Wissenschaft und Praxis im Gespräch


Referenten: Christoph Börner, Gunter Kayser, Dankwart Plattner, Alfred Runge,

Podiumsdiskussionsteilnehmer: W erner Böhnke, Hartmut Schauerte, Theresia Theurl,
Friedel Fleck, Michael von Bartenwerffer, Joachim Siebert

Wissenschaft und Praxis im Gespräch

Die Finanzierung des Mittelstandes - eine Herausforderung für Genossenschaftsbanken

Von Cengiz Iristay , IfG Münster

23. Juni 2003

Am 23. Juni startete die neu konzipierte IfG-Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis im Gespräch". Sie löst das "alte Oberseminar" ab. Experten aus dem Mittelstand, dem Bankensektor und der Wissenschaft konnten für Vorträge und eine hochkarätige Podiumsdiskussion gewonnen werden.

Zum aktuellen Thema "Finanzierung des Mittelstandes - eine Herausforderung für Genossenschaftsbanken" waren vier Referenten geladen, die aus unterschiedlichen Perspektiven die Thematik beschrieben. Eine kontroverse und spannende Podiumsdiskussion rundete das Symposium ab. Das Resümee der Veranstaltung war einerseits ernüchternd: Der Mittelstand und damit das Rückgrat der Deutschen Wirtschaft befindet sich mehr denn je in einer tiefen Strukturkrise. Andererseits gibt es auch Hoffnung: Vertrauen, Sicherheit und Perspektive durch die Schaffung transparenter und leistungsfördernder Rahmenbedingungen.

Nach Ansicht von Dr. Gunter Kayser, vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn, seien vom Motor Mittelstand keine großen Impulse mehr wahrzunehmen und ein starker Rückgang der Investitionsbereitschaft deute sogar darauf hin, dass der Mittelstand nicht mehr in seiner ehemaligen Funktion als Puffer am Arbeitsmarkt dienen könne. Dabei seien die qualitativen Merkmale gar nicht so schlecht, denn eine mittelständische Unternehmung ist im Schnitt durch flache Hierarchien, hohe Transparenz, regionalen Bezug und jahrelange Hausbankbeziehungen geprägt. Die Einheit von Eigentum, Risiko und Kontrolle konzentriert sich dabei auf den mittelständischen Unternehmer, der auch unter dem Schlagwort "der Herr im Hause" bisher im Ruf stand z.B. alternativen Finanzierungsmodellen, frühen Nachfolgeregelungen und Kooperationen mit anderen Unternehmern kritisch gegenüber zu stehen. Jedoch hat sich dies inzwischen geändert: Sogar in sensiblen Bereichen wie F&E wird kooperiert und gemeinsam entwickelt. Dennoch gehen die Investitionspläne des Mittelstands rapide zurück.

Dr. Dankwart Plattner von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bestätigte, dass sich der Zugang zu Krediten erschwert hat und gerade kleinere Unternehmen davon betroffen sind. Er zeigte auf, dass der Wandel in der Unternehmensfinanzierung langsam vor sich geht. Traditionelle Finanzierungsformen (Innenfinanzierung und Bankenkredite) dominieren nach wie vor Instrumente wie z.B. Leasing und Beteiligungskonzepte.

Für Prof. Dr. Christoph Börner von der Universität Düsseldorf, der sich mit seinem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre insbesondere mit Finanzdienstleistungen beschäftigt, sollte es jedoch zu einer Veränderung im mittelständischen Finanzierungsverhalten kommen. Das Erschließen neuer Kapitalquellen bedeutet aber gleichzeitig auch ein Risiko, die Autonomie des mittelständischen Unternehmers teilweise an Kapitalgeber einzubüßen. In einer Studie konnte Prof. Börner allerdings die Vermutung bestätigen, dass Unternehmen nicht ihre Kapitalstruktur optimieren, sondern zu allererst bestehende Möglichkeiten von bekannten Finanzierungsformen ausschöpfen, bevor sie zu Alternativen übergehen. Demnach wurden in seiner Studie neue Finanzierungsformen auch als weitgehend irrelevant befunden. Sie zeigte ebenfalls auf, dass sich die Unternehmen sehr intensiv auf die Anforderungen von Basel II vorbereiten, operative Strukturen verbessern, jedoch die strategischen Parameter vernachlässigt werden. Konsequent forderte er deshalb eine Orientierung hin zur strategischen Kapitalstrukturplanung.

