Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Neue Komplexität und Dynamik - Strategische Herausforderungen für die genossenschaftliche FinanzGruppe

23. Mai 2011

Aula im Schloss der Universität Münster

Referenten:

Podiumsdiskussionsteilnehmer:


V.l.n.r.: Hans Joachim Reinke, Dr. Wolfgang Baecker, Jürgen Wache, Carsten Graaf, Prof. Dr. Theresia Theurl, Heinz Hüning, Uwe Fröhlich, Dr. Friedrich Caspers, Wilfried Guttmann

Zusammenfassung

Von Lars Völker, IfG Münster




Prof. Dr. Theresia Theurl

Bereits zum fünfzehnten Mal hatte das Institut für Genossenschaftswesen der Westfälischen Wilhelms-Universität zu einer Veranstaltung der mittlerweile über Landesgrenzen hinaus bekannten und etablierten Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ eingeladen. In großer Zahl folgte am 23. Mai 2011 ein sehr interessiertes Fachpublikum dieser Einladung in das Schloss der Universität Münster, um den Vorträgen und Beiträgen hochklassiger Referenten und Podiumsdiskutanten aus der genossenschaftlichen FinanzGruppe beizuwohnen. Jene zeigten Strategien und Wege für Genossenschaftsbanken auf, um Ihre erfolgreiche Positionierung in einem stetig komplexeren und dynamischeren Umfeld zu behaupten und weiter zu verbessern. Für die erfolgreiche Realisierung der vorgeschlagenen Strategien wurden zudem Voraussetzungen, Herausforderungen und Grenzen erörtert. Die Veranstaltung war Herrn Verbandsdirektor Moritz Krawinkel vom RWGV für sein langjähriges Engagement als Präsident des Förderrates für Genossenschaftswesen Münster gewidmet. Nach der Begrüßung sowie einer kurzen thematischen Einführung durch Prof. Dr. Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen, hieß Frau Prof. Dr. Ursula Nelles, die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die Teilnehmer persönlich in den Räumen der Universität willkommen. In ihrer Ansprache betonte sie die Aktualität der Thematik rund um lokale Verankerung und lokale Verantwortung von Unternehmen. Zudem verwies sie auf die hohe Bedeutung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Praxis, wie er im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe in einer mittlerweile langen Tradition gelebt wird.


Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles

Anschließend eröffnete Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V., die Veranstaltung mit seinem Vortrag über Herausforderungen und Lösungsstrategien für die genossenschaftliche FinanzGruppe in einer komplexen Welt. Als Grundlage seiner Ausführungen stellte er die Zielpyramide für das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken vor, deren Fundament die Genossenschaftsidee bildet und an deren Spitze die Vision steht, durch die starken Mitglieder der Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie eine starke genossenschaftliche FinanzGruppe starke Regionen in Deutschland zu schaffen. Um dieser Vision nachhaltig zu folgen, konstatierte er die strategischen Ziele für alle Banken im BVR, die Nr. 1 im Mitglieder- und Kundengeschäft zu werden, ihre Wirtschaftlichkeit im Kundengeschäft nachhaltig zu sichern und die Nr. 1 in der Mitarbeiteridentifikation und -qualität zu werden. Darauf aufbauend stellte er die Hebung und Sicherung von Ertragspotenzialen im Vertrieb, die Entwicklung bzw. den Ausbau wettbewerbsfähiger Kostenstrukturen sowie die Mitgliedschaft, persönliche Nähe und qualifizierte Beratung als zielkonforme Schwerpunktthemen des Kompasses 2011 vor. Im Weiteren ging Herr Fröhlich auf externe Faktoren ein, die die Geschäftstätigkeit der Volksbanken und Raiffeisenbanken beeinflussen. So ist seit der Überwindung der Finanzmarktkrise - insbesondere im Privatkundengeschäft - ein starker, Konditionen basierter Verdrängungswettbewerb zu verzeichnen, welcher eine Herausforderung für die Zukunftsfähigkeit des genossenschaftlichen Geschäftsmodells darstellt. Nach Ansicht von Herrn Fröhlich wird diese Entwicklung noch deutlich an Schwung gewinnen, zumal insbesondere die Kunden der Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie der Sparkassen im Fokus der angreifenden Wettbewerber stünden. Zudem setzen veränderte Kundenanforderungen, wie beispielsweise ein gesteigerter Bedarf an individualisierten Einzellösungen, das Ertragsgeschäft bei gleichbleibenden oder steigenden Sach- und Personalkosten unter Druck. Ebenso gilt es für die Banken, effektiv auf den demografischen Wandel sowie ein verändertes Kommunikationsverhalten der Kunden zu reagieren. Dies schließe auch die Bereitschaft ein, proaktiv mit den unerwünschten Nebenwirkungen einer modernen Kommunikation, wie etwa der Verbreitung negativer Nachrichten, umzugehen. Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen legte Herr Fröhlich auf die zunehmenden regulatorischen Anforderungen, die insbesondere Ressourcen binden, deren Kosten zusätzlich zu verdienen sind. Mit Nachdruck wies er auf die Anstrengungen des BVR hin, die dieser unternimmt, um die besondere solidarische und starke Rolle der genossenschaftlichen FinanzGruppe, die sich zuletzt in der Krise bewährt hat, angemessen in den Regulierungsanstrengungen berücksichtigt zu wissen. Dennoch sei es angeraten, sich nicht in den „Schmollwinkel“ zurückzuziehen und auf Konfrontation zu setzen, sondern vielmehr einen konstruktiven und inhaltlichen Dialog mit den Regulierungsverantwortlichen zu führen. Insbesondere gelte es zu vermeiden, dass man sich gegenseitig in der FinanzGruppe die „Rockschürzen“ zerreißt und gegeneinander arbeitet. Wichtig sei es, die Erhöhung der Komplexität aus steigenden Regulierungsanforderungen, gepaart mit einer zunehmenden Informationsdichte und -geschwindigkeit sowie steigenden Kundenansprüchen im Bankgeschäft, zu akzeptieren und zu beherrschen, so Herr Fröhlich. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken müssen „lieferfähig“ bleiben und man dürfe nicht auf eine Nische hoffen, in der man diesen Entwicklungen gänzlich entkommen könne. Um diesen Herausforderungen entschlossen zu begegnen, verdeutlichte Herr Fröhlich die maßgeblichen Themen für die Jahre 2011 bis 2013. So müsse im Rahmen der Mitglieder- und Kundenorientierung ein Spagat zwischen einer Individualisierung nach außen und einer Standardisierung, insbesondere im Vertrieb, nach innen gelingen. Eine Differenzierung zu anderen Wettbewerbern sei insbesondere über die Marke und Mitgliedschaft zu erreichen. Kosten und Prozesse müssten ebenso optimiert werden wie die Erträge und das Pricing der Banken. Dem demografischen Wandel gelte es, durch Anpassung der Marktbearbeitung und der Personalarbeit zu begegnen. Im Weiteren seien der Multikanalvertrieb und das Internet effektiv in die Geschäftsstrategie zu integrieren. So hat der BVR jüngst einen „Web 1.0-Fitnesscheck“ für seine Mitgliedsbanken durchgeführt und ein ernüchterndes Ergebnis erhalten: Das Thema Multikanalbanking und Internet wird von einem Großteil der Banken nicht aktiv fokussiert. Dies, so Herr Fröhlich, sei auf lange Sicht ein klarer Nachteil. Die Kommunikation zu vereinfachen und vertrauensbildende Transparenz gegenüber Mitarbeitern und Kunden zu schaffen, forderte er weiter. Zudem müsse die Umsetzung der regulatorischen und risikoorientierten Anforderungen möglichst einfach und kapazitätsschonend gestaltet werden. An dieser Stelle verwies er noch einmal darauf, dass man sich nicht in eine Verweigerungshaltung zurückziehen dürfe, sondern konstruktiv arbeiten müsse, was jedoch in den Verbänden bereits unter Hochdruck geschehe. Abschließend forderte Herr Fröhlich noch einmal eindringlich auf, alsbald die notwendigen Aufgaben anzugehen, um die starke Rolle der Volksbanken und Raiffeisenbanken im deutschen Bankensystem zu erhalten und auszubauen.


