Chancen für einen stabilen Aufschwung:
Zur Halbwertszeit von Jahresgutachten in turbulenten Zeiten

11. März 2011


Prof. Dr. Christoph M. Schmidt
Präsident Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Zusammenfassung des Vortrages

Anlässlich der diesjährigen Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster erwartete die Zuhörer ein weiteres Mal ein hochkarätiger Referent, nämlich einer der fünf Wirtschaftsweisen, Herr Prof. Dr. Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Prof. Schmidt stellte die Ergebnisse des aktuellen Jahresgutachtens des Sachverständigenrates vor, das sich mit den Chancen und Risiken für einen stabilen Aufschwung in Deutschland beschäftigt. Die Präsentation der Ergebnisse wurde begleitet von der Frage, wie lange die Befunde eines Jahresgutachtens in Zeiten einstürmender Ereignisse überhaupt noch Gültigkeit besäßen, schließlich titelte das Jahresgutachten 2009/2010 noch: "Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen". Laut Prof. Schmidt hätten sich seitdem insbesondere drei Dinge grundlegend geändert. Zunächst habe sich die die gesamtwirtschaftliche Lage verbessert, der Arbeitsmarkt sei unerwartet stabil geblieben und die Bundesregierung habe den Kurs der Haushaltskonsolidierung wieder aufgenommen.



Im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse des Jahresgutachtens zeichnete Prof. Schmidt zunächst ein optimistisch stimmendes Bild von der Lage der deutschen Wirtschaft. So nehme das Bruttoinlandsprodukt, nach dem starken Einbruch im Jahr 2009 und einer Erholung im letzten Jahr, im laufenden Jahr voraussichtlich nochmals deutlich um 2,2 Prozent zu. Damit ginge auch eine bessere Ausnutzung des Produktionspotentials einher. Dennoch seien die deutsche Wirtschaft insgesamt noch nicht da, wo sie einmal vor der Krise war. Hierbei wurde die besondere Rolle der Exportwirtschaft herausgestellt. Auf der einen Seite sei die starke Exportorientierung für den starken Rückgang der Wirtschaftsleistung infolge des Einbruchs des Welthandels verantwortlich, auf der anderen habe sie jedoch auch zur schnellen Erholung der Wirtschaft nach der Krise beigetragen. Die Exportorientierung sei daher nicht, wie von einzelnen Stimmen in den Medien vorgebracht, das “falsche Geschäftsmodell“ für Deutschland. Ausschlaggebend für die schnelle Erholung sei unter anderem gewesen, dass die Unternehmen vieler betroffener Branchen ihre Wettbewerbsfähigkeit vor der Krise stark ausgebaut hatten.



Als besonders bemerkenswert stellte Prof. Schmidt die stabile Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt heraus. So seien heute eine Million Arbeitnehmer mehr beschäftigt, als es die zurückliegenden Prognosen des Sachverständigenrates erwarten ließen. Das offensichtliche Versagen dieser Prognosen führt er auf einen Strukturbruch zurück - es wurde nicht in gleichem Maße wie in den zurückliegenden Jahren Menschen entlassen. Stattdessen wurde die Arbeitszeit pro Mitarbeiter zurückgefahren und damit ein erheblicher Teil des Abschwungs von den Unternehmen aufgefangen. Dies wurde erreicht durch Teilzeitbeschäftigung, flexible Tarifverträge, Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld und den Abbau von Überstunden. Die geringe Arbeitslosigkeit relativiere den Vorwurf, dass der Aufschwung noch nicht bei allen ankomme, da auch der Abschwung nicht bei allen angekommen sei. Hinzu kommt eine unterschiedliche Betroffenheit einzelner Sektoren, wobei die Hauptlast von den Beschäftigten im Produzierenden Gewerbe getragen wurde, während in anderen Bereichen fast gar keine Wirkung spürbar war. Für das laufende Jahr prognostiziert das Jahresgutachten eine Reduktion der Arbeitslosigkeit auf durchschnittlich 3 Millionen Arbeitslose.



Den Prognosen des Jahresgutachtens stellte Prof. Schmidt aktuellere Zahlen des RWI gegenüber. Dieses prognostiziere sowohl ein stärkeres Wirtschaftswachstum (2,6%) als auch einen stärkeren Rückgang der Arbeitslosigkeit auf 2,8 Millionen Arbeitslose. Ursächlich für die Verbesserung der Prognosewerte seien auch hier neue Informationen, wie ein gutes erstes Quartal und die Bekanntgabe statistischer Zahlen des Vorjahres. Schmidt machte deutlich, dass die Korrekturen von Prognosen, die häufig als Irrtum interpretiert würden, meist auf neue Informationen oder verbesserte Informationen zurückzuführen sind. Mit besseren Ausgangsdaten lassen sich natürlich auch bessere Prognosen erstellen.



Im Hinblick auf den Aufschwung traf Prof. Schmid ein sehr differenziertes Urteil. In der kurzen Frist bestehe auf internationaler Ebene die Gefahr des Nachlassens der Exportnachfrage und die Gefahr unerwarteter Schocks aus der Finanzwelt. Auf nationaler Ebene stellten vor allem zu hohe Forderungen der Arbeitnehmer und die Abkehr von der Rente mit 67 potentielle Gefahren dar. Langfristig zeichne sich ab, dass das wirtschaftliche durchschnittliche Wachstum im Zuge der Globalisierung steige. Dies würde jedoch von einer ebenfalls steigenden Volatilität der Wirtschaftsleistung begleitet. Daher sei es in der Zukunft eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft, die Schwachen vor den Auswirkungen von Krisen zu schützen. Insgesamt sei Deutschland gut für die Zukunft gerüstet. Aller Prognosen zum Trotz “liege die Wahrheit jedoch auf dem Platz“.

Zur Person:

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt geb. 1962, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim (Diplom-Volkswirt 1987), wurde an der Princeton University promoviert (MA 1989, Ph.D. 1991) und habilitierte sich 1995 an der Universität München. Seit 2002 ist er Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Zum März 2009 wurde Christoph M. Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen.
1995-2002 war Schmidt Ordinarius für Ökonometrie an der Universität Heidelberg. Während seiner Ausbildungwurde er durch eine Princeton University Fellowship (1987-1990), die Alfred P. Sloan Doctoral Dissertation Fellowship (1990-1991) und ein Habilitandenstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG (1992-1995) ausgezeichnet. Seit 1992 war er zunächst Research Affiliate, seit 1996 Research Fellow des Centre for Economic Policy Research (CEPR) in London, seit 1998 ist er ein Research Fellow des IZA in Bonn.

Anläßlich der Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e.V. lädt die Forschungsgesellschaft zu einem öffentlichen Vortrag ein. Die Teilnahme ist kostenlos, es wird jedoch um Anmeldung per Mail, Fax oder Telefon gebeten.
E-Mail: eric.meyer@wiwi.uni-muenster.de

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