Alle guten Dinge sind nicht drei: Geld, Gier und Gemeinwohl

16. März 2012


Prof. Dr. Hartmut Kliemt
Vizepräsident Forschung, Philosophie und Ökonomik an der Frankfurt School of Finance & Management

Zusammenfassung des Vortrages

„Es geht nicht um den Widerspruch von Geld, Gier und Gemeinwohl, sondern um deren weitgehende Vereinbarkeit“, so das Ergebnis einer Analyse von Prof. Dr. Hartmut Kliemt, Professor für Philosophie und Ökonomik sowie Vizepräsident für Forschung an der Frankfurt School of Finance& Management. Anlässlich der Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Theresia Theurl, stellte er die gesellschaftliche Kritik hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen Geld, Gier und Gemeinwohl auf den Prüfstand. In einer interdisziplinären Analyse, die ökonomische und philosophische Ansätze nutzte,ging Prof. Kliemt der Frage nach, welchen Einfluss Geld und Gier auf das Gemeinwohl einer Gesellschaft haben.



Obgleich das Geld in der Gesellschaft nun häufig negativ eingeschätzt wird, betonte Prof. Kliemt vor allem die Bedeutung des Geldes als wertneutralen Wertmaßstab. Da sich in der Gesellschaft jeder einer Bewertung durch andere stellen muss, jeder seine Wünsche durch Gebote ausdrücken darf und jedes Individuum einer großen Gesellschaft über die Möglichkeit verfügt, seine eigene Wertvorstellung in Geld auszudrücken, besitzt modernes Geld gemäß Prof. Kliemt drei Eigenschaften: Es ist allgemein, abstrakt und demokratisch. In letzterer Eigenschaft sieht er eine Besonderheit der großen westlichen Gesellschaften, in denen das Geld das Schmiermittel der Vertragsfreiheit darstellt, die den eigentlichen Kern der Privatrechtsgesellschaft darstellt. In dieser übernehmen Geld und Preis eine Koordinierungsaufgabe. In einer wertepluralen großen Gesellschaft ist ein “wertneutraler Wertmaßstab” notwendig. Doch die einzelnen Menschen sind meist gegen eine Anwendung der zielneutralen Bewertung auf sie selbst. Doch Geld stellt eine zivilisatorische Errungenschaft mit großer Bedeutung dar.



Auch mit dem Begriff der Gier geht gemäß Prof. Kliemt bei vielen Menschen eine negative Assoziation einher. Dabei gab er zu bedenken, dass es in der Natur des Menschen liege, stetig nach Verbesserung zu streben. In seiner Analyse verdeutlicht er, dass Gier für eine Gesellschaft durchaus positive Wirkungen entfalten kann. Obgleich die Gier eines Einzelnen nicht immer mit negativen Absichten assoziiert werden muss, können dennoch negative Auswirkungen auf Individuen ausgehen. Um solche zu verhindern sei die Beachtung von Regeln wichtig. Menschen agieren, um nicht zurückzufallen, sie verteidigen sich gegen andere. Sie streben rastlos nach mehr, nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen. Dies ist die Logik des Wettlaufs. Ist dies bereits Gier fragte der Referent? Menschen wollen sich zwar selbst verbessern, sind aber gegen diesbezügliche Konkurrenz durch Andere. Einer daraus abgeleiteten undifferenzierten Beschränkung des Wettbewerbs durch Regulierungen steht der Referent daher kritisch gegenüber. So solle eine neue Regulierung stets mit einem Verfallsdatum ausgestattet werden.



Bei der Betrachtung des Gemeinwohls zeigt Prof. Kliemt die Popularität des Rufs nach Moral und Verantwortung anhand von Beispielen auf. Doch jeder glaubt, man riefe nach mehr von seiner Moral. Wenn man die Moralrufer mit ihrem Vorhaben ernstmachen ließe, dann wäre das Ende des Pluralismus und der freien Gesellschaft gekommen, befürchtet Prof. Kliemt. Zur entscheidenden Frage wird also, nach welcher Ethik und nach welchem Rechtssystem wir rufen sollten. Vor diesem Hintergrund definiert Prof. Kliemt die Ethik als eine „Fahrordnung“ für den Verkehr unter den Menschen, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Hierzu führt er u.a. das Beispiel der moralischen Pflichten eines unternehmerischen Entscheidungsträgers gegenüber seinen Eigentümern auf. Da die Unternehmensausrichtung anhand des Shareholder Values eine Koordinierung der Interessen der Eigentümer darstellt, sieht Prof. Kliemt im Gegensatz zur populistischen Auffassung hierin kein unmoralisches Konzept. Generell bestehe das Gemeinwohl vor allem darin, die Einzelnen soweit wie möglich ihre je eigenen – nicht gemeinsamen – Ziele verfolgen zu lassen.



Abschließend kommt Prof. Kliemt zu einem klaren Ergebnis, dass Geld, Gier und Gemeinwohl nicht widersprüchlich zueinander stehen. Stattdessen sieht er eine weitgehende Vereinbarkeit dieser Elemente. Dabei betont er die Bedeutung einer Balance zwischen Geld, Gier und Gemeinwohl. Da der deutsche, demokratische und umverteilende Rechtsstaat jeden Einzelnen die Ziele soweit wie möglich selbst verfolgen lässt (Gemeinwohl), das Geld eine Steuerungsfunktion aufweist und auch die Gier "gezähmt durch eine Fahrordnung" positiv auf die Gesellschaft wirkt, attestiert der Referent dem aktuellen Rechtstaat eine ausgewogenen Balance von Geld, Gier und Gemeinwohl. Diese gelte es nachhaltig nach Kräften zu erhalten.

Zur Person:

Prof. Dr. Hartmut Kliemt Hartmut Kliemt ist Professor für Philosophie. Er studierte zunächst Philosophie, Soziologie und Mathematik an den Universitäten Regensburg und Göttingen, wechselte dann nach Frankfurt am Main, wo er Philosophie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften belegte. 1974 schloss er dort sein Studium als „Diplom-Kaufmann“ ab.
Als Wissenschaftlicher Assistent ging er an die Universität Dortmund und forschte über „Operations Research“. Von 1976 bis 1980 arbeitete er am Lehrstuhl für Rechts- und Sozialphilosophie (Prof. Dr. N. Hoerster) an der Universität Mainz. Parallel studierte er Philosophie in Frankfurt, wo er 1977 promovierte. Gefördert durch ein DFG Stipendium habilitierte sich Hartmut Kliemt 1983 im Fachbereich Philosophie an der Universität Frankfurt. Seither arbeitet er interdisziplinär in den Gebieten der politischen Philosophie und der Ökonomik, insbesondere der Gesundheitsethik und -ökonomik.

Anläßlich der Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e.V. lädt die Forschungsgesellschaft zu einem öffentlichen Vortrag ein. Die Teilnahme ist kostenlos, es wird jedoch um Anmeldung per Mail, Fax oder Telefon gebeten.
E-Mail: eric.meyer@wiwi.uni-muenster.de

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