Uwe Fröhlich

Dr. Wolfgang Baecker, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Westmünsterland eG, analysierte in seinem Vortrag die Fragestellung, ob die Regulierung das Geschäftsmodell Bank zerstört. Zu Beginn seiner Ausführungen machte Herr Dr. Baecker deutlich, dass es grundsätzlich sehr wohl vielfältige gute Gründe für die Regulierung von Banken bzw. staatliche Eingriffe in den Finanzsektor gibt, indem er einige bekannte Beispiele einer fehlgeschlagenen Selbstregulierung in den letzten vier Jahren aufgriff. Es gäbe keine Zweifel daran, ob ein Handlungsbedarf bestehen würde, so Herr Dr. Baecker, es gehe vielmehr darum, wie diesem tatsächlich Rechnung getragen werde. Um einen Eindruck von der Vielfalt der Regulierung zu geben, zeigte er aktuelle und künftige bzw. geplante rechtliche Rahmenbedingungen des Verbraucherschutzes und der Regulierung chronologisch auf und verdeutlichte damit die stetig wachsenden Anforderungen, denen Banken gerecht werden müssen. Dabei gab er zu bedenken, dass die einzelnen Maßnahmen an sich sicherlich eine Berechtigung hätten, nur dass das gesamte Spektrum an verordneten „Medikamenten“ auch überfordern und „krank“ machen könne. Der dargestellten grundsätzlichen Berechtigung der Regulierung ließ Herr Dr. Baecker die Frage folgen, warum es dabei jedoch auch „die Guten“ - die FinanzGruppe - trifft und hinterfragte diesbezüglich die Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Im Ergebnis hielt er fest, dass für das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken langfristig entscheidend sei, was „der Kunde will“ und die aktuelle Regulierung nicht die Ursache für Änderungsbedarfe ist. Um dies zu verdeutlichen stellte Herr Dr. Baecker die Anforderungen des Verbraucherschutzes in Form einer „Musterbank“ den Anforderungen von Kunden gegenüber und resümierte, dass es sich beim Verbraucherschutz im Ganzen – nicht in jedem Detail! – um nachvollziehbare Anforderungen handele, die nicht nur Folge der Regulierung an sich sind. Dieser Erkenntnis folgend thematisierte er die Konsequenzen für das Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Das genossenschaftliche Selbstverständnis, so Herr Dr. Baecker, passe hervorragend zur „Verbraucher-Musterbank“ und ermögliche eine seltene Chance zur Differenzierung im Bankenwettbewerb, die es zu nutzen gelte. Zweierlei Stoßrichtungen, die sich aus der Sichtweise der „Regulierung als unternehmerische Chance“ eröffneten, stellte er für die Positionierung im Vertrieb vor. Erstens müssen der Förderauftrag und die Mitgliedschaft als genossenschaftliche Alleinstellungsmerkmale konsequent als Kundenbindungsinstrument eingesetzt werden. So passten Aspekte wie die Nähe zu den Mitgliedern und Kunden, Werte, wie Vertrauen, Transparenz und Sicherheit durch Solidarität sowie die Mitwirkungsmöglichkeiten der Mitglieder, gut in die geänderten Wertegerüste und Prioritäten in der Gesellschaft. Zweitens gelte es, den Verbraucherschutz aktiv zu gestalten und zu leben, indem eine ganzheitliche, bedarfsorientierte Beratung als Kernkompetenz und -leistung sowie eine systematische Pflege des hohen Qualifikationsniveaus der Mitarbeiter nachhaltig etabliert werden. Natürlich, so Herr Dr. Baecker weiter, müsse sich eine solche „Musterbank“ auch rechnen und verwies auf die Möglichkeit, durch Standardisierungen gleichermaßen Kostenvorteile und Qualitätsvorteile zu erzeugen. Im Weiteren regte er an, auch andere von der Regulierung betroffene Bereiche aktiv zu gestalten, um die „Nase weiterhin vorn“ zu haben. Als solche nannte er Eigenkapitalanforderungen, Liquiditätsanforderungen, das Thema Fristentransformation, was nicht das „Ertragsfundament“ der Genossenschaftsbanken darstellen dürfe sowie einen nachhaltigen technischen Fortschritt und adäquate organisatorische Strukturen. Als Fazit formulierte Herr Dr. Baecker, dass die Regulierung nicht das Geschäftsmodell der VR-Banken zerstöre, sondern vielmehr eine große unternehmerische Chance darstelle, die genutzt werden sollte. Er schloss seinen Vortrag mit dem Zitat: „Jahrzehntelang haben die Genossenschaftsbanken versucht, wie die Großbanken zu sein. Gottseidank ist es ihnen nicht gelungen. Sie sollten jetzt versuchen, richtige Genossenschaftsbanken zu werden!“


