog über die Konsequenzen der Niedrigzinsen für das Eigengeschäft und das Kundengeschäft der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Im Fokus der Diskussion standen die möglichen Gefahren einer andauernden Niedrigzinsphase sowie mögliche Reaktionsmöglichkeiten der Genossenschaftsbanken und der gesamten genossenschaftlichen FinanzGruppe. Mit Rainer Backenköhler, Vorstand und Verbandsdirektor des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems e.V., Werner Böhnke, Vorstandsvorsitzender der WGZ Bank AG, Peter Kaufmann, Vorstandssprecher der Volksbank Bigge-Lenne eG und Horst Schreiber, Vertriebsvorstand der Volksbank Trier eG konnten wiederum namhafte Vertreter der genossenschaftlichen FinanzGruppe gewonnen werden.

Rainer Backenköhler
Werner Böhnke
Peter Kaufmann
Horst Schreiber
Unter den Podiumsteilnehmern herrschte Einigkeit über den Einfluss der aktuellen Niedrigzinsphase auf die Volksbanken und Raiffeisenbanken und dass die aktuelle Zinssituation noch länger anhalten würde. So konstatierte Herr Kaufmann einen deutlichen Rückgang des Betriebsergebnisses infolge der niedrigen Zinsen. Allerdings zeigte er zugleich die Stabilität der genossenschaftlichen FinanzGruppe auf. Diese führte er auf die übergeordnete Orientierung am Mitglied und an den Kunden zurück. Zugleich trage der Verbund sowohl zur Selbständigkeit der Genossenschaftsbanken als auch zu ihrer starken Marktstellung und Reputation bei. Gemäß Herrn Schreiber gelte es auch zukünftig den Kunden die Einzigartigkeit der Volksbanken und Raiffeisenbanken aufzuzeigen. Zugleich betonte er die Bedeutung des Verbundes. Besonders durch die Verbundprodukte zur Prozessoptimierung könne der Erfolg der Genossenschaftsbanken auf dieser Ebene auch in Zukunft sichergestellt werden. Es sei sehr wichtig, die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse der Verbundprojekte nun auch zügig umzusetzen. So könne die aktuelle Situation auch zu einer Chance für die FinanzGruppe werden. Zudem bestätigte Herr Schreiber die Analyse von Herrn Müller, indem auch er besonders im Firmenkundengeschäft ein zusätzliches Ertragspotenzial ausmachte. Herr Backenköhler zeigte die Unterstützungsmöglichkeiten der Verbände bei der Ausrichtung der Geschäftspolitik im Hinblick auf die Niedrigzinsen auf. Hierbei verfahre der Verband nach dem „Schaufensterprinzip“. So könne sich jede Genossenschaftsbank gemäß ihres Bedarfes ein geeignetes Maßnahmenbündel aus verschiedenen Angeboten des Verbandes zusammenstellen. Selbstverständlich müsse die Entscheidung und die Umsetzung durch die Bank selbst erfolgen und auch der Verband könne nicht die Rahmenbedingungen verändern. Herr Böhnke widersprach der weit verbreiteten These von steigenden Investitionen infolge von niedrigen Zinsen und äußerte sich kritisch zur aktuellen Geldpolitik. Die Argumentation, dass mit ihr „Zeit gekauft würde“ versäumt es, die Frage zu stellen, welcher Preis dafür zu bezahlen sei und von wem. Das aktuelle politische Umfeld im Kontext der Niedrigzinsphase erfordere Entscheidungen unter unzureichenden Informationen. Im Hinblick auf das Depot-A-Geschäft sei es daher weiterhin wichtig, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Allerdings sei es unter Umständen angebracht, ein oder zwei neue Körbe zu entdecken. Die Diskutanten stimmten in der Einschätzung überein, dass das aktuelle Zinsumfeld für die genossenschaftliche FinanzGruppe viele Herausforderungen mit sich bringen würde, die zu Veränderungen in manchen Bereichen führen werden. Es sind jedoch auch viele Ansatzpunkte vorhanden, deren Nutzung es den Volksbanken und Raiffeisenbanken ermöglicht, nach wie vor ihre Stärken auszuspielen.


Plenum

Die nächste Veranstaltung „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ wird am 20. Januar 2014 stattfinden.


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