Prof. Dr. Dr. h.c. Arnold Picot
Vorstand des Instituts für Organisation und Vorstand des Seminars für Betriebswirtschaftliche Informations- und Kommunikationsforschung, Ludwig- Maximilians- Universtät München

Genossenschaften und Virtualisierung - Perspektiven für die Kooperation 
17.04.2002

Die Folien zum Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Picot finden Sie hier.


Ein verschärfter wirtschaftlicher Wettbewerb zwingt Unternehmen in der heutigen Zeit mehr und mehr dazu, sich auf ihre Kernkompetenzen zu spezialisieren und gleichzeitig durch gezielte Netzwerkbildung mögliche Risiken zu minimieren. Sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker haben dabei das Potential sogenannter virtueller Unternehmen erkannt, welche sich auf Basis immer weiter fortschreitender Informations- und Kommunikationstechnologien zu temporären Kooperationen zusammenschließen, um bestimmte Projekte gemeinsam problem- bzw. kundenorientiert zu lösen.
Dass auch die Genossenschaften sich verstärkt mit der Thematik zukunftsweisender Kooperationsmöglichkeiten auseinandersetzen, zeigt der Gegenstand der Vortragsveranstaltung anlässlich der diesjährigen Mitgliederversammlung der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e.V.: In seinem Vortrag "Genossenschaften und Virtualisierung - Perspektiven für die Kooperation" veranschaulichte Prof. Dr. Dr. h.c. Arnold Picot die Notwendigkeit neuer Kooperationsformen für die unternehmerische Zusammenarbeit und erklärte, wie eine virtuelle Zusammenarbeit gestaltet sein kann. Anschließend ging er der Frage nach, wieso gerade virtuelle Kooperationen von Bedeutung für eine zukunftsträchtige Organisationsplanung sind und welches die Voraussetzungen für eine erfolgreiche virtuelle Zusammenarbeit sind.


1. Neue Anforderungen an Unternehmen durch veränderte Rahmenbedingungen
Veränderte Rahmenbedingungen wie z.B. schnellere Informations- und Kommunikationstechniken oder die Digitalisierung der Leistungserstellung führen dazu, dass ehemalige Wettbewerbsvorteile schrumpfen und Risiken wegen schnellerer Marktzyklen wachsen. Um sich dennoch auf dem Markt behaupten zu können, ist es für die Unternehmen erforderlich, neue Formen der Spezialisierung zu finden und sich in Kooperationen auf dem Markt abzusichern. Dabei ist es für das einzelne Unternehmen wichtig, die neuen Rahmenbedingungen zu erkennen und ihre Potentiale für sich nutzbar zu machen. So bieten die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnik neue Möglichkeiten für die inner- und zwischenbetriebliche Kommunikation: Die Virtualisierung des Unternehmens kann eine Organisation schaffen, welche in der Lage ist, auf die gestiegenen Kooperationserfordernisse einzugehen.

2. Konzept und Prinzip virtueller Formen der Zusammenarbeit
Virtuelle Unternehmen entstehen durch die problem-, kunden- bzw. aufgabenorientierte Vernetzung von Unternehmen, Unternehmensbereichen bzw. einzelnen Arbeitsplätzen. Nach der Abwicklung der Aufgabe löst sich dieses Netzwerk unter Umständen wieder auf. Die Basis für den Zusammenschluss stellt dabei die Informations- und Kommunikationstechnik dar. Wichtig ist hierbei, dass der Zusammenschluss der Unternehmen flexibel und problemorientiert erfolgt und dass unterschiedliche Kompetenzen miteinander vernetzt werden.
Gerade Genossenschaften sind demnach in einigen Punkten einem virtuellen Unternehmen ähnlich organisiert: Mehrere Unternehmer schließen sich aufgaben- bzw. zweckgebunden zusammen, um sich gegenseitig zu fördern und zu ergänzen. So können die verschiedenen Kompetenzen der Einzelnen gebündelt und für den Gemeinschaftszweck genutzt werden. Auf der einen Seite kann die Genossenschaft also als organisatorischer Rahmen für neue Konzepte der Zusammenarbeit herangezogen werden. Auf der anderen Seite eröffnet gerade das Konzept der Virtualisierung neue Potentiale für die Gestaltung von Genossenschaften: So ermöglicht es den Genossenschaften eine höhere Flexibilität, geringere Transaktionskosten und neue Gestaltungsspielräume.

3. Virtuelle Formen der Zusammenarbeit als erfolgsversprechende Organisationsform in der digitalen Wirtschaft?
In vielen Bereichen werden die besonderen Potentiale virtueller Unternehmen als vielversprechender Organisationsform deutlich: So ist z. B. auch in Zukunft mit einer enormen Leistungssteigerung der Informations- und Kommunikationstechniken zu rechnen. Dies bedeutet für virtuelle Unternehmen eine weitere Optimierung des Informations- und Kommunikationsaustausches und durch die hieraus resultierenden weiter steigenden Synergien einen Ausbau ihres Wettbewerbsvorteils gegenüber den meisten herkömmlichen Organisationsformen. Als weiteres Beispiel für die mögliche Vorteilhaftigkeit virtueller Kooperationen dient die Problematik der Spezialisierung: Für ein erfolgreiches Wirtschaften auf dem Markt ist auf Ebene der internen Arbeitsorganisation eine Spezialisierungsreduktion von Vorteil, während auf Ebene der Unternehmen eine zunehmende Spezialisierung anzustreben ist. Traditionellen hierarchischen Unternehmen gelingt genau dies nicht, während virtuelle Formen der Zusammenarbeit die gewünschte Spezialisierungsrichtung in beiden Bereichen zulassen.

4. Voraussetzungen virtueller Organisationen
Damit virtuelle Kooperationen von Erfolg gekrönt werden, sind einige Prinzipien zu beachten: Neue Herausforderungen für Führung und Controlling entstehen z.B. dadurch, dass durch die häufigen Wechsel virtueller Geschäftspartner und eine geringe vertragliche Sicherheit der Aufbau von Vertrauen verstärkt vorangetrieben werden muss. Der Kundenorientierung muss eine noch stärkere Bedeutung zukommen, weil virtuelle Unternehmen vollkommen auf Markt und Wettbewerb ausgerichtet sind. Durch die Notwendigkeit einer geeigneten EDV-Infrastruktur der Kooperationspartner rückt auch die Technik mehr und mehr in den Vordergrund.

5. Fazit
Insgesamt lieferte der Vortrag eine eingehende Auseinandersetzung mit der Thematik virtueller Unternehmen als einer Kooperationsform der Zukunft. Es wurde deutlich, dass das Konzept virtueller Organisationsformen eine interessante Alternative zu bestehenden Organisationsformen ist, welches diese jedoch nicht unbedingt ersetzen, sondern vielmehr sinnvoll ergänzen soll.
Die speziellen Möglichkeiten, welche sich für Genossenschaften auf dem Gebiet der virtuellen Unternehmenskooperation ergeben, wurden mangels fundierter Untersuchungsergebnisse nur angedeutet, scheinen jedoch vielversprechend. Hier stellt sich der genossenschaftlichen Forschung für die Zukunft die interessante wie wegweisende Aufgabe, Chancen und Perspektiven für die Genossenschaften aufzuzeigen.


Herr Gaux, WGZ-Bank
 

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