Vortrag vor der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e.V.

13.03.2007

Zusammenfassung des Vortrages

"Vertrauensschwund in der Marktwirtschaft?"

Dr. Gerhard Schwarz, der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung, analysierte heute in einem mitreißenden Vortrag vor einem großen Auditorium, den Vertrauensschwund in der Marktwirtschaft. Anlässlich der Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen der Universität Münster unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl, zeigte er auf, wie es geschehen konnte, dass die Menschen das Vertrauen in Politiker und Manager verloren haben.


Peter Gaux, WGZ Bank AG

Dabei könne es in der Wirtschaft auch ein Zuviel an Vertrauen geben, was Korruption und Kartelle begünstige. Deshalb sei Argwohn gegenüber wirtschaftlichen und staatlichen Führungspersönlichkeiten durchaus angebracht. Andererseits komme keine Marktwirtschaft ohne Vertrauen aus. Vertrauen aber kann nur in einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entstehen. Vertrauen und Freie Marktwirtschaft sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Dies begründete Gerhard Schwarz damit, dass eine Überregulierung Vertrauen behindere. Wo Hierarchie, Zwang und Kontrolle herrschen, ist kein Platz für Vertrauen, es kann aber auch nicht entstehen.


Prof. Dr. Theresia Theurl, Dr. Gerhard Schwarz

Zum vielfach beklagten schwindenden Vertrauen haben vier Trends beigetragen. Zum einen ist ein Hang zum Gigantismus zu beobachten. In immer größer werdenden Unternehmen und Organisationen wächst die Entfernung des Einzelnen zum Entscheidungsträger, sodass kein persönliches Verhältnis mehr bestehen kann. Es entsteht ein Ersatzvertrauen in Bildern von Menschen, die via Medien kommuniziert werden. Dieses Vertrauen bricht zusammen, wenn die Bilder als nicht zutreffend erkannt werden. Folglich müsse an die Stelle persönlichen Vertrauens ein Systemvertrauen treten. Dazu kommt eine zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft. Drittens beschleunigen sich Prozesse immer mehr. Die Kurzfristigkeit von Entscheidungen verhindert die Bildung von Vertrauen, denn diese benötigt Stabilität und Kontinuität. Schließlich ist ein fortschreitender Werteverlust in der Gesellschaft zu erkennen. Der Wunsch nach Vertrauen ist die Suche der Menschen nach einem Anker in der unsicheren Welt der Wirtschaft und Politik.


Dr. Gerhard Schwarz

In der jüngeren Vergangenheit existieren zahlreiche Beispiele, in denen Entscheidungsträger viel Vertrauen verspielt haben. Zu nennen sind etwa überhöhte Managergehälter bei gleichzeitigen Massenentlassungen, die Enttäuschung der Anteilseigner, eine unterentwickelte Sensibilität gegenüber den Stakeholdern der Unternehmen, aber auch nicht gehaltene Versprechen auf Seiten der Politiker. Vor dem Hintergrund der vier Trends ist so Vertrauenskapital verloren gegangen, das nur schwer und nicht auf die Schnelle wieder aufgebaut werden kann.

Vertrauensbildende Maßnahmen sind also dringend nötig: Ehrlichkeit, Fairness und Kompetenz der Entscheidungsträger sowie eine offene Kommunikation sind die geeigneten Mittel, Vertrauen bei der Bevölkerung zurück zu gewinnen. Eine ansteigende Detailregulierung der Märkte ist hingegen dafür nicht geeignet. Es ist vielmehr mehr Wettbewerb auf den Führungsetagen von Wirtschaft und Politik zu etablieren, sodass der Einzelne nicht das Gefühl bekomme, Posten würden durch „Filz“ und „Kungelei“ anstatt aufgrund von persönlichen Fähigkeiten und Charakter vergeben. Zum anderen aber ist ein besserer Schutz des Privateigentums notwendig, um die Interessen der Aktionäre gegenüber dem Management stärken zu können. Der „Shareholder Value“ soll also durch eine „Shareholder Power“ ersetzt werden. Vertrauen ist eine Voraussetzung für den Bestand von Staat und Gesellschaft. Es kann nicht per Gesetz verordnet werden.


Dr. Gerhard Schwarz

„ Vertrauen ist eine Vorleistung, die eine Art selbstverstärkende Wirkung entfaltet: „Trust breeds trust“. Vertrauen ist nicht erzwingbar und nicht planbar. Eine freiheitliche Gesellschaft lässt nur Raum dafür, dass Vertrauen entsteht, und sie kann mit liberalen Rahmenbedingungen auch die Basis von Systemvertrauen legen. Ob aber die Menschen auch wirklich einander vertrauen und ob sie die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln einhalten, das entscheidet sich auf einer anderen Ebene, eben jenseits von Angebot und Nachfrage. Es hat viel mit Anstand – welch altmodisches Wort – und Moral zu tun.“


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