Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Binnenstruktur des genossenschaftlichen FinanzVerbundes - Leistungen, Erlöse, Kommunikation

18. Juni 2007

Aula der Universität Münster im Schloss

Referenten:

  • Prof. Dr. Theresia Theurl
    Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster
  • Jens-Olaf Bartels
    Partner, Roland Berger Strategy Consultants
  • Theophil Graband
    Vorstand TeamBank AG Nürnberg
  • Dr. Mark Eisenegger
    Vorstand des European Center for Reputation Studies; Leiter des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich

Podiumsdiskussionsteilnehmer:

  • Werner Cordes
    Vorstandssprecher der Volksbank Ruhr Mitte eG
  • Heinz Hüning
    Vorstand der Volksbank Heiden eG
  • Hans-Joachim Reinke
    Vorstand der Union Investment Asset Management AG
  • Walter Weinkauf
    Verbandspräsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes Frankfurt e.V.



V.l.n.r.: Heinz Hüning, Jens-Olaf Bartels, Walter Weinkauf, Prof. Dr. Theresia Theurl,
Dr. Mark Eisenegger, Hans-Joachim Reinke, Werner Cordes

Zusammenfassung

Von Christian Strothmann, IfG Münster

Im Sommersemester 2007 fand die Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis im Gespräch" zum achten Mal in Münster statt. Spitzenvertreter aus Wissenschaft und Praxis diskutierten über die Binnenstruktur des genossenschaftlichen FinanzVerbundes. Die Veranstaltung widmete sich der aktuellen Thematik, wie der genossenschaftliche FinanzVerbund ausgestaltet sein soll, um eine effiziente Ausnutzung des Leistungsspektrums gewährleisten zu können.

Plenum

Prof. Dr. Theresia Theurl

Prof. Dr. Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen, stellte fest, dass sich der FinanzVerbund durch eine lange Tradition auszeichnet und als ein Wertschöpfungsnetzwerk angesehen werden kann. Für ein solches Netzwerk kennt man jedoch zahlreiche Erfolgsfaktoren. Diese gilt es auf den genossenschaftlichen FinanzVerbund zu übertragen. Wesentlich sei es, immer das ganze Netzwerk und nicht nur ein einzelnes Unternehmen zu sehen. Entsprechend gelte es stets das Netzwerkergebnis zu maximieren, wofür sich das Netzwerk Regeln geben müsse. Darüber hinaus braucht jedoch gerade ein solches Netzwerk wie der FinanzVerbund auch "weiche Faktoren" wie Vertrauen und eine Art "Toleranzkultur". In einem solchen Netzwerk tauchen stets widersprüchliche Forderungen auf. Diese Widersprüche gilt es jedoch als Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. Einerseits muss ein Netzwerk flexibel sein, um sich den dynamischen Veränderungen anzupassen, andererseits bedarf es auch einer gewissen Stabilität als Orientierung nach innen aber auch nach außen für den Kunden. Ein Netzwerk muss also Methoden finden, seine Struktur ändern zu können und dabei unverwechselbar zu bleiben.

Für ein Finanznetzwerk wie den FinanzVerbund bedeutet dies, dass er einerseits mit erheblichen Industrialisierungsmöglichkeiten konfrontiert ist, die unterschiedlichste Größenvorteile durch Verlagerung auf die Verbundebene ermöglichen, aber auch andererseits Dezentralisierungsnotwendigkeiten mit individualisierten Lösungen dezentralen Bindungs-, Anreiz- und Informationsvorteilen bestehen. Diese können in einem Netzwerk vereint werden. Dazu ist es jedoch nötig bestimmte Netzwerkkonstanten zu akzeptieren, transparente, verbindliche und sanktionierbare Regeln zu schaffen und eine Toleranzkultur und Vertrauen zu schaffen. Da in Netzwerken nie alle Eventualitäten durch Regeln abgedeckt sein können, kommt dem "Verbundvertrauen" eine Art Kitt-Funktion zu. Fehlt dieses, so arbeitet ein Netzwerk ineffizient. Derartige Maßnahmen führen schließlich zu Systemvertrauen, das "Energie aus Unterschieden" freisetzt.