Als letzter Redner beleuchtete Bankdirektor Alfred Runge, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Burgdorf-Celle eG, die Krise des Mittelstands aus der Perspektive einer genossenschaftlichen Hausbank. Die härteren Umweltbedingungen setzen auch die Banken einem stärkeren Wettbewerb aus. Daraus resultiert, dass der eigene Anspruch Unternehmern eine vertrauensvolle Hausbankbeziehung mit Beratungs- und Betreuungsmodellen zu bieten, auch bankinternen Effizienzkriterien genügen müsse. Sie beeinflussen beispielsweise wie viele Finanzierungs- oder Branchenspezialisten bereitgehalten werden können. Dennoch müsse, so Runge, eine vertrauensvolle Hausbankbeziehung im Vordergrund stehen, auch wenn in Zukunft bei der Kreditvergabe die Marktchancen und die Unternehmensstrukturen stärker geprüft würden. So wäre es gerade die Pflicht einer guten Hausbank auch durch Ablehnung einer Kreditvergabe den Unternehmer letztendlich vor größerem Unheil zu bewahren, wenn die Marktchancen für aussichtslos befunden würden.

Ordnungspolitische Rahmenbedingungen im Zentrum der Podiumsdiskussion

In der anschließenden Podiumsdiskussion konzedierten Bankdirektor Werner Böhnke, Vorstandsvorsitzender der WGZ-Bank und Friedel Fleck, Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank, Düsseldorf zwar, dass die Finanzierung des Mittelstandes schwieriger geworden sei. Es könne jedoch nicht von einer bankseitigen Kreditklemme gesprochen werden. Gesamtwirtschaftliche Entwicklungen zwingen vielmehr auch Banken zu effizienterem Wirtschaften. So sei es legitim, wenn nicht sogar die Pflicht-Kreditvergaben transparenter zu gestalten und am Markt auszurichten, alleine schon, um das Bankengefüge in Deutschland nicht zu gefährden. Außerdem würde, so Fleck, für 90% der Kreditvergaben Basel II gar nicht greifen. So scheint es, dass die Klage über eine schwierigere Finanzierung zwar laut wird, jedoch darüber hinwegtäuscht, dass die Investitionsbereitschaft dramatisch gesunken ist und - so Böhnke - Leistung gesellschaftlich nicht mehr anerkannt werde.

Auch Hartmut Schauerte, Mitglied des Deutschen Bundestags und mittelstandspolitischer Sprecher der CDU/CSU Fraktion stellte fest, dass mit der Klage über die Kreditvergabepraxis Opfer zu Tätern gemacht würden. So stünden Banken vor der Anforderung, dass starke mittelständische Unternehmen mit reduziertem Investitionsverhalten und kleineren Gewinnen die Krise aussitzen wollten und schwächere mittelständische Unternehmen zu überstürzten Angstinvestitionen genötigt seien - was umso kritischer von Banken überprüft werden müsse.

Er warb für die Einführung kleiner Aktiengesellschaften für den Mittelstand, die eine Finanzierung durch lokale Beziehungsnetzwerke und eine rechtliche Absicherung für den einzelnen Unternehmer darstellen könnte. Doch es seien vor allem auch die Unternehmen, die von sich aus ihre "Hausaufgaben" zu machen hätten.

Von der Seite der Wirtschaft waren Michael von Bartenwerffer, Sprecher der Geschäftsführung der Winkhaus Holding sowie Joachim Siebert, Vorstandsvorsitzender der Ariston-Nord-West-Ring eG, angetreten, um aus der Perspektive erfolgreich geführter mittelständischer Unternehmen die tiefgreifende Strukturkrise des Mittelstands aus der Praxis heraus zu beleuchten. Selbst bei hoher Kapitalbildung, Bestände- und Forderungsoptimierung sowie transparenter und langfristiger strategischer Ausrichtung eines mittelständischen Unternehmens ist es, so von Bartenwerffer, schwer nach Steuern überhaupt Gewinne zu erzielen. Bei geplanten, europäischen Spitzensteuersätzen wie beispielsweise von 19% in Polen, müsse sich ihm zu Folge der Standort Deutschland grundlegend wandeln. Ein solches Instrument sei der verfehlten "Ich-AG" vorzuziehen. Einig sind sich beide, dass das Vertrauen in der Wirtschaft derzeit nicht vorhanden sei.

Die von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierte Podiumsdiskussion war in puncto Expertenwissen, Engagement und Offenheit der Teilnehmer der eigentliche Höhepunkt des Abends. So bleibt auch über die Podiumsdiskussion hinaus festzuhalten, dass für die Bewältigung der tiefen Strukturkrise ordnungspolitische Maßnahmen wie auch unternehmerisches Engagement und seine gesellschaftliche Anerkennung erforderlich sind. Die Perspektiven der Finanzierung des Mittelstandes werden also primär von ordnungspolitischen Weichenstellungen bestimmt und sind erst in zweiter Linie abhängig von Finanzierungstechniken.

Das Foyer des H1

Alfred Runge

Das Foyer des H1
Alfred Runge
von links nach rechts:
  Werner Böhnke, Hartmut Schauerte, Theresia Theurl,
Friedel Fleck, Michael von Bartenwerffer, Joachim Siebert
 

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