Dr. Wolfgang Baecker

Effizienten Kostenstrukturen als Erfolgsfaktor im verschärften Wettbewerb widmete sich Jürgen Wache, Vorstandssprecher der Hannoverschen Volksbank eG. Zunächst stellte Herr Wache dafür die Hannoversche Volksbank eG und ihr strategisches Zielsystem vor. Der Unternehmensvision folgend ist das Handeln der Bank in immer dynamischeren Zeiten geprägt von der Bereitschaft zur Veränderung und der Fähigkeit zur Innovation. Wettbewerbsfähige Kostenstrukturen gilt es, durch standardisierte Prozesse und die Konzentration auf Hauptaufgaben zu schaffen. In diesem Sinne liegt es im Zielfokus der Hannoverschen Volksbank eG, Prozesse zu optimieren und zu standardisieren, In- und Outsourcing sowie Kooperationspotenziale zu nutzen, Service- und Leistungsversprechen zu etablieren sowie Steuerungsinstrumentarien weiterzuentwickeln. Herr Wache verdeutlichte die Notwendigkeit einer nachhaltigen Verbesserung der Kostenposition von Volksbanken und Raiffeisenbanken durch effizientere Prozesse und wettbewerbsfähige Kostenstrukturen. Um dies zu realisieren, stellte er organisatorische Kostensenkungsansätze zur Optimierung von Abläufen und zur Erzielung von Skaleneffekten vor. Dabei betonte er, dass es zunächst immer notwendig sei, im System besser zu werden, bevor man damit beginne, am System zu arbeiten. Herr Wache zeigte explizit mögliche Industrialisierungs- und Zentralisierungsgrade für unterschiedliche Tätigkeiten im Gefüge einer Bank auf. Im Folgenden ging er auf das Spektrum von Optimierungsmaßnahmen ein. So lassen sich viele Prozesse intern optimieren und Kompetenzen durch die Schaffung interner ServiceCenter bündeln. Kooperationen mit benachbarten Banken bieten etwa die Möglichkeit zum Leistungsaustausch oder zur Effizienzsteigerung durch einen gemeinsamen Personalpool. Mittels externer Dienstleister lassen sich einerseits Aufgaben kostengünstiger auf Fremdanbieter verlagern oder andererseits Erlöse durch die eigene Gründung eines Dienstleisters erzielen. Unabhängig von der konkreten Maßnahme seien in jedem Fall ein aktives Veränderungsmanagement, ein professionelles Projektmanagement und ein qualifiziertes Prozessmanagement von hoher Wichtigkeit. Seine allgemeinen Aussagen verdeutlichte Her Wache, indem er die Umsetzung konkreter Maßnahmen und die diesbezüglichen Erfahrungen in seinem Hause darlegte. So hat die Hannoversche Volksbank eG erfolgreich interne Maßnahmen durchgeführt und z. B. ein Kunden ServiceCenter oder die HanVB direkt etabliert. Kooperationen bestehen mit anderen Banken im Private Banking und bei der Ausbildung neuer Mitarbeiter. In punkto externer Dienstleister ist die Hannoversche Volksbank eG sowohl als Kundin wie auch als Gesellschafterin von Dienstleistern, beispielsweise für Zahlungsverkehrsbearbeitung oder Werttransporte, aktiv. An dieser Stelle verdeutlichte Herr Wache noch einmal die elementare Wichtigkeit, im System mit der Optimierung zu beginnen und dabei das Geschäftsprozessmanagement als unterstützenden Regelkreislauf für die strategischen Unternehmensziele zu nutzen. Im Kern, so hielt Herr Wache abschließend fest, sei die Industriealisierung von Dienstleistungen Geschäftsprozessmanagement und somit als strategische Führungsaufgabe zu betrachten, denn intern werde der Anfang gemacht. Er forderte dazu auf, die Initiative mit dem Geschäftsprozessmanagement zu starten und das Prozessmanagement mit einer Methode zur kontinuierlichen Verbesserung zu verbinden. Die moderne IT-Infrastruktur müsse ebenso wie das Outsourcing strategisch genutzt werden. Zudem betonte Wache, dass das Geschäftsprozessmanagement durch ein aktives Veränderungsmanagement mit den Führungskräften und Mitarbeitern begleitet und unterstützt werden müsse.


