8. IfG-Workshop

Genossenschaften: Internationale Aspekte

22.10.2002

Internationale Aspekte von genossenschaftlichen Aktivitäten bildeten den Inhalt des 8. IfG-Workshops am 22. Oktober 2002. Dr. Paul Armbruster, der Leiter der Abteilung "Internationale Beziehungen" des DGRV und neuer Generalsekretär der IRU (Internationale Raiffeisen-Union) war zu Gast im IfG Münster. Er berichtete nicht nur über die internationale Zusammenarbeit von Genossenschaften und ihrer Verbände, sondern über zahlreiche Projekte des Aufbaus von Genossenschaften in Entwicklungslän-dern und sich entwickelnden Volkswirtschaften sowie in Transformationsökonomien.
Er betonte die Bedeutung der institutionellen Voraussetzungen in Form von Regeln der Bankenauf-sicht sowie des Genossenschaftsrechts. In beiden Kategorien stellte er konkrete erfolgreiche und weniger erfolgreiche Fälle vor. Er schilderte den Wettbewerb von unterschiedlichen Interpretationen der genossenschaftlichen Organisationsform und der dahinter stehenden Vetreter, der in den Transformationsökonomien derzeit stattfindet. Als Hintergrund des Engangements in den entsprechenden Län-dern sind der Aufbau von Kontakten für deutsche Genossenschaften sowie deren Unterstützung in der Gewinnung von neuen Märkten und Kooperationspartner zu sehen.
IfG-Mitarbeiter Dipl.-Jurist Gerhard Specker sprach über sein Forschungsprojekt "Besteuerung von Genossenschaften im europäischen Kontext". In zahlreichen europäischen Steuerrechtsordnungen bestehen neben der Einordnung der Genossenschaft als Körperschaftsteuersubjekt Sonderregelungen, die auf die besondere ökonomische und rechtliche Situation der Genossenschaften Rücksicht nehmen. Dieses Sondersteuerrecht muss sich nicht nur in die nationalen Steuerrechtsordnungen ein-fügen lassen, sondern auch den Anforderungen des jeweiligen nationalen Verfassungsrechts und des Europarechts standhalten. Zwar verweist die kurz vor der Verabschiedung stehende Verordnung über die Europäische Genossenschaft für deren Besteuerung auf die nationalen Rechtsordnungen, doch wird die konsequent voranschreitende Harmonisierung auch zu Vorgaben für die Unternehmensbesteuerung führen, die dann alle Genossenschaften in der Europäischen Union betreffen wird. Vor diesem Hintergrund wird das genossenschaftliche Sondersteuerrecht in Deutschland und Italien, einem Land mit einem starken und vielfältigen Genossenschaftswesen, untersucht. Dazu werden insbesondere das Anforderungsprofil und die Rechtfertigung des genossenschaftlichen Steuerrechts analysiert. Dr. Armbruster berichtete in diesem Zusammenhang von einer intensiven Diskussion in Spanien über die Aufrechterhaltung von steuerlichen Sonderregelungen für Genossenschaften.
IfG-Mitarbeiterin Dipl.-Kfm. Kerstin Liehr-Gobbers stellte anschließend ihr Projekt "Erfolgsfaktoren des Lobbyings in Brüssel - Konzeptualisierung, Analyse und Handlungsempfehlungen für Genossenschaf-ten" vor. Bis zu 80 % der wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden von der EU vorgegeben oder bestimmt, was den Handlungsspielraum europäischer Unternehmen nachhaltig zu strukturieren vermag. Somit haben auch die Genossenschaften ein strategisches Interesse an Informationen über die Erfolgsfaktoren zur Beeinflussung der gesetzgebenden Arbeit in ihrem Sinne. Die zu diesen Fragen vorliegende Literatur zeichnet sich entweder durch eine mangelnde Theorieleitung oder aber durch eine politikwissenschaftliche Perspektive aus.
Darüber hinaus können bisher Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen den Erfolgsfaktoren unter-einander sowie zwischen diesen und dem Erfolg nur vermutet werden. Mit einem Rekurs auf ökono-mische Theorien und multivariate Analyseinstrumente will sie diese Forschungslücke schließen. Dabei werden auf der Grundlage des Literaturstudiums sowie aus den Erkenntnissen aus Studien und Expertengesprächen Faktoren abgeleitet, welche die Einflussnahme auf die europäischen Entschei-dungsträger determinieren. Die jeweiligen Konstrukte werden diskutiert und definiert, und daran anschließend anwendungsbezogene Hypothesen abgeleitet, die auf Basis einer schriftlichen Befragung von Lobbyisten in Brüssel überprüft werden sollen. Im Anschluss daran, werden Implikationen für erfolgreiches Lobbying der Genossenschaften in Europa abgeleitet.
Die Analyse der internationalen Aktivitäten von Genossenschaften und ihrer Verbände, die Entwicklung der entsprechenden Rahmenbedingungen sowie die Vertretung der Interessen deutscher Genossenschaften im internationalen Entscheidungsfindungsprozess zählen zu den Aktivitätsschwerpunkten des IfG Münster.

Impressum | © 2013 IfG Münster
IfG Münster
Am Stadtgraben 9 · 48143 Münster
(0251) 83-2 28 90 (Telefon) · (0251) 83-2 28 04 (Fax)