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IV.1. Inhalte einer zeitgemäßen "Genossenschaftsphilosophie": Konstituierende Merkmale
Die genossenschaftliche Organisationsform hat eine eindrucksvolle Tradition, aber eine unsichere Zukunft. Zu Letzterer tragen ein Informationsdefizit und die "Unbestimmtheit" der konstituierenden Merkmale von Genossenschaften vor den aktuellen Rahmenbedingungen sowie die traditionell verwendeten Analyse- und Argumentationskonzepte bei. Es werden die Merkmale der genossenschaftlichen Kooperation herausgearbeitet, die im aktuellen Systemwettbewerb relevant sind. Auf dieser Basis werden Handlungsempfehlungen für Genossenschaften und ihre Interessenvertretungen zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der "Organisationsform Genossenschaft" und einer entsprechenden Kommunikation abgeleitet.
Theresia Theurl (Fertigstellung 2004)

IV.2. Die Genossenschaftsidee heute: eine institutionenökonomische Analyse
Seit der Entstehung der ersten Genossenschaften Ende des 19. Jahrhunderts unterlag ihr Umfeld grundlegenden Veränderungen. Es stellt sich daher die Frage, ob die Genossenschaft innerhalb dieser neuen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, technischen und politischen Rahmenbedingungen eine ebenso effiziente Kooperationsform für Individuen und Unternehmen darstellt wie zu ihrer Gründerzeit oder ob ihre Attraktivität durch den Wandel beeinträchtigt worden ist.
Um diese Frage beantworten zu können, sollen im Rahmen dieses Forschungsprojektes die Einflüsse der heutigen Rahmenbedingungen auf die genossenschaftliche Organisationsform sowie deren zugrunde liegenden Mechanismen untersucht werden. Dargestellt werden die Rahmenbedingungen in Form von aktuell propagierten und real nachweisbaren Megatrends, die eine Operationalisierbarkeit des recht allgemeinen Begriffs der Rahmenbedingungen erlauben. Um differenzierte Aussagen zu erhalten, werden die identifizierten Megatrends jeweils einzeln mit den spezifischen Merkmalen, welche die Genossenschaft von anderen Organisations- und Kooperationsformen abgrenzen, in Verbindung gebracht und mit dem theoretischen Instrumentarium der Neuen Institutionenökonomik analysiert. Es stellt sich heraus, dass Kooperationen aufgrund des Zusammentreffens von Flexibilität und Größenvorteilen den heutigen Umfeldbedingungen entsprechen und dabei vor allem der Erhalt der Selbständigkeit der Kooperationspartner - wie in der Genossenschaft realisiert - geeignete Anreizstrukturen bietet.
Angela Kock (Fertigstellung 2004)

IV.3. Genossenschaften und die Rolle des geistigen Eigentums in der Internet-Ökonomie
Es werden die Auswirkungen der zunehmenden Verbreitung des Internets auf die Strategie und Organisation von Unternehmen untersucht. Ein zentraler Aspekt der Analyse ist der Umgang von Kunden und Herstellern mit deren wachsenden Abhängigkeiten von Informations- und Kommunikationstechnologien in einer von Netzwerkexternalitäten gekennzeichneten Wirtschaftsordnung. Es werden die wechselseitige Beeinflussung von Transaktionskosten auf der einen Seite und dem Internet auf der anderen Seite sowohl für die Konsumenten als auch für die Produzenten dargestellt. Weiterhin werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie aus organisationstheoretischer Sicht auf dieses Situation reagiert werden kann. Die Kooperation mit Konkurrenten oder Mitbewerbern kann eine Form sein, solchen Abhängigkeiten zu begegnen, bzw. sie für eigene Zwecke erfolgreich zu nutzen. Beispiele aus der Praxis sollen belegen, dass in diesem dynamischen Wettbewerbsumfeld Kooperation, u.a. in der Rechtsform der Genossenschaft, deutliche Vorteile bieten kann. Einen Schwerpunkt nimmt dabei die ökonomische Analyse des Umgangs mit geistigem Eigentum sowohl aus betriebs- wie auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ein. Die aktuellen technologischen Möglichkeiten führen zu ganz neuen Herausforderungen im Umgang mit den Verfügungsrechten an geistigem Eigentum. Es wird untersucht, inwieweit die klassischen Argumente zum Schutz des geistigen Eigentums (Beispiel Patentrecht, Urheberschutz usw.) noch Gültigkeit haben. Es wird gezeigt, dass zur Entschärfung oder sogar Lösung von vielen Problemen, die aus dem Verzicht auf Eigentumsrechte resultieren, die genossenschaftliche Organisationsform eine passende und adäquate ist.
Klaus Rahmen-Zurek (Fertigstellung 2004)

IV.4. Identifikation durch interne Kommunikation der konstituierenden Merkmale
Das Projekt beschäftigt sich mit der genossenschaftsinternen Kommunikation als Schlüssel zur Identifikation der Mitglieder mit ihrer Genossenschaft und deren Werten. Kommunikation bildet das Netzwerk zwischen den Mitgliedern und den Genossenschaftsorganen und stabilisiert so die Genossenschaft. Sie dient dem Austausch, der Vermittlung von Informationen, der Vereinbarung von Regeln und dem gegenseitigen Kennenlernen. Sie ergänzt und korrigiert unvollständige und asymmetrische Informationen und erhöht die Transparenz in der Genossenschaft. Kommunikation fördert Vertrautheit und unterstützt die Signalisierung von Glaubwürdigkeit in der Zusammenarbeit. In der Kommunikation liegt der Schlüssel zu Identifikation und Partizipation und damit für die Mitgliederbindung. Diese Wirkungsketten werden theoretisch analysiert und durch Fallbeispiele ergänzt. Auf dieser Basis werden Instrumente und Strategien einer effektiven genossenschaftliche Kommunikation abgeleitet.
Barbara Schmolmüller (Fertigstellung 2004)

IV.5. Erfolgsfaktoren des Lobbying in Brüssel - Konzeptualisierung, Analyse und Handlungsempfehlungen für Genossenschaften
80% der wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden heutzutage von der EU bestimmt, was den Handlungsspielraum von Unternehmen beeinflusst. Daher haben Genossenschaften ein strategisches Interesse in der Bestimmung der Erfolgsfaktoren bei der Beeinflussung der gesetzgebenden Arbeit der EU. Eine Theorie gestützte umfassende Analyse der Erfolgsfaktoren im Lobbying wurde bislang noch nicht durchgeführt und soll im Rahmen dieses Projektes unter Verwendung der Neuen Institutionenökonomik sowie der Erkenntnisse des Relationship- und Dienstleistungsmarketing geleistet werden. Auf Basis dieser Theoriebausteine sowie Erkenntnissen aus Studien und Expertengesprächen wurde ein Hypothesensystem abgeleitet, welches im Rahmen einer empirischen Befragung überprüft wird. Der Fragebogen wurde an 500 internationale genossenschaftliche und nicht-genossenschaftliche Organisationen gesandt, welche ihre Interessen gegenüber den europäischen Entscheidungsträgern repräsentieren bzw. vermitteln. Unter Verwendung von Strukturgleichungsmodellen werden die Ursachen identifiziert, die erfolgreiche von weniger erfolgreichen Interessengruppen unterscheiden. Darauf aufbauend wird ein Lobbying-Konzept für genossenschaftliche Interessengruppen entworfen.
Kerstin Liehr-Gobbers (Fertigstellung 2004)

IV.6. Virtuelle Unternehmen und Genossenschaften
Durch die zunehmende Größe und Schnelligkeit der Märkte sind insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen gezwungen, Kooperationen einzugehen. Dauerhafte Kooperationen werden jedoch u.a. aufgrund immer kürzer werdender Produktlebenszyklen erschwert, so dass die Bildung virtueller Unternehmen als kurzfristige Kooperationsform in der Praxis immer stärker an Bedeutung gewinnt.
Um ein virtuelles Unternehmen möglichst schnell und unkompliziert bilden zu können, schließen sich mehrere Unternehmen zu einem sog. Basisnetzwerk zusammen. Auftragsspezifisch kommen einzelne Netzwerkteilnehmer mit den erforderlichen Kernkompetenzen zusammen, um im virtuellen Verbund den jeweiligen Kundenauftrag zu bearbeiten.
Die Organisationsform des Basisnetzwerkes ist Gegenstand dieser Arbeit. Auf den ersten Blick bietet die Rechtsform Genossenschaft vielerlei Vorteile für das virtuelle Unternehmen. Das Förderungsprinzip der Genossenschaft stimmt mit der Rolle des Netzwerkes als Vermittler von Aufträgen überein und durch die Mitgliederdemokratie ist eine Gleichberechtigung der teilnehmenden Unternehmen garantiert.
Mit Hilfe des Ansatzes der Transaktionskosten- sowie der Principal-Agent-Theorie werden bestehende Anreize und Abhängigkeiten innerhalb des Basisnetzwerkes analysiert. Im Anschluss daran werden entsprechende Absicherungsmöglichkeiten einzelner Organisationsformen wie der AG, der eG oder der GbR untersucht und gegenübergestellt. So kann aufgezeigt werden, welche Organisationsform am besten geeignet ist, um ein effizientes Funktionieren des Basisnetzwerkes zu gewährleisten.
Nina Tantzen (Fertigstellung 2004)

IV.7. Genossenschaften als Rechtsform kommunaler Wirtschaftstätigkeit
Die Liberalisierung einzelner Wirtschaftsbereiche, wie der Strom- und Gasmärkte, bedeutet für die kommunalen Unternehmen eine große Herausforderung, die ihre Geschäftstätigkeit grundlegend ändern wird. Es sind neue Wertschöpfungsketten aufzubauen. In diesem Zusammenhang ist die Überlegung interessant, ob die genossenschaftliche Organisationsform von neuer Bedeutung sein kann. Dabei lassen sich zwei Optionen unterscheiden: die Genossenschaft als Rechtsform für die Privatisierung von kommunalen Unternehmen und die Genossenschaft als Kooperationsform für kommunale Unternehmen im liberalisierten Strom- und Gasmarkt. Im Rahmen dieser Arbeit werden die regulatorischen Bestimmungen der Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie und ihre nationale Umsetzung im Energiewirtschaftsgesetz dargestellt und die Konsequenzen für den Strom- und Gassektor erläutert. In Kombination mit den Regelungen für die Wirtschaftstätigkeit von Kommunen wird die Eignung der genossenschaftlichen Organisationsform für die kommunale Wirtschaftstätigkeit untersucht. Es zeichnen sich erhebliche Kooperationspotenziale auf allen Wertschöpfungsstufen (vor allem Vertrieb, Beschaffung, nachgelagerte Energiedienstleistungen) ab, während Genossenschaften bei der formellen Privatisierung wohl anderen organisatorischen Arrangements unterlegen sind.
Theresia Theurl / Eric Meyer (Fertigstellung 2005)

IV.8. EDEKA-Gruppe: eine ökonomische Analyse der Entwicklung und ihrer Determinanten sowie ihrer Wettbewerbsfähigkeit
Die EDEKA-Gruppe ist ein freiwilliger Zusammenschluss selbständiger Einzelhandelskaufleute des Lebensmittelhandels und eine der größten Kooperationsgruppen des Handels in Europa. Aufbau und Willensbildung erfolgen nach den genossenschaftlichen Prinzipien von "unten nach oben", vom örtlichen Mitglied über die regionalen Großhandelsbetriebe bis zu den Zentralorganisationen der EDEKA. Hier sind vor allem der EDEKA Verband, die EDEKA Zentrale, die EDEKA Bank sowie zahlreiche Beteiligungs- und Kooperationsgesellschaften zu nennen.
In diesem Forschungsprojekt wird untersucht, wie sich die EDEKA Gruppe seit ihrer Gründung 1907 unter den sich ständig ändernden Wettbewerbsbedingungen entwickelt hat. Aus dem ursprünglichen, allein auf den gemeinschaftlichen Einkauf ausgerichteten Verbund hat sich im Zeitraum von fast hundert Jahren eine starke Kooperationsgruppe entwickelt, die ihren Mitgliedern ein immer größeres Leistungspaket bietet.
Zunächst sollen in einer institutionenökonomischen Analyse die Vorteile von Einkaufsgenossenschaften untersucht werden. Dazu zählen neben dem berechtigten Vertrauen in die Genossenschaft vor allem die demokratischen, sozialen und persönlichen Elemente sowie die Einsparung von Transaktionskosten, die durch die häufig wiederkehrenden und dauerhaften Transaktionen erreicht werden kann. Auch die Möglichkeiten der Genossenschaftsmitglieder zur Absicherung ihrer faktorspezifischen Quasirenten sollen deutlich herausgearbeitet werden. Unter Quasirente versteht man die Ertragsdifferenz zwischen der aktuellen und der zweitbesten Verwendungsmöglichkeit eines Produktionsfaktors. Diese spielt bei den selbständigen Lebensmitteleinzelhändlern eine große Rolle, denn außerhalb der genossenschaftlichen Verbundgruppen gibt es kaum noch eine Möglichkeit zur Selbständigkeit in dieser Branche. Genossenschaften bieten hier besondere Vorteile zur Absicherung der Quasirente.
Im Mittelpunkt des Projekts steht der institutionelle Wandel des genossenschaftlichen Entwicklungspfades, den die EDEKA bei ihrer Gründung eingeschlagen hat. Es wird in einer dynamischen Analyse untersucht, wie sich die wechselnden Rahmenbedingungen auf die gewählte Organisationsform auswirkten und welche Anpassungen stattgefunden haben. Der Wandel findet dabei immer unter Beibehaltung der grundlegenden Idee des Pfades statt.
Die EDEKA hat sich bei allen Anpassungen immer an der genossenschaftlichen Idee orientiert. Alle Anpassungen waren somit nur unter Beibehaltung dieser Grundidee möglich und konnten nur schrittweise erfolgen. Vor allem der seit den sechziger Jahren in der Lebensmittelbranche herrschende Konzentrationsprozess spielt hier eine entscheidende Rolle. Es stellt sich die Frage, ob die genossenschaftliche Organisationsform dem Wettbewerb mit zentral organisierten Filialbetrieben gewachsen ist. Hier bestanden und bestehen für die EDEKA Gruppe besondere Herausforderungen. Vor allem die ständige Vergrößerung der Verkaufsflächen und das Verschwinden kleinerer Geschäfte stellen einen wesentlichen Umbau der Gruppe dar. Hier stellt sich im Besonderen die Frage, ob die genossenschaftliche Organisationsform heute und in Zukunft für die EDEKA Gruppe noch geeignet ist. Das Projekt endet in diesem Jahr.
Sebastian Kretschmer (Fertigstellung 2005) |