| Wissenschaft und Praxis im Gespräch - Hannover 20.10.03 Finanzierung des Mittelstandes - eine Herausforderung für Genossenschaftsbanken
Am 20. Oktober fand der zweite Teil der neu konzipierten IfG-Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis im Gespräch" in Hannover statt. Experten der Kreditanstalt für Wiederaufbau, der Creditreform Rating AG, der WGZ-Bank als auch der Politik, des Mittelstandes und der Wissenschaft präsentierten Vorträge zum Thema der Mittelstandsfinanzierung und der Rolle der Genossenschaftsbanken. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die kontrovers geführte Podiumsdiskussion. Das Resümee der Veranstaltung fiel unerwartet deutlich aus: Nicht klagen, sondern Lösungen suchen.
Der Mittelstand und damit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft befindet sich immer noch in einer tiefen Strukturkrise. Im Jahr 2003 ist von einem Höhepunkt von über 40.000 Firmeninsolvenzen auszugehen. Den sechs führenden Wirtschaftsinstituten zur Folge, ist das Wirtschaftswachstum für 2003 bei Null angelangt. Jetzt sind Lösungen gefragt, um die Krise offensiv anzugehen.

Prof. Dr. Theurl
Nach Ansicht von Dr. Dirk Plankensteiner vom der Kreditanstalt für Wiederaufbau ist die Unternehmensfinanzierung im Jahr 2002 schwieriger geworden, jedoch könne von einem "credit crunch", also einer Kreditklemme nicht gesprochen werden. Ursächlich hierfür seien drei Megatrends: die Veränderungen der Informations- und Kommunikationstechnologien, die De- und Reregulierung der Finanzmärkte und die Globalisierung. Genauer betrachtet zeige sich, dass der Strukturwandel auf den globalen Finanzmärkten verstärkt zu einer Shareholder-Value-Kultur führt und damit auch Auswirkungen auf die Genossenschaftsbanken nach sich zieht. So werden nach seiner Einschätzung Landesbanken ihr gutes Rating verlieren. Der unmittelbare Grund für die Einführung von differenzierten Zinskonditionen im Kreditgeschäft sind die Möglichkeiten der IuK-Technologie und das Vorhandensein von praxistauglichen Rating- und Pricing-Modellen, mit denen jedes einzelne Engagement analysiert, geratet und mit einer individuellen Zinsmarge versehen werden kann. Die Banken können dann für jedes einzelne Kreditengagement sicherstellen, dass alle Kosten einschließlich der (erwarteten) Risikokosten gedeckt sind und somit Verluste vermeiden. Zudem werden sie zusehends ihre Erfolgsbeiträge steigern müssen. Die übliche Quersubventionierung schwacher Geschäftsbereiche müsse dabei eingestellt werden, da die Zunahme von spezialisierter Konkurrenz in allen Bereichen Wettbewerbsdruck erzeugt. Sein Fazit lautet, dass der Wandel im Bankensystem eingesetzt hat, an dessen Ende kein angelsächsisches, jedoch ein anderes Bankensystem stehen werde. Dass jedoch Eigenkapital zu einem stärkeren Bonitätsfaktor für den Mittelstand wird, dass Banken ein gestiegenes Risikobewusstsein zeigen müssen und dass die Auswahl der Finanzierungsinstrumente für den Mittelstand komplexer wird - obwohl weiterhin die bewährten langfristigen Kredite am stärksten nachgefragt werden - darüber besteht kein Zweifel.