Jürgen Wache

Lokale Verankerung als Erfolgsfaktor in einem verschärften Wettbewerb thematisierte Heinz Hüning, Vorstand der Volksbank Heiden eG, in seinem Vortrag. Herr Hüning eröffnete seinen Vortrag, indem er anhand einiger ausgewählter Kennzahlen die erfolgreiche Entwicklung seiner Bank verdeutlichte und damit seiner anfänglichen These Ausdruck verlieh, dass auch das Geschäftsmodell kleiner Volksbanken und Raiffeisenbanken eine Zukunft habe. Anschließend ging er auf die wesentlichen Erfolgsdeterminanten ein. So hat die Volksbank Heiden eG eine konsequente Vertriebsausrichtung mit Betreuungskonzept etabliert. Eine schlanke Organisation sowie die Mitgliedschaft in der genossenschaftlichen FinanzGruppe als starken Verbund sind laut Herrn Hüning weitere Faktoren. Von wesentlicher Bedeutung sei aber die lokale Verankerung der Bank, wodurch eine Identifikation der Kunden und Mitglieder mit ihrer Bank geschaffen werde, die sich unübersehbar im Konzept der Volksbank Heiden eG widerspiegelt: Meine Bank. In seinen Ausführungen verdeutlichte Herr Hüning, dass sich ein solches gesellschaftliches Standing einer Bank keineswegs von alleine herausbilde, sondern der permanenten Anstrengung bedarf. Wichtigster „Anker“ seien in dieser Hinsicht die Mitarbeiter, denen letztlich die Verantwortung obliege, eine Beziehung zu Mitgliedern und Kunden zu entwickeln. Nicht zuletzt sei dabei auch die aktive Teilhabe großer Teile der Belegschaft am kulturellen Leben der Gemeinde Heiden mit für den Erfolg seines Hauses verantwortlich. Im Weiteren ging Herr Hüning auf die vielfältigen lokalen Engagements im gesellschaftlichen und kulturellen Leben als Teil der betriebswirtschaftlichen Strategie der Bank ein. Beispielhaft seien umfangreiches Vereinssponsoring, die Unterstützung von lokalen Kunstprojekten oder die Gründung einer Bürgerschaftsstiftung für Kunst und Denkmalpflege genannt. Aber auch die Mitgliedschaft als Alleinstellungsmerkmal von Genossenschaftsbanken wird von der Volksbank Heiden zur Schaffung eines Wir-Gefühls gezielt genutzt. So wird etwa regelmäßig eine Mitgliederzeitung herausgegeben und als Kommunikationsmedium gegenüber aktuellen und potenziellen Mitgliedern eingesetzt. Im Sinne eines aktiven Gemeinschaftsgefühls veranstaltet die Volksbank Heiden zudem regelmäßige Mitgliederveranstaltungen. Besondere Betonung erfährt die Rolle der Mitglieder als Eigentümer bei der Volksbank Heiden dadurch, dass sie bereits in der Firmierung und auf ihren öffentlichen Präsenzen im Internet etc. zum Ausdruck gebracht wird, indem regelmäßig die besitzanzeigenden Fürwörter „Meine“ und „Unsere“ im Kontext der Bank verwendet werden. Die Ausrichtung von Messen und Ausstellungen in den Räumen der Bank pflegt zudem einerseits die Beziehung zu bestehenden Kunden und Mitgliedern und erzeugt andererseits Leben in der Schalterhalle, wodurch potenzielle Kunden zum ersten Kontakt angeregt werden. Ein „guter Draht“ zur örtlichen Presse und insbesondere ein konsequentes Vorleben der lokalen Verankerung und Verantwortung durch den Vorstand sind, laut Herrn Hüning, weitere wesentliche Aspekte, die den Erfolg begründen. Zusammenfassend, so Herr Hüning, werde die Bank durch ihre lokale Verankerung zum Bestandteil des öffentlichen Lebens vor Ort. Dies fördere das Vertrauensverhältnis zu Mitgliedern und Kunden, was zum einen die Informationsversorgung für Bank und Kunde einfacher und günstiger macht, zum anderen aber insbesondere dazu führt, dass sich eine Beziehung entwickelt und die Bank nicht mehr einfach austauschbar gegen weniger vertraute Wettbewerber ist, was letztlich von wesentlicher Bedeutung für nachhaltigen Erfolg ist.