Prof. Dr. Arnd Wiedemann

Jens-Olaf Bartels

Jens Olaf Bartels, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants, referierte über die „Leistungsbeziehungen im FinanzVerbund: Mehr als Leistung und Provisionen“ indem er drei Thesen aufstellte und diese detailliert mit Fakten unterlegte. Den Schwerpunkt bildete seine These, dass der FinanzVerbund nur als „integrierte Wettbewerbseinheit“ an nachhaltigen Wachstumschancen partizipieren könne. Um ein alternatives und differenziertes Wettbewerbsmodell zu schaffen, muss eine strategische Einheit geschaffen werden, die verteilte Kräfte des Verbundes gemeinsam zur Wirkung kommen lässt. Zudem sind eine einheitliche Plattform und ein gemeinsamer Markenauftritt notwendig. Der gemeinsame Risikoverbund ermöglicht schließlich eine gesteigerte Risikotragfähigkeit und verbessert die Refinanzierungsmöglichkeiten. Es ist wichtig, dass der Preis als Wettbewerbsfaktor nicht vernachlässigt wird. Der FinanzVerbund müsse sich diesem künftig im Bereich der Commodities, also der einfachen und völlig austauschbaren Produkte stellen. Gleichzeitig besteht dann die Möglichkeit die besonderen Dezentralitätsvorteile der Kundennähe bei höherwertigen Produkten auszuspielen. Jens-Olaf Bartels wies auch auf potenzielle Konfliktlinien im Verbund zwischen den Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie den Verbundunternehmen hin. Diese sollten jedoch nicht verdeckt werden, sondern vielmehr gelte es sich Methoden zur Bewältigung und Abwicklung dieser Konflikte zu schaffen. Dieser institutionale Konflikt könne dann zu einer „Triebfeder“ des Verbunds werden.

Dr. Friedrich Caspers

Theophil Graband

Theophil Graband, Vorstand der TeamBank AG Nürnberg, skizzierte das Geschäftsmodell easyCredit und zeigte die Entwicklung und Etablierung des easyCredit als Markenprodukt auf dem Ratenkreditmarkt auf. Er betonte dabei, dass ein Leistungswettbewerb förderlicher sei als ein Preiswettbewerb. Er begründete dies mit den Stärken der Direktbanken, die über Preisattacken ihren Marktanteil steigern und mahnte davor, dass die Primärinstitute versuchen dieselbe Strategie zu fahren. Sie sollen nicht mit ihren Schwächen sondern mit ihren Stärken in den Wettbewerb eintreten.

Jochen Speek

Dr. Mark Eisenegger

Im Anschluss analysierte Dr. Mark Eisenegger, Vorstand des European Center for Reputation Studies und Leiter des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich, das Vertrauen im und in den FinanzVerbund und hinterfragte dieses. Der Wertewandel hin zu Tradition, Loyalität und Stolz sowie weiteren Merkmalen macht auch nicht vor Genossenschaftsbanken halt. Er attestierte den Genossenschaftsbanken einen Reputationsvorteil, der sich gerade auf diese Merkmale stützt und begründete diesen anhand einer empirischen Untersuchung in der Schweiz. Für die Raiffeisenbanken in der Schweiz beobachtet man, dass sie eine außerordentlich hohe Reputation haben, die viel höher als jene der Großbanken oder der Kantonalbanken ist. Allerdings gelingt es Ihnen nicht, dieses in Beachtung in der Öffentlichkeit umzusetzen, hier liegen sie weit hinter den beiden anderen Bankengruppen und insbesondere hinter den Großbanken zurück.

Stephan Götzl

V. l. n. r.: Werner Cordes, Hans-Joachim Reinke, Prof. Dr. Theresia Theurl,
Walter Weinkauf, Heinz Hüning

In der von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierten Podiumsdiskussion wurden die heterogenen Interessen im Hinblick auf die gemeinsame Organisation des FinanzVerbundes kontrovers diskutiert. Aus dem genossenschaftlichen FinanzVerbund nahmen Werner Cordes,

Vorstandssprecher der Volksbank Ruhr Mitte eG und Heinz Hüning, Vorstand der Volksbank Heiden eG, als Vertreter der Primärinstitute sowie Hans-Joachim Reinke, Vorstand der Union Investment Asset Management AG und Walter Weinkauf, Verbandspräsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes Frankfurt e.V. teil. Unterschiedliche Interessenlagen zwischen großen und kleinen Primärinstituten sowie zwischen einzelnen Verbundunternehmen wurden analysiert und die hiermit verbundenen Gefahren für den FinanzVerbund diskutiert. Darüber hinaus wurden Vorstellungen über ein Vergütungssystem entwickelt, das zu einem fairen und effizienten Leistungsaustausch anhalten soll. Spielregeln müssen hierfür definiert und eingehalten werden, damit dieses System wettbewerbsfähig genutzt werden kann. Schließlich wurden gemeinsame Werte, der genossenschaftliche Leitgedanke sowie das Vertrauen in die Gruppe und die existierenden Abhängigkeiten zwischen den Akteuren als Bindeglieder des genossenschaftlichen Netzwerkes identifiziert, die durch die Optimierung der Wertschöpfungskette und einem Verbleib der Wertschöpfung im Verbund gestärkt werden sollen.


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