Risikomanagement in Finanzverbünden,
12. November 2007, Mövenpick Hotel Münster


Tageszusammenfassung

Risikomanagement in Finanzverbünden,

Am 12. November 2007 hat das IfG in Kooperation mit dem Kommunalwissenschaftlichen Institut (KWI) der Universität Münster und der HSH N Financial Markets Advisory AG eine Tagung zu dem Thema „Risikomanagement in Finanzverbünden“ durchgeführt. Neben zahlreichen Vorständen von Genossenschaftsbanken und Sparkassen haben auch Berater und Wissenschaftler an der Veranstaltung teilgenommen.
Die Referenten und Teilnehmer wurden von der geschäftsführenden Direktorin Frau Prof. Dr. Theurl, dem Direktor des KWI Herrn Prof. Dr. Janbernd Oebbecke und dem Vorstand der HSH N Financial Markets Advisory AG Herrn Matthias Oetken begrüßt und von den Inhalten der Vorträge kurz unterrichtet.

Matthias Oetken
Prof. Dr. Janbernd Oebbecke
Prof. Dr. Theresia Theurl

Der erste Vortragsblock befasste sich mit den Risikotransfers in Finanzverbünden. Zum Auftakt beschäftigte sich Michael Fraedrich, Mitglied des Vorstandes der WGZ Bank AG, mit dem  Kreditrisikotransfer im Regionalen FinanzVerbund. Die Genossenschaftsbanken können solche Kreditrisikotransfersysteme nutzen, um Klumpenrisiken zu reduzieren. Ein solches System steht den Volksbanken und Raiffeisenbanken mit WGZ Loop zur Verfügung. Es handelt sich dabei um ein Kreislaufmodell, in dem eine Bank Risiken in einen Pool transferiert und gleichzeitig Risiken aus diesem zurücknimmt. Bei beiden Transaktionen wird lediglich das Kreditrisiko auf der Basis eines Credit Default Swap transferiert. Aufgrund von Diversifikationseffekten lassen sich so Klumpenrisiken abbauen und der Credit-Value-at-Risk markant reduzieren. Damit einher geht natürlich auch eine Reduzierung des ökonomischen Eigenkapitals, woraus dann eine Erweiterung des Rahmens für neue Kreditverträge folgt. Die Bank kann sich so gegen schwerwiegende oder totale Kreditausfälle „absichern“.

Michael Fraedrich (WGZ Bank AG)

Anschließend betrachtete Herr Dr. Detlef Bargmann von der HSH N Financial Markets Advisory in Kiel die Investitionen in gruppeninterne Kreditrisiken aus Sicht der Ertrags-Risiko-Diversifizierung. Das Pooling von Kreditrisiken ermöglicht einerseits eine Risikosteuerung. Andererseits stellt es ein Instrument der Diversifikation dar. Zu beachten bleibt aber, dass die Vorteilhaftigkeit eines Investments oder Desinvestments in gepoolte Kreditrisiken wesentlich von der Sichtweise abhängt. In einer isolierten Sichtweise steht das Kreditportfolio im Zentrum der Analyse, andere Portfoliobestandteile werden ausgeblendet. Bargmann demonstrierte an einem Beispiel eindrucksvoll, dass in diesem Fall kaum eine Ertragsverbesserung bei konstant gehaltenem Risiko möglich ist. Erst ein ganzheitlich ausgelegter Ansatz, der sowohl das gesamte Portfolio als auch weitere Investmentklassen betrachtet, kann zu markanten Ertragsverbesserungen führen. Erst die Integration dieses gesamten „Investmentuniversum“ ermöglicht solche Verbesserungen in der Risiko-Ertrags-Struktur.
Bargmann betonte auch, dass es hierfür kein allgemeingültiges Rezept geben kann. Vielmehr müssen als erstes stets die Ziele und Nebenziele der individuellen Bank ermittelt und untersucht werden. Erst vor diesem Hintergrund kann dann eine sinnvolle Optimierung der Kosten-Risiko-Struktur und entsprechende Sensitivitätsanalysen durchgeführt werden.

Dr. Detlef Bargmann (HSH N Financial Markets Advisory)

Prof. Dr. Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, referierte über die Kriterien für das erfolgreiche Management von Problemkrediten. Hierzu stellte er die These auf, dass ein erfolgreiches Problemkreditmanagement nicht mehr ohne ein enges Zusammenspiel mit den Kapitalmärkten möglich ist. Der Notwendigkeit des Problemkreditmanagements kann so mit der Dimension Markt begegnet werden. Die Beachtung der Marktperspektive ermöglicht es schließlich, die richtigen Risiken im Portfolio zu halten und die nicht oder nicht optimal beeinflussten Risiken und die aus Portfoliogesichtpunkten unerwünschten Risiken an den Markt abzugeben. Im Rahmen des Problemkreditmanagements müssen zwei strategische Grundüberlegungen angestellt werden. Im ersten Schritt ist zu klären, ob der Kredit in der Bankbilanz verbleiben soll oder diese verlässt. Anschließend ist im zweiten Schritt zu klären, ob die Abwicklung oder Sanierung selbst durchgeführt werden oder dies extern geschehen soll. Erfolgsfaktoren beim Kreditverkauf sind zum Beispiel die Reputation am Kreditrisikomarkt und erfahrenes Personal mit Kapitalmarktexpertise. Burghof betonte auch den Nutzen, wie zum Beispiel eine Optimierung des ökonomischen und des regulatorischen Eigenkapitals, der sich durch ein aktives Kreditportfoliomanagement realisieren lässt.

Prof. Dr. Hans-Peter Burghof (Universität Hohenheim)

Einen praktischen Erfahrungsbericht über den Risikotransfer lieferte Herr Gerhard Fiand, Vorstand der Landessparkasse zu Oldenburg. Die aktive Steuerung der Kreditrisiken wurde bei seinem Institut frühzeitig als notwendig erachtet und implementiert. Fiand stellte zunächst die dafür notwendigen Instrumente zur Absicherung von Kreditrisiken dar. Hierzu zählen der Konsortialkredit, der Single-Credit Default Swap und der SparkassenKreditbasket. Er betonte jedoch, dass der Risikotransfer mit diesen Instrumenten nicht ohne Probleme abgewickelt werden konnte. So ergaben sich bei der Risikoabgabe und der Risikoübernahme Anfangsprobleme, die es zu beheben galt. Schließlich gelang es jedoch ein Produkt zu erzeugen, das dem Gedanken einer aktiven Kreditportfoliosteuerung sehr nahe kommt.
Fiand hob hervor, dass die LzO diese Instrumente auch als Experiment betrachtet hat, um hiermit erste – positive, wie er betonte – Erfahrungen zu sammeln. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei die Partnerlandesbank NORD/LB, bei der er einerseits die positive und hilfreiche Unterstützung in der Projektumsetzung lobte, andererseits aber auch die geringe Auswahl an Risiken und Branchen beim Krediterwerb kritisierte.

Gerhard Fiand (Landessparkasse zu Oldenburg)

Der zweite Vortragsblock widmete sich speziell den Risiken in den Finanzverbünden. Manfred Üffing Verbandsgeschäftsführer des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, referierte über das gemeinsame Risikomanagement in der Sparkassen-Finanzgruppe Hessen-Thüringen und berichtete über erste Erfahrungen. Er erläuterte sehr detailliert die Bestandteile des Neuen Verbundkonzeptes und ging auf die Organisation des Risikomanagements im Verbund ein. Neben den gemeinsamen Geschäfts- und Risikostrategien wurden die strategischen Verbundziele näher erläutert. Anschließend stellte er das Risikotransparenzsystem vor und konkretisierte dieses. Er differenzierte dabei zwischen dem Risikotransparenzsystem im engeren und im weiteren Sinn. Üffing betonte auch die starken Durchgriffsrechte, die diese neue Struktur der Finanzgruppe ermöglicht. Dieses geht von einer hohen Transparenz in den Risikolagen der einzelnen Sparkassen, die bei der Entstehung von Klumpenrisiken auf Gruppenebene auch spezielle Eingriffsmöglichkeiten für die Finanzgruppe ermöglicht. So hatte die Finanzgruppe Hessen-Thürigen aufgrund dieser tiefgehenden Transparenz in der Subprime-Krise des vergangenen Sommers sehr schnell einen Überblick über ihre – geringe – Risikoexposition. Die Betonung der Gruppe als Risikoeinheit ermögliche es auch – in Absprache mit den Verwaltungsräten – „schlechte“ Vorstände zu entlassen.  
Üffing subsumierte, dass das Verbundkonzept mit diesen beiden Komponenten als richtungsweisend angesehen werden kann und zudem auf Zustimmung bei den Verbundinstituten stößt. Des Weiteren wurde die Zusammenarbeit optimiert und die Risikolage sowie viele betriebswirtschaftliche Kennzahlen haben sich erheblich verbessert. Zudem wurde das Gesamtkonzept von den Ratingagenturen langfristig als tragfähig eingestuft.

Manfred Üffing (Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen)

Bernd Ackermann, Direktor bei Standard & Poor’s Ratings Services, stellte in seinem Vortrag den Ratingansatz von S & P für Finanzverbünde vor. Nach einer kurzen Einführung in die Begrifflichkeit des Ratings, widmete er sich den Ratings unterschiedlicher Finanzverbünde und stellte diese vergleichend gegenüber. Anschließend führte er den Ratingansatz von S & P ein. Hervorzuheben sind dabei die Ratingfaktoren, die für jedes Land und für jedes Institut individuell zugrunde gelegt werden. Als Kernfrage ergibt sich schließlich, ob eine Bonitätsanalyse auf Basis von Einzelinstituten oder der Bankengruppe als Ganzes erfolgen soll, was auch von der wechselseitigen Verflechtung sowohl in Bezug auf die Governancestrukturen als auch in Hinblick auf die gegenseitige Haftung und das gemeinsame Risikomanagement abhängt. Das Vorgehen erläuterte er an den Beispielen Credit Agricole, des deutschen genossenschaftlichen Finanzverbundes, der Finanzgruppe Hessen-Thüringen und der italienischen Banche di credito cooperativo.

Bernd Ackermann (Standard & Poors)

Herr Jochen Lehnhoff, Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, beschäftigte sich mit dem Verbundrating des genossenschaftlichen FinanzVerbundes und hob den strategischen Nutzen des Ratings für den FinanzVerbund hervor. Er verdeutlichte die aufsichtsrechtlichen Bezugspunkte der einheitlichen Bonität. Zu letzteren zählen Basel II und die Nullanrechnung nach § 10c KWG. Letzteres sei – so Lehnhoff – ein erheblicher, weil geldwerter Vorteil für den FinanzVerbund. Schließlich ging Herr Lehnhoff auf die Marktstellung und die Imagebildung aufgrund des Ratings für den FinanzVerbund ein. Er attestierte dem Verbundrating einen strategischen Nutzen, der Solvenz, Zuverlässigkeit und Stabilität sowie Transparenz belegt. Abschließend hielt er fest, dass das Verbundrating für das starke finanzielle Profil, die hohe Marktorientierung und das zukunftsorientierte Geschäftmodell des genossenschaftlichen Bankensektors stehe.

Jochen Lehnhoff (Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken)

Die Sicht der Primärbank zum Verbundrating stellte Günter Vogt, Generalbevollmächtigter der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold eG, dar. Er stellte heraus, dass das positive Verbundrating der Ratingagentur FitchRatings von A+ einen hohen Wert für den Gesamtverbund besitzt, deren Teil die Volksbank sei. Im unmittelbaren operativen Geschäft der Primärbank ergäben sich dagegen kaum Effekte. Diese seien eher mittelbar zu verspüren. Vogt stellte Möglichkeiten dar, wie das Ergebnis des Ratings für sein Institut genutzt werden konnte. Grundlegend hierfür ist eine offensive Kommunikation. Als mögliche Einsatzfelder für das Verbundrating nannte er neben der aktiven Verbreitung bei den Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit auch die Neukundenakquisition, zum Beispiel im Bereich des gehobenen Individualkundengeschäft oder auch bei institutionellen Kunden.

Günter Vogt (Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold eG)

Zum Abschluss wurden in der Podiumsdiskussion die Perspektiven für die deutschen Finanzverbünde diskutiert und analysiert. Teilnehmer der Diskussion waren Herr Jochen Lehnhoff, Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und Herr Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Sparkassen und Giroverbandes. Die Moderation übernahm Frau Prof. Theresia Theurl.

Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis, Prof. Dr. Theresia Theurl, Jochen Lehnhoff

Zunächst wurden die Ratings der beiden Finanzverbünde reflektiert. Beide Verbünde verfügen über zwei Ratings, diese sind aber insgesamt von vier unterschiedlichen Ratingagenturen angefertigt worden. Beide Verbünde verfügen über ein ähnlich gutes Rating. Frau Prof. Theurl argumentierte, dass die Verbünde in Brüssel kritisch gesehen werden und richtete die Frage, welche regulatorischen Risiken aus Brüssel zu erwarten seien, an beide Teilnehmern. Beide Diskutanten hoben hervor, dass ihre dezentralen Finanzverbünde, trotz intensiver Bemühungen, noch zu wenig Verständnis in Brüssel erfahren. Kartellrechtlich befürchten beide Referenten auch keine Bedrohung, da sie zwar ähnliche Interessen in Brüssel vertreten, aber der Wettbewerb zwischen den beiden Institutsgruppen bestehen bleibt.

Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis (Deutscher Sparkassen- und Giroverband)

Frau Prof. Theurl hinterfragte anschließend die Internationalisierungsbestrebungen der beiden Verbünde. Die Marktbearbeitung auf der europäischen Ebene wurde von Herrn Lehnhoff als wichtig eingestuft, um den Kunden zu begleiten, aber sie wird den Genossenschaftsbanken mit einigen wenigen Ausnahmen an Grenzgebieten nicht ermöglicht, da ihr Geschäftsgebiet regional festgelegt ist. Auch Herr Dr. Schackmann-Fallis argumentierte, dass eine effiziente Kundenbegleitung auf der europäischen Ebene nötig sei, aber Internationalisierungsstrategien, wie zum Beispiel Fusionen oder Kapitalbeteiligungen, Aufgabe der Landesbanken seien. Daraufhin wollte Frau Prof. Theurl wissen, ob sektorübergreifende Kooperationen zwischen Volksbanken und Sparkassen denkbar wären. Sowohl Herr Lehnhoff als auch Herr Dr. Schackmann-Fallis betonten, dass Gemeinsamkeiten zwischen den Instituten vorherrschen, am Markt sollten sie aber nicht zuletzt wegen des Kunden getrennte Wege gehen. In ausgewählten Bereichen wäre aber eine Kooperation denkbar.

Jochen Lehnhoff (Vorstand Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR))

Abschließend fragte Frau Prof. Theurl nach einer Einschätzung von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion, wo die Finanzverbünde im Jahr 2015 stehen werden. Herr Lehnhoff entgegnete, dass dann die Leistungsfähigkeit, die Verbundenheit zu der Region, die Dezentralität und die Nähe zum Kunden immer noch eine ausschlaggebende Rolle spielen werden. Herr Schackmann-Fallis bestätigte diese Einschätzung für den Finanzverbund der Sparkassen und fügt hinzu, dass der Wettbewerb in der Fläche zwischen Sparkassen und Genossenschaftsbanken im Jahr 2015 weiter bestehen wird.


Impressum | © 2013 IfG Münster
IfG Münster
Am Stadtgraben 9 · 48143 Münster
(0251) 83-2 28 90 (Telefon) · (0251) 83-2 28 04 (Fax)