Heinz Hüning

Die Besonderheiten des Geschäftsmodells und der Werte in der genossenschaftlichen FinanzGruppe wurden unter der Moderation von Prof. Dr. Theresia Theurl auf dem Podium diskutiert, um der Frage nachzugehen, ob es differenzierter Lösungen für die genossenschaftliche FinanzGruppe bedarf. Dr. Friedrich Caspers, Vorstandsvorsitzender der R+V Versicherung AG, Carsten Graaf, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Meerbusch eG, Wilfried Guttmann, Vorstand der Volksbank eG Osterholz-Scharmbeck und Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender der Union Asset Management Holding AG, konnten dafür als Diskussionsteilnehmer gewonnen werden.


V.l.n.r.: Hans Joachim Reinke, Wilfried Guttmann, Prof. Dr. Theresia Theurl, Carsten Graaf, Dr. Friedrich Caspers
Dr. Friedrich Caspers
Hans Joachim Reinke
Wilfried Guttmann
Carsten Graaf
Einigkeit herrschte auf dem Podium in Punkto Regulierung. So sei diese gewiss mit Belastungen verbunden und in vielerlei Hinsicht werde sie den besonderen Gegebenheiten von Genossenschaftsbanken nicht gerecht, dennoch gelte es, konstruktiv und offensiv damit umzugehen, da man sie letztlich doch nicht gänzlich verhindern könne und solle. Regulierung, so Herr Reinke, sei ein „notwendiges Übel“, mit dem man positiv umgehen müsse. Weite Teile des Verbraucherschutzes seien daher im Sinne einer Qualitätsverbesserung zu sehen und anzupacken. Herr Graaf unterstützte dies und gab zu bedenken, dass die Volksbanken und Raiffeisenbanken seiner Meinung nach manchmal auf einem hohen Niveau klagen würden. Eine reelle Existenzbedrohung sehe er von Seiten der Regulierung nicht und gab für sein Haus an, gut gerüstet zu sein. Als Begründung für die geringe Würdigung der Stabilität und Stärke von Volksbanken und Raiffeisenbanken führte er insbesondere an, dass letztlich auch die entscheidenden Politiker nur „Getriebene“ seien, die sich in einer derzeit wenig bankenfreundlichen Gesellschaft behaupten müssten. Zur Regulierungsthematik ergriff auch Herr Fröhlich noch einmal das Wort und verdeutlichte die Aussagen aus seinem Vortrag, dass eine Beeinflussung der Regulierung zu Gunsten der Volksbanken und Raiffeisenbanken nur mit diplomatischem Geschick und konstruktiven Beiträgen, nicht aber mit Protest und Verweigerung und schon gar nicht mit einem gegenseitigem „Zerfleischen“ in der Gruppe zu erreichen sei. Zudem gab er zu bedenken, dass ein Großteil der Vorgaben heute von supranationaler Ebene komme, was die Lobbyarbeit des BVR erheblich erschwere. Dennoch, so Herr Fröhlich, scheue man keine Konfrontation und man lasse sich längst nicht alles gefallen. Angesprochen auf die Möglichkeiten, den regulativen Herausforderungen zu begegnen, verdeutlichte Herr Guttmann, dass man dies zweigeteilt angehen müsse. So sei auf der einen Seite wohl auf die Unterstützung des BVR zu setzen und andererseits müsse man auch mit Hilfe von Experten aktiv im eigenen Haus nach Lösungen suchen. Von besonderer Wichtigkeit sei es dabei, den Kunden und seinen Bedürfnissen allen regulatorischen Vorgaben zum Trotz zu entsprechen. An dieser Stelle verwies er auf die Wichtigkeit der Verbundunternehmen, die diesbezüglich mit ihren Produkten eine große Rolle spielen. Herr Guttmann wünscht sich jedoch ein etwas übersichtlicheres Produktportfolio, um es den Mitarbeitern der Banken besser zu ermöglichen, die Produkte „zu leben“. Neben geeigneten Produkten ist es seiner Ansicht nach von herausragender Bedeutung, den Faktor „Nähe“ und das Alleinstellungsmerkmal der Mitgliedschaft effizient im Geschäftsmodell zu nutzen, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Die Marke „Genossenschaftsbank“ mit all ihren starken Werten müsse „von Garmisch bis nach Sylt“ weiter „nach vorne“ gebracht werden.

Ebenfalls als überzeugte Verfechter der Zusammenarbeit von Primärbanken und Verbundunternehmen zeigten sich deren Vertreter auf dem Podium: Herr Reinke und Herr Dr. Caspers. Man sei froh, über dieses einzigartige Geschäftsmodell und stolz auf die Zusammenarbeit mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken, so Reinke. Zudem teile man die langfristig ausgerichtete Unternehmensphilosophie, für die es im Einzelfall auch mal angeraten sein könne, kurzfristige Erträge liegen zu lassen. Dr. Caspers ergänzte, dass es jedoch nicht immer leicht sei, das eine Verbundunternehmen für alle Genossenschaftsbanken zu sein. So gäbe es teilweise deutliche Unterschiede bei den Wünschen und Bedürfnissen der Banken, die eine gewisse Vielfalt notwendig machen würden. Um noch effizienter in der Zusammenarbeit zu werden und insbesondere das Lernen bei veränderten Wünschen zu beschleunigen, wünscht sich Herr Dr. Caspers eine bessere Verzahnung mit den Banken. Auf die Frage nach der Zukunft sagte er, dass es gelte, sich mehr und mehr mit dem Internet als Vertriebsmedium auseinanderzusetzen, um langfristig nicht den Anschluss zu verpassen: Junge Leute, so Herr Dr. Caspers, werden wir im Netz „kriegen“ müssen. Im Weiteren habe man bei der R + V Versicherung eine wesentliche Weichenstellung in Sachen Werbung vorgenommen. So passt Produktwerbung seiner Meinung nach nicht mehr in die heutige Zeit und erzeugt zunehmend weniger Resonanz, vielmehr müsse im Sinne einer umfassenden Versicherung stärker die Marke als Ganzes beworben werden. Das Thema Unternehmensidentität sieht auch Herr Reinke vor dem Hintergrund wesentlicher struktureller Veränderungen der Werte beim Kunden als prioritär an. So spielen Vertrauen und der Wunsch nach einem zuverlässigen Partner heute eine nie dagewesene Rolle bei Finanzfragen. Dies könne nicht in einem einzelnen Produkt verkörpert werden, sondern müsse vom ganzen Unternehmen – sowohl auf Seiten der Volksbank und Raiffeisenbank als auch auf Seiten der Verbundunternehmen – gelebt werden. Als Leitmaxime für sein Haus orientiere man sich in diesem Sinne an den vier Vs: „Vermögen vermehren, Vertrauen verdienen“. Gelingt es gemeinsam, sich erfolgreich dem gewandelten Kundenverhalten anzupassen sowie Transparenz und Sicherheit zu liefern, könne ein Kundenpotenzial erschlossen werden, das noch leicht über dem Vorkrisenniveau liege, so Herr Reinke.

Auf der Seite der Bankvorstände blickt Herr Graaf mit einem „lachenden und einem weinenden Auge“ in die Zukunft. So kann er heute von einer sehr loyalen und Ertrag bringenden Kundschaft der Generation 50Plus berichten, ist sich auf lange Sicht aber bewusst, dass diese Generation nicht unbefristet in ihrem Status verharrt. Eine wesentliche Frage ist daher in seinem Hause, welche Möglichkeiten bestehen, junge Menschen über Werte und Produkte langfristig an die Volksbank zu binden. Auch in Punkto Prozessoptimierung ist die Volksbank Meerbusch eG aktiv, um sich für die Herausforderungen der Zukunft zu rüsten. Allerdings, so Herr Graaf, geschehe dies stets vor dem Hintergrund, eine vollwertige Bank zu erhalten und nicht lediglich ein „Gerippe“ zu schaffen. Zudem agiere man mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen gegenüber den Mitarbeitern, auch wenn dies manchmal schmerzhaft sein könne. Kosten und optimierte Prozesse sind auch für Herrn Guttmann aktuelle Themen, die im Hause der Volksbank Osterholz-Scharmbeck eG aktiv angegangen werden, wobei er betonte, dass den genossenschaftlichen Werten dabei stets eine substanzielle Rolle zukomme. Für eine solide Zukunft, in der die Erfolgsgeschichte der genossenschaftlichen FinanzGruppe weitergeschrieben wird, forderte er alle Unternehmen auf, nach Kräften mitzuwirken. Von den Verbundunternehmen erhofft sich Guttmann insbesondere eine bessere Honorierung der Leistungen von Volksbanken und Raiffeisenbanken jenseits des Vertriebs, wie z. B. die Erfassung von Aufträgen oder andere Back-Office-Tätigkeiten im Rahmen von Verbundprodukten.

Zum Abschluss der Podiumsdiskussion legten alle vier Teilnehmer dar, was ihrer Meinung nach die Besonderheit ihres Unternehmens ausmacht, wie sie sich im Wettbewerb differenzierten und ob sie sich in der genossenschaftlichen FinanzGruppe ausreichend gewürdigt fühlen.

Als Besonderheiten seines Hauses sieht Herr Reinke das angebotene ganzheitliche Vermögensmanagement, dessen hohe Beständigkeit sowie die besonderen Menschen, die Tag für Tag ihr Bestes geben. Die Konzentration auf wichtige Themenbereiche und die exklusive Stellung als Anbieter genossenschaftsbankspezifischer Produkte sind seiner Meinung nach entscheidende Aspekte, um sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Im Verbund fühlt sich Herr Reinke mit seinem Unternehmen sehr gut aufgehoben und einer starken Loyalität ausgesetzt, wenngleich er nachdrücklich für mehr Verbindlichkeit bezüglich des Verbundgedankens warb. Herr Guttmann sieht die Stärken seiner Volksbank in einem modernen Gebäude und modernen Menschen mit Bezug zur Region und einem guten Arbeitsklima untereinander. Die sehr stark ganzheitlich ausgerichtete und wenig produktbezogene Beratung sieht er als differenzierendes Merkmal. Für die FinanzGruppe forderte Guttmann, dass der genossenschaftliche Grundgedanke stärker als Leitmotiv, auch für die Verbundunternehmen, fungieren solle. Die Besonderheiten der Volksbank Meerbusch eG liegen laut Herrn Graaf in der starken Ortsverbundenheit, der flächendeckenden Präsenz von Menschen in den Filialen sowie einer geringen Mitarbeiterfluktuation. Eine Differenzierung erfolge insbesondere über das soziale Engagement, wenngleich man sich dieses Merkmal mit den Sparkassen teilen müsse. In der FinanzGruppe werde man hervorragend unterstützt und fühle sich rundum wohl, so Herr Graaf. „Der“ genossenschaftliche Versicherer zu sein, stellte Herr Dr. Caspers als wesentlichen Vorteil heraus und verwies auf das bestehende Potenzial in den Kundenstämmen der Genossenschaftsbanken, welches kontinuierlich gehoben wird. Wirtschaftlichen Erfolg als einen wichtigen - aber eben nicht den einen - Faktor im Vordergrund sei das prägende Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb. Dr. Caspers lobte die sehr guten Beziehungen zu den Genossenschaftsbanken und gab ebenfalls an, sich in der FinanzGruppe bestens aufgehoben zu fühlen.


Die nächste Veranstaltung der Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ findet am 06. Februar 2012 in Münster statt.

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