Dr. Michael Munsch, Vorsitzender der Creditreform Rating AG, nahm zuerst zu den aktuellsten Änderungen von Basel II Stellung. Seiner Meinung nach werde der Wechsel einer expected loss zu einer unexpected loss Betrachtung eine erhebliche Zahl von neuen Impact-Studies folgen lassen, weshalb es zu einer erheblichen Verzögerung von Basel II kommen werde. Der Mittelstand hat klare Aufgaben vor sich. So müsse die Eigenkapitalquote wieder innerhalb des Betriebes optimiert werden. Das komplexere Angebot von Finanzierungsmöglichkeiten macht es darüber hinaus erforderlich, spezifisches Finanz-Know-How aufzubauen. Die Credit Reform Rating AG bietet eigens dafür ein Externes Rating als Dienstleistung an. 150 Unternehmen haben sich einem externen Rating unterzogen, um gegenüber Banken, Zulieferern oder Abnehmern ein Bonitätszertifikat vorweisen zu können. Der Rating-Prozess nimmt dabei 4-6 Wochen in Anspruch und enthält ein Rating-Zertifikat und einen Rating-Bericht. Die neue Berufgruppe des Rating-Beraters wird damit zeitgleich mit Basel II Einzug halten. Zugleich bestritt Munsch jedoch, dass Basel II ursächlich für diesen Wandel war. Eher kommt dem Basel-Accord die Rolle eines Katalysators zu, der den Wandel zu einer risikoadäquateren Beurteilung der Kreditnehmer beschleunigt, jedoch nicht verursacht hat.
 
Herr Großweischede, Herr Plankensteiner (v.l.)
Als letzter Redner analysierte Bankdirektor Gerd Streuber, Mitglied des Vorstandes der Volksbank Hildesheimer Börde eG, die Perspektiven der genossenschaftlichen Hausbankbeziehung. Mit Hilfe einer Stärken/Schwächen-Analyse (SWOT) kam er zu folgenden Einsichten: Die Stärken der Genossenschaftsbanken liegen in einer Hausbankbeziehung mit dem Kunden. Grundlage dafür ist ein Vertrauensverhältnis, das aufgebaut und erhalten werden muss. Die örtliche Marktkenntnis, die Kundennähe und die Verbindungen mit der Region sind dabei Erfolgsfaktoren. Doch Nähe kostet Geld, da das Wachstum durch das Regionalprinzip eingeschränkt wird. Chancen ergeben sich durch eine steigende Nachfrage an Finanzprodukten, die die regionalen Anbieter bereitstellen müssen und für die die Firmenkundenberater geschult werden müssen, damit die Volksbanken den gestiegenen An-forderungen des Wettbewerbs gerecht werden können. Hierin liegen auch die Risiken, denn der Firmenkundenberater muss gegen hochspezialisierte Konkurrenz antreten, die im Gegensatz zu ihm nahezu wöchentlich in neuen Finanzprodukten geschult wird. Doch auch im Mittelstand selber sind Probleme auszumachen. Im Vergleich zu den USA oder anderen Ländern Europas sind deutsche mittelständische Unternehmen mit einer extrem niedrigen Eigenkapitalquote gekennzeichnet. Als weiteres Problem machte Bankdirektor Streuber die etwa 300.000 Firmenübergaben in den nächsten Jahren aus, deren Firmennachfolge oftmals nicht im Vorfeld geklärt wird. So müssen sich die Genossenschaftsbanken bald über ihre Strategie klar werden - Exit oder Repositionierung. Für Bankdirektor Gerd Streuber gibt es keine Alternative zur Repositionierungsstrategie, jedoch muss diese dann mit aller Kraft umgesetzt werden.
Mangel an Transparenz, unternehmerischem Engagement und gesellschaftlicher Anerkennung im Zentrum der Podiumsdiskussion
In der von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierten Podiumsdiskussion die Finanzierungsproblematik zwischen Mittelständlern und Bankern kontrovers diskutiert. Der Mittelstand war durch zwei Unternehmer repräsentiert: Auf der einen Seite Ulrike Schaper, Baunter-nehmerin aus Sehlem mit einem Unternehmen in der vierten Generation. Auf der anderen Seite Dr. Gisbert Vogt, Vorstand der part AG, die sich mit der vollintegrierten Projekter-schließung und -finanzierung befasst.

Podiumsdiskussion
Dr. Gisbert Vogt machte deutlich, dass sein Unternehmen nie das Hausbankprinzip verfolgt habe, um nicht in Abhängigkeit zu geraten. Erfahrungen mit willkürlichen Kreditkündigungen machen es gerade notwendig, sich besser abzusichern, nicht auf eine alleinige Hausbank zu vertrauen und sich deshalb breiter aufzustellen. Würden die Vorgaben von Basel II in gewohnt perfektionistischer Art und Weise in den Banken eingeführt werden, würde Deutschland ein weiterer Wettbewerbsnachteil erwachsen. Die Banken wären gut beraten, wenn sie die Umsetzung in den europäischen Nachbarstaaten genau beobachten und sich an den Praktiken der Franzosen, Italienern oder Österreichern orientieren.
Mit einem Appell nicht Gefangener eigener Erfahrungen zu werden, bekannte sich Bankdirektor Werner Böhnke, Vorsitzender des Vorstands der WGZ-Bank ausdrücklich zu Mittelstandskrediten. Das Kreditgeschäft sei das ureigenste Geschäftsfeld, ein risikobewusster Umgang mit Kreditnehmern ist deshalb Kern einer Geschäftspolitik, wie sie gerade auch von Mitgliedern und der Öffentlichkeit gefordert würde. Die Probleme des Mittelstandes, so Böhnke, seien weniger in einer zu restriktiven Kreditvergabepolitik als vielmehr im ausufernden administrativen Aufwand, der orientierungslosen Steuergesetzgebung und einer Ausbildungsmisere zu suchen. Angesichts eines Anstiegs der Firmeninsolvenzen von 9.800 im Jahre 1992 auf 39.000 im Jahr 2002 und nicht zu letzt einer durchschnittlichen Eigenkapitalquoten von 10%, ist es sogar die Pflicht der Banken auf Transparenz zu bestehen.
Dass die Banken mit Kreditvergaben sogar noch großzügiger wären, als sie eigentlich müssten, belegte Hartmut Schauerte, Abgeordneter des Deutschen Bundestags und mittelstandspolitischer Sprecher der CDU/CSU Fraktion. Während die Investitionen in Deutschland um 11% zurückgegangen seien, sind die Investitionszusagen für Kredite nur um 7% zurückgegangen. Er warnte ausdrücklich vor einer Bankenkrise wie in Japan, die durch eine Finanzblase den Bankensektor in ein über zehnjähriges Tief geworfen hatte. Er forderte auf, die politischen Grabenkriege zu beenden, weil eigentlich klar sei, was es zu tun gilt: ein einfaches Steuersystem, eine vorgezogene Steuerreform, eine schnelle Entriegelung des Arbeitsmarktes und das unbürokratische Umsetzen von Basel II.
Detlef Leinberger, Mitglied des Vorstandes der Kreditanstalt für Wiederaufbau, forderte eine Verbesserung der Situation des Mittelstandes, damit es überhaupt zu einer gesamtgesellschaftlichen Verbesserung kommen könne. Deutschland besitzt eine ausgeprägte Mittelstandskultur, die von der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit mehr als 200.000 Krediten im Jahr gestützt wird. Dabei will die KfW die Zusammenarbeit und den Strukturwandel mit dem Bankensektor gemeinsam gestalten.
Werner Böhnke, Vorsitzender des Vorstands der WGZ-Bank brachte die Diskussion nochmals auf den Punkt. Es sei die Aufgabe der Firmenkundenberater von Genossenschaftsbanken herauszufinden, was den Mittelstand wirklich quält. Dazu bedarf es spezifischer Branchenkenntnis und Know-How des Firmenkundenberaters, welches die Banken fördern müssen. Es müsse sich gesamtgesellschaftlich wieder eine Unternehmenskultur herausbilden, in der sich Leistung lohnt und nicht jedes Jahr 100.000 ausgebildete junge Arbeitskräfte ins Ausland abwandern müssen.
So bleibt auch über die von Prof. Dr. Theresia Theurl moderierte Podiumsdiskussion hinaus festzuhalten, dass für die Bewältigung der tiefen Strukturkrise unternehmerisches Engagement und seine gesellschaftliche Anerkennung erforderlich